Spieglein, Spieglein an der Wand

Eva Hartmann

Eva berichtet in der neuen Folge ihres Gewichtshalbierungs-Blogs von der Schwierigkeit, sich im Spiegelbild anzusehen, und erklärt, was das mit ihrem Studienfach zu tun hat.



Ich studiere Philosophie, ein Studienfach, dass einen geistig nicht unbedingt gesünder werden lässt während all der Jahre, die man damit beschäftig ist, sich zwischen Ontologie, Hermeneutik, Logik, Sophistik und all dem anderen Quatsch hindurchzulavieren.

Böse Zungen behaupten gar, die meisten Studenten diesen Faches studierten selbiges nur deshalb, weil es billiger käme, als eine stationäre Psychotherapie – aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Worauf ich hinauswill: Nach neun Semestern Philosophie kann man mache Dinge nicht mehr unbeeinflusst betrachten. Am wenigsten sich selbst.



Das fängt schon an, wenn man das Fitnesscenter betritt und von der neuen und noch ungeübten Rezeptionistin gefragt wird: "Wer bist du?"

Wo andere Menschen vermutlich einfach ihren Namen nennen würden reagiere ich verdutzt: "Wenn ich das mal selber wüsste!"
Etwas irritiert checkt mich das Mädchen ein und reicht mir einen Spindschlüssel. Meine Frage, ob das ein Schlüssel zu einem großen Spind sei, verneint sie – es seien keine großen mehr frei.
Das ist in der Tat ein Problem – nicht, weil ich so viel Gepäck hätte, dass ein kleiner Spind nicht ausreichen würde, nein: Die großen Spinde sind in den Zwischengängen angeordnet und befinden sich damit garantiert nicht vor einem der zahlreichen großen Spiegel. Erwischt man dagegen einen kleinen Spind, kann man davon ausgehen, sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit direkt vor einem Spiegel umziehen zu müssen. Und mit dem, was speziell ich in selbigem sehe, kann ich –beeinflusst durch all das, was mir die Philosophie so über das Sein, das Ich, das Selbst, die Substanz, die Materie, die Form und das Wesen beigebracht hat– nicht mehr gut umgehen.



Dabei geht es nicht primär um ästhetische Aspekte. Um mich von großen Speckrollen, Orangenhaut und Schwangerschaftsstreifen eher abgestoßen als angezogen zu fühlen, musste ich nicht erst vier Jahre Philosophie studieren.
Das eigentliche Problem ist: Ich erkenne diese Frau im Spiegel nicht mehr.

An die Stelle meines Spiegelbildes ist jemand getreten, in dem ich mich nicht wiederfinde. Ich habe mich anders in Erinnerung. Dieses mir wie eine Grimasse erscheinende, viel zu runde Gesicht gehört mir nicht; diese speckigen Arme, dieser riesige Bauch, diese dicken, unförmigen Beine, das bin alles nicht ich. Wenn dieses Spiegelbild überhaupt noch etwas mit mir zu tun hat, dann zeigt es eine verzerrte, gestauchte, entstellte Ansicht dessen, was ich irgendwann mal war. Es scheint, als hätte ich die Gewissheit darüber verloren, wer ich bin.

Zuletzt ist mir das beim Friseur aufgefallen, als ich um einen moderat-abgefahrenen Haarschnitt bat, und am Ende aussah wie eine Mischung aus einer Fledermaus und einer Militärlesbe. Damals hat die Friseurin dann diesen runden Handspiegel hinter mir herumgeschwenkt und ganz stolz verkündet: "Das bist du!" "Ach", dachte ich, "interessant. Das soll ich sein? Bitte, wenn du meinst..." Es war vielmehr dieser eine Satz aus dem Mund der Friseurin, als der verhunzte Haarschnitt, der mich kurzfristig in eine mittelschwere Identitätskrise stürzte.

Das einzige, was sich nicht verändert hat während der letzten Jahre, sind meine Augen. Irgendwo dahinter, denke ich, sitzt die, die ich mal war. Eingesperrt, gewissermaßen verschlungen von diesem viel zu großen Körper.

Mir selbst in die Augen zu gucken, fällt mir ungeheuer schwer. Während ich mich also vor einem dieser riesigen Spiegel umziehen muss, versuche ich deshalb, meinen Blick am allerwenigsten über mein Gesicht schweifen zu lassen, halte den Kopf gesenkt, um mich, wenn sich diese Selbstbetrachtung schon nicht vermeiden lässt, nur mit den Körperteilen unterhalb meines Kinns auseinandersetzen zu müssen.



Was für einen Menschen soll dieser Körper eigentlich repräsentieren, in dem ich da stecke?

Erst neulich habe ich darüber mit einer Freundin geredet. Habe mir das übliche "aber du hast doch so einen tollen Charakter" und dieses inflationierte "es kommt doch nicht nur auf das Äußere an" angehört. All dieses Gesäusel über die inneren Werte.
Ist es denn nicht doch so, dass Innen und Außen untrennbar miteinander verbunden sind?

Ich meine: wenn man sich das ganze mal ganz plump räumlich vorstellt, dann definiert sich das eine sogar über das andere und keines von beiden könnte ohne das andere erkannt werden oder überhaupt existieren. Wer interessiert sich für das, was in mir steckt, wenn ihm mein Äußeres schon nicht gefällt?

Wie viel ist meine Loyalität, meine Ehrlichkeit, meine Hilfsbereitschaft wert, wenn sie in einer Hülle steckt, die dem Betrachter Trägheit, Schwere und Resignation vermittelt? Glücklicherweise habe ich immerhin eine handvoll Freunde, die sich diese Frage nie gestellt oder sich über sie hinweg gesetzt haben. Aber mit denen verbindet mich ja, um mal etwas intimer zu werden, auch kein Interesse, dass über Freundschaft hinausgeht.

Wenn das stimmt, was meine Freundin mir da letztens gesagt hat, könnte ich den nächsten Menschen, der mich sexuell interessiert, einfach mal fragen, ob er nicht Lust auf ein kleines Abenteuer mit meinen inneren Werten hat: "Na gut, ich seh’ zwar scheiße aus, aber ich hab ’nen spitzen Charakter, der kann super vögeln!" – dumme Idee? Na seht ihr, so einfach ist das mit der Unabhängigkeit des Innen vom Außen eben doch nicht.

Als ich mich fertig umgezogen habe, ist es mal wieder soweit: All diese Wut auf diesen Körper, der nicht meiner ist, will nach draußen. Sie ist so groß, dass der PUMP!-Kurs heute nicht ausreicht, um sie loszuwerden – also nehme ich kurzerhand auch noch am sofort anschließenden Box-Fitness-Kurs teil.
Dieser ist so unglaublich energiegeladen, so hart, so schnell, dass ich zwischendurch kurze Pausen machen muss, um nicht umzukippen. Doch bin ich von der ersten Übung an so süchtig, dass ich immer sofort wieder einsteige, sobald ich gerade eben wieder Luft bekomme. Gegen das hier kommt mir PUMP! wie eine gemäßigte Aufwärmübung vor.
Es ist unglaublich anstrengend, aber es hilft: Ich schreie, boxe, trete und schwitze die ganze Wut bis zum allerletzten Rest und noch darüber hinaus aus mir heraus. Wenn dieser Körper auch sonst zu nicht viel nutze ist, so setzt er jetzt immerhin reichlich Adrenalin und Hurra-Atome frei – die ganze Stunde erlebe ich als ein einziges Glücksgefühl, als einen durchgehend andauernden Kick.

Als ich den Saal am Ende hechelnd, knallrot und tropfnass verlasse, steht fest: Ich werde nächste Woche wieder teilnehmen. Und übernächste auch. Und irgendwann werde ich es auch schaffen, mich während des Trainings im Spiegel betrachten zu können.