Speed Reading - schneller lesen, mehr verstehen

Christoph Müller-Stoffels

Information! Ohne Information kommen wir heute nicht mehr aus. Es geht darum, informiert zu sein, zu wissen und komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Um die Informationen zu bekommen, müssen wir lesenlesenlesen. Das nimmt Zeit in Anspruch. Eine Lesegeschwindigkeit von 200 bis 400 Wörtern pro Minute ist normal. Viel ist das nicht. Allerdings lässt sich das Tempo erhöhen. Den doppelten bis dreifachen Wert zu erreichen ist einfach. Speed Reading heißt das Zauberwort.

"Was die Wissenschaft uns bis heute wirklich bewiesen hat, ist die Tatsache, dass der Geist unendlich subtiler ist, als wir früher angenommen haben, und dass die Menschen, die das besitzen, das man ironischerweise einen "normalen" Verstand nennt, über viel größere Fähigkeiten und ein viel höheres geistiges Potential verfügen, als wir früher für möglich gehalten hätten." Der Autor dieser Zeilen ist kein geringerer als Tony Buzan (Foto rechts), Erfinder der Mind Map-Methode und maßgeblich an der Entwicklung des Speed Reading beteiligt.


Speed Reading ist die populärste Methode im Pool von Ideen, wie der moderne Mensch der Datenflut Herr werden soll. Die Idee dahinter ist, seine natürlichen Auffassungsfähigkeiten zu optimieren, indem man die Augen trainiert, nicht immer hin und her zu springen, was sie von Natur aus gerne machen. Das hat damit zu tun, dass in unserer Zeit als Jäger und Sammler Bewegung oft Gefahr bedeutet hat. Auch im Straßenverkehr schützt uns die Tendenz der Augen vor Ungemach, dorthin zu schauen, wo sich etwas bewegt. Zum Lesen allerdings sind unsere Augen eigentlich höchst ungeeignet.

Anfangen soll man nun wie in der Grundschule mit einer Lesehilfe. Mit einem Stift, einem Lineal oder einem Essstäbchen wird die Zeile markiert, die gerade gelesen werden soll. Allein ein Drittel der Zeit beim Lesen geht Schätzungen zufolge durch das Suchen der richtigen Zeile drauf. Auch ständiges hin- und herspringen reduziert die Geschwindigkeit drastisch. Grund dafür ist meist Unkonzentriertheit. Deshalb sind Konzentrationsübungen ein wichtiger Teil allen Schaffens. Auch die richtige Körperhaltung, die richtige Beleuchtung und die Übung, möglichst große Bereiche ins Blickfeld mit einzubeziehen, gehören dazu.

Besonders letzteres, also die Vergrößerung des Blickfelds, macht sich das von Paul R. Scheele entwickelte Photo Reading zu nutze. Während Speed Reading verspricht, die Lesegeschwindigkeit auf etwa 900 Wörter pro Minute (WpM) zu erhöhen (der Weltrekord im Speed Reading liegt bei 3850 WpM - das ist verdammt viel!), verspricht das Photo Reading Erfolge im fünfstelligen Bereich. Allerdings hat das mit lesen im herkömmlichen Sinn nicht mehr viel zu tun. Bevor man sich wirklich mit dem Buch vertraut macht, versetzt man sich in den so genannten Alpha-Zustand, einen entspannter Zustand erhöhter Wachheit. Dann macht man sich mit dem Buch vertraut und blättert es zügig von vorne bis hinten durch. Einer weiteren Entspannungsphase folgt das eigentliche Photo Reading, für das es verschiedene Techniken gibt. Eine ist die, die auch für 3-D-Bilder angewandt wird ? durch das Buch hindurch schauen. So blättert man wieder das Buch durch. Die Informationen werden dabei aufgenommen und müssen nun aktiviert werden.

Die Aktivierung geschieht mit Hilfe einer Mind Map, mittels derer man in etwa zehn Minuten aufschreibt, was man behalten hat. Abermaliges schnelles Lesen soll eventuelle Lücken schließen. Zwar sollte zwischen Photo Reading und Aktivierung mindestens eine Stunde, wenn nicht sogar ein Tag liegen, aber Befürworter sind davon überzeugt, dass sich die Lesegeschwindigkeit so trotzdem drastisch erhöhen lässt. Zwar halten Kritiker Speed und Photo Reading besonders für Poesie, Literatur und den wissenschaftlichen Bereich für ungeeignet, Könner widerlegen das aber durch Verständnistests, bei denen sie oft besser abschneiden als Langsamleser.

Wie für alles andere, gibt es auch für Speed Reading Literatur und Seminare. Und natürlich sagen die Seminarveranstalter, dass man die Techniken aus Büchern gar nicht lernen könnte. Dafür bezahlt man zwischen etwa 500 und 1500 Euro, je nach Veranstalter, Ort und Dauer (meistens handelt es sich um Wochenendekurse). Allerdings kann man eines weder mit Fachliteratur noch mit Seminaren reduzieren, und das ist übenübenüben. Im konkreten Fall bedeutet das lesenlesenlesen.

Für alle, die danach immer noch nicht mit der Komplexität unserer Zeit zurecht kommen, gibt es einen Leitfaden für den Umgang mit derselben:

  • Machen Sie keine Geschäfte.
  • Reduzieren Sie Ihre Erledigungen auf null.
  • Gehen Sie nicht aus dem Haus.
  • Telefonieren Sie nicht.
  • Sprechen Sie mit niemandem.
  • Bleiben Sie im Bett.
  • Schließen Sie die Augen.
  • Hören Sie auf zu atmen.


Mehr dazu:

  • Ausführliche Rezension inklusive Selbstversuch von Tony Buzans Klassiker "Speed Reading": jurawelt.com.
  • Ein Tool, das dabei helfen soll, die Lesegeschwindigkeit zu erhöhen: spreeder.com
[via Blogrolle.net]