fudder-Interview

Spätzle oder Fischbrötchen, Bosse?

Thomas Kubina

Bosse ist aus der deutschen Indie-Pop-Szene nicht wegzudenken. Der Gitarrist und Songwriter tritt mit seinem Album "Alles ist Jetzt" beim ZMF 2020 auf. Im Interview erzählt er, was Heimat für ihn ist und warum man ihn in einem Freiburger Waschsalon treffen könnte.

Bevor deine Tournee 2018 mit deinem neuen Album "Alles ist Jetzt" zu Ende ging, hast Du in Freiburg Halt gemacht. Was unterschied das Konzert in Freiburg von Anderen?

Ganz ehrlich? Wir hatten ganz schön viele gute Konzerte und früher war das so, dass ich auf der Bühne stand und wusste: heut bin ich in Rostock, dann in München. Das machte ich daran fest, weil die Münchner etwas zurückhaltender sind und die Rostocker lauter mitsingen. Heute ist das nicht mehr so. Das sind alles ähnliche Abende, weil das alles ganz schön gut gelaufen ist. Es wird immer echt viel getanzt, das Publikum ist gemischt und bunt. In Freiburg haben wir früher immer im Jazzhaus gespielt, letztes Mal war’s eben etwas größer.

Im Song "Hallo Hometown" sprichst Du deine persönlichen Heimatgefühle und Erinnerungen daran an. Ist Heimat für Dich an einen Ort gebunden?

Ne, absolut nicht! Für mich selber war das immer schon egal. Ich habe schon in so vielen Städten und Ländern gewohnt, da komme ich leicht durcheinander. Die meisten Gefühle verbinde ich mit dem kleinen Ort, in dem ich geboren bin, weil ich da als Kind durch die Gegend gebummelt bin. Wir sind so viel umgezogen. Ich habe ein Jahr in Istanbul gewohnt, zwei, drei Jahre in Spanien. Auf jedem Bordstein, auf dem ich gelegen habe, habe ich meine Gefühle verankert. Hallo Hometown habe ich geschrieben, als ich mit meinen 30 Jahren und mit meiner Tochter diese alte Dorfstraße in der Heimat hochgelaufen bin. Und wenn ich zurückdenke: ich war vier, mein etwas älterer Bruder auf dem Baum, mein Vater noch da und topfit. Alle "Zuhause-Punkte" habe ich in den Songtext so reingehauen. Mittlerweile ist mein Zuhause da, wo meine Tochter ihren Tanzverein hat. Oder so.



Gibt es für Dich noch eine andere Leidenschaft außer Singen und Texte schreiben?

Ich habe drei, vier immense Leidenschaften. Ich mache extrem gerne Sport, besonders Kampfsport. Das mache ich nur, weil ich danach bessere Songs schreiben kann und das Gefühl habe "ich bekomme meine Birne frei". Ich bin dann einfach mehr bei mir. Natürlich mache ich auch Sport, damit ich nicht dick werde. Andererseits koche ich sehr gerne und baue meine Sachen gerne selbst an. Alles was ich koche, ist von mir angebaut.

In Freiburg stehe ich dann wahrscheinlich wieder irgendwo in einem Waschsalon. Bosse

Wie viele T-Shirts verschwitzt du auf deiner Tournee?

Ich schwitze sehr stark. Das ist auch der Grund, warum wir meistens in schwarz auftreten. Die Schweißflecken ekeln mich selbst an. Die Leute empfinden das genauso, glaube ich. Ich habe dieses eine schwarze Outfit und trage es, kein Witz, sieben- oder achtmal. Dieses komplette Outfit muss nach einem Abend, inklusive Schuhe, ganz doll gereinigt werden. Ich kann das aber nicht immer professionell waschen. In Freiburg stehe ich dann wahrscheinlich wieder irgendwo in einem Waschsalon.
Du liest gerne fudder?
Damit fudder jungen Journalismus aus Freiburg bieten kann, bitten wir Dich um Deine Unterstützung. Werde Mitglied in fudders Club der Freunde.

Als Bonus gibt’s für Dich exklusive Veranstaltungen und Gewinnspiele und vieles mehr: Elf Gründe, warum wir Dein Geld wert sind.

Wenn wir schon beim Thema "Wasser" wären: Du setzt Dich für die Wasserinitiative "Viva con Agua" ein. Was motiviert Dich dazu?

Ich glaube, ich bin sogar ein Gründungsmitglied- damals mit Bela B und Fettes Brot. Ich bin einigermaßen Afrika-affin und war fast zur selben Zeit wie Benjamin Adrion, dem Gründer von Viva con Agua und ehemaligen Kiezkicker, durch Afrika gereist. Zur Vorstellung: Wenn man durch Äthiopien fährt, gibt es auf der linken Seite einen holländischen Blumenhändler, der mit einer hohen Mauer eingezäunt ist. Dieser pflanzt hektarweise seine Tulpen an und begießt diese mit Trinkwasser. Auf der anderen Seite laufen Leute, manchmal 70 bis 100 Kilometer, um an sauberes Trinkwasser zu kommen. Nach dieser Erfahrung war mit klar, dass ich dabei bin. Wir haben mittlerweile mit Bosse schon fünf, sechs, sieben Brunnen mit Hilfe von Pfandbecherspenden auf Konzerten gebaut, von denen 6000 Leute zehren. Das ist eine super Sache.

"Früher hatte ich Haare bis zum Arsch, ich wollte immer so sein wie Kurt Cobain." Bosse

Vor sechs Jahren kam dein Song "Schönste Zeit" raus, jüngst bekamst Du die "Goldene" dafür. Wenn Du auf die Zeit zurückschaust, empfindest Du Melancholie oder Euphorie?

Wenn ich auf die Zeit zurückschaue, in der der Song spielt, nämlich 1994, dann macht der Song folgendes: sehnsüchtig. Diese Sehnsucht kann ich auch hier und da teilen, Rückblicke sind auch oft verklärend. Viele Erinnerungen sind intensiver, als sie vielleicht waren. Ansonsten muss ich sagen, dass ich in der Zeit ganz schön lost war. Früher hatte ich Haare bis zum Arsch, ich wollte immer so sein wie Kurt Cobain. Doch ich saß auf dem Dorf, wo keiner meine Leidenschaft geteilt hat und ich immer von der Dorfjugend verprügelt wurde. Ich hatte nie so einen richtigen Verbündeten, bis dieses Mädchen auftauchte, mit der ich das teilen konnte. Davon handelt das Lied. Schaue ich zurück, kommen gemischte Gefühle auf: schön und scheiße.



In deinen Liedern geht es oft um die Sehnsucht nach Liebe und Beziehungen. Was sollte man gegen Liebeskummer tun?

Gegen Liebeskummer kann man nichts tun. Irgendwann sollte man verstehen, dass das Leben weitergeht. Das Leben kann leider manchmal schrecklich wehtun. Aber ich glaube, wie ich es bei meiner mittlerweile 20-Jährigen Nichte sehe, die Sachen haben alle einen Grund, für gute und für schlechte Leute. Alles wird sich irgendwann ergeben. Ich hatte auch oft Liebeskummer in meinem Leben, manchmal tut es noch sehr weh, wenn ich zurückdenke, aber manchmal ist der damalige Schmerz nach zwei oder drei Jahren dann auch völlig egal. Die Zeit ist dann halt vorbei. Trotzdem: Sofort neu verlieben!

Was war das verrückteste Szenario, das Dich zu einem Song inspirierte?

In meiner Band spielt Theofilos, ein Grieche und einer meiner ältesten Freunde. Er kommt aus einer griechischen Gemeinde, die im Ruhrgebiet ziemlich am Start ist. Ich schrieb vor einiger Zeit einen Song, der hieß "Bei Costas". Dieser Song handelt von der alten Bar seines Onkels. Diese Bar war ein bisschen wie "Spielo meets griechisches Essen meets Community". Ich hatte eine Zeit lang keinen festen Wohnsitz und verbrachte jeden Abend mit Theo in der Bar. Dort waren viele skurrile Leute, die Teil der Familie geworden sind. Aus dem Szenario entstand mein Song.

Gibt es etwas, was immer auf deiner Tour dabei sein muss?

Es ist das Speedminton-Set. Das ist wie Badminton nur schneller. Ich glaube, es gibt nichts Besseres, mit dem man sich für den Sommer vorbereiten kann. Wir haben aber mittlerweile alle auch eine Hängematte, die man zwischen die Bäume hängt – wie es auf den Festivals zu sehen ist. Badehosen sind genauso wichtig. Wenn wir in Freiburg sind, werden wir schnellstens einen See suchen und da dann hinfahren. Es sind im Grunde die ganzen Hobbysachen, die wir dabei haben.

Spätzle oder Fischbrötchen?

Auch wenn ich in Hamburg wohne, ich bin eher für die Spätzle. Natürlich nicht vor dem Konzert, sonst ist das so, als hätte ich einen Amboss im Bauch.

"Es ist schön, einfach in dem Moment zu sein und damit meine ich gar nicht sorgenfrei." Bosse

Zum Abschluss: Ist wirklich immer alles Jetzt?

Ne! Wie auch? Man muss in manchen Momenten die kompletten Sorgen um übermorgen und die komplette Verwirrtheit wegen vorgestern einfach ausblenden. Das ist die Stärke. In Songs kann man darauf hinweisen. Es ist schön, einfach in dem Moment zu sein und damit meine ich gar nicht sorgenfrei. Man sollte manche Sachen einfach akzeptieren, nicht immer die krassesten Ziele vor Augen haben und vermeiden, immer mehr zu wollen. Manchmal muss es gar nicht sein und dann ist es ein ganz guter Zustand.