Soylent: Der Versuch, nie wieder essen zu müssen

Frank Lachmann

"This man thinks he never has to eat again" - so überschrieb das Vice-Magazin im März ein Interview mit Rob Rhinehart. Der 24-jährige Programmierer aus Atlanta hat den Protein-Shake "Soylent" entwickelt, von dem er sich ausschließlich ernährt. Sein Traum: Nie wieder einkaufen, kochen, essen müssen. Kann das funktionieren? Frank Lachmann probiert's aus. Seit etwas mehr als vier Wochen ernährt er sich von DIY-Soylent, angemischt in der heimischen Küche.



Wenn man seine Ernährung umstellt, kommt es in den darauffolgenden Wochen selten zu unangenehmen Smalltalk-Gesprächslücken.


Jeder kann mitreden und tut es irgendwie auch, das Thema ist nicht ganz so Konsens-öde wie Horoskope, Homöopathie oder britische Königshäuser, und spätestens, wenn ich erwähne, dass ich weder eine Diät mache noch Bodybuilding, auch keine Allergien oder abgefahrene andere Krankheiten habe, sondern völlig freiwillig beschlossen habe, auf "Lebensmittel" im herkömmlichen Sinn zu verzichten und mich stattdessen ausschließlich von Pulver-Shakes ernähren zu wollen, hagelt es Interesse (im naheliegendsten Fall), Diskussion (im besten) oder Abwehrhaltung (im interessantesten).

Nahrung als Treibstoff

Vor vier Wochen also habe ich mich dazu entschieden, die grundlegenden Dinge, die ein menschlicher Körper - meiner - benötigt (hauptsächlich Kohlenhydrate, Eiweiß, Ballaststoffe und Fett - dazu ein paar Salze, Vitamine, Mineralstoffe und andere Mikronährstoffe) in exakten Dosierungen zu mir zu nehmen.

Exakt insofern, als es eine Mischung aus Empfehlungen und Richtwerten verschiedener Institutionen (DGE, USDA, Wikipedia, Hörensagen) einerseits und Körpergefühl/Selbstwahrnehmung andererseits ist, die für die genauen Mengen der einzelnen Zutaten zuständig sind.

Anlass für all das war ein Blogpost von Rob Rhinehart beziehungsweise einInterview mit ihm im VICE-Magazin – und daraufhin die Bildung einiger netztypischer Subkulturen (DIY-Foren & Subreddits, "in" denen man – also: ich – einige Zeit lang die Nächte verbrachte. Und auf einmal Dinge "lernte" (ausdrücklich in Anführungszeichen), von denen man noch ein paar Wochen vorher nicht mal die Schreibweise kannte. Und wo man sich auf einmal mit Streamlining von Ernährung auseinandersetzte.



Der Gedanke dahinter – dem Körper (möglichst) genau das zu geben, was er zum Funktionieren benötigt, ohne "Verpackung" oder Mist, nicht zu viel und nicht zu wenig, also tatsächlich eben nicht mit einem Diät- oder Sport-Ziel, sondern vielmehr als regelmäßige Grundversorgung, um mehr Zeit und Geld für wichtigere Dinge zur Verfügung zu haben als für Einkaufen, Zubereiten, Essen und Darüberreden: das imponierte mir.

Außerdem funktioniert Gamification bekanntlich in ziemlich vielen Bereichen: gebt mir Zahlen, Tabellen und Deadlines, schon bin ich happy. Mehrere Excel-Sheets und kleinkreisige Nerd-Diskussionen später stand eine erste Version meines Rezepts fest:

Das Rezept

Eine Tagesportion besteht – derzeit, in meinem Fall und bei meinem Energiebedarf von circa 1900kcal/Tag – aus knapp 280g Maltodextrin, 60g Molkenprotein, 60g Olivenöl und 35g Flohsamenschalenpulver.

Dazu je ein paar Gramm Kaliumglukonat, Natriumarmes Salz und Natriumdihydrogenphosphat (damit ein ordentliches Gleichgewicht zwischen Kalium, Natrium und Phosphor erreicht wird), eine (bestimmte) Multivitamin-Tablette für den Tagesbedarf der (meisten) Vitamine und Mineralstoffe, eine Fischöl-Kapsel zwecks Omega3-/Omega6-Fettsäurenanteil-Ausgleich, ein klein wenig Cholin und Schwefel extra, - und basically, that's it.

Alles davon ist in Bodybuilding-Onlineshops, bei Amazon, im Supermarkt oder in der Apotheke zu bekommen und kostet bei halbwegs mittelgroßem Vorrats-Einkauf keine 5 Euro pro Tag – ohne das Plastikflaschenwasser reinzurechnen sogar unter 4 Euro pro Tag. In meiner Küche sieht es aus wie bei Breaking Bad, und zu den interessanteren Neuanschaffungen in meinem Haushalt gehörten in den letzten Wochen nicht nur ein Mörser oder ein Paket 20ml-Glasfläschchen (für Olivenöl in Einzeldosis-Abfüllungen), sondern vor allem auch eine Waage mit Milligramm-Skala (seit deren Kauf mich Amazon.de übrigens mit Kifferbedarf-Vorschlägen überhäuft – an ihrer Subtilität müssen die Kaufverhalten-Analyse-Roboter ja echt noch arbeiten).

Aber Ernst beiseite. Zwischen Tür und Angel erkläre ich die Sache mittlerweile als "Babybrei in einer Erwachsenen-Version", oder als "das, was manchmal auch 'Astronautennahrung' genannt wird": Lediglich eine andere Form als die übliche, dem Körper das zu geben, was er benötigt. Oder eben als "etwas aufgebohrte Variante" einer Multivitamin-/AbisZ-Komplett-Tablette. Als Nahrung also, die nach genau diesem Prinzip des "alles drin, was muss – und nichts drin, was nicht muss" funktioniert. Meistens betone ich das Wort "funktioniert" dabei auch ein wenig deutlicher, denn darauf kommt es mir nicht nur an, sondern es hilft offenbar auch sehr beim Verständnis.

Eine Diät ohne Gewichtsabnahme-Ziel: lediglich relativ genau berechnete Inhaltsstoffe. Eigentlich fast das gleiche wie, sagen wir mal, Broccoli und Milch und Tofu und 'ne Stulle: das gleiche drin, sieht nur ein wenig anders aus.

Treibstoff.



Wirkt's?

"Wirkt's denn? Und wie schmeckt das?" – eines Tages werde ich noch darüber nachdenken, wieso genau diese zwei Fragen nicht nur meistens die ersten sind, die ich gestellt bekomme, sondern auch wieso sie fast immer in dieser Reihenfolge gestellt werden. Bis dahin: es wirkt. Oder besser: es funktioniert.

Der Hunger ist gestillt, und offenbar so exakt, dass sich auch mein Blutzuckerspiegel wieder in geordneten Bahnen bewegt und meine gelegentlichen Heißhungergefühle (auf circa acht Schokoriegel plus Pizza) völlig verschwunden sind. Es funktioniert aber auch auf Level zwei: ich bin seit vier Wochen nicht mehr an einer Supermarktkasse angestanden, habe exakt null Minuten an einem Herd verbracht, ich spare insgesamt unglaublich viel Zeit und Nervenstress und Geld – ich mixe mir in ein bis zwei Stunden eine Wochenration, die dann in Einzelportionen bereitliegt.

Mein Kühlschrank läuft nur noch wegen einiger Flaschen Weißwein, die Tiefkühltruhe ist abgeschaltet, der Induktionsherd mit den drei Trillionen Watt Leistungsaufnahme stellt sich als ganz schön überdimensioniert für meinen neuen Lebensstil heraus. Ich bin gespannt auf meine nächste Stromkostenabrechnung und mein ganz generelles Haushalts-Budget. So gesehen: ja, irgendwie ist das wohl eine Diät, auf eine Art.

Und auch, wenn ich noch nicht zu Superman mutiert bin: all das ist ein ganz schöner Brocken Lebensqualität, den ich mir da hinzu-generdet habe. Finde ich. Dass das Zeug dann sogar noch lecker ist – je nach verwendetem Eiweißpulver eben wie eine Art Milchshake mit Geschmack – ist ein lustiges Bonus-Feature. Und da es ein Rezept wie fast jedes andere ist, nur ein eher "barebones"-aufgebautes, lässt sich mit unterschiedlichen Zutaten auch geschmacklich noch eine Menge machen. Zimtpulver? Haferflocken (statt Maltodextrin)? Isomaltulose (dito)? Erdnussbutter? Leinöl, Hanföl? Jeweils eine Zeile im Spreadsheet und ein bisschen Zahlenschubserei, bis der Rest wieder passt.

Aber ...?

Ich bin unter ärztlicher Beobachtung. Meine Blutwerte wurden vor Beginn und nach knapp zweieinhalb Wochen überprüft und bieten bislang genau gar keinen Grund zur Beanstandung.

Ich halte mich für transhumanistisch angehaucht (auf deutsch: fortschrittsgeil, technikfreundlich, rational/aufgeklärt und neugierig), und lese genau deshalb auch nicht nur "Pro"-Beiträge, sondern gern und aufgeschlossen auch Skeptisches, allen voran die auch für mich noch lang nicht geklärte Frage nach der Darmflora und den Bakterien. Aber ich bin neugierig und ich möchte mit mir experimentieren. Ich will wissen, ob das so funktioniert.



Ich lerne dabei: eine ganze Menge über mich, meinen Körper, nicht zuletzt zumindest auch Grundlagen über Ernährung, ein früher so ziemlich mir maximal fremdes Fachgebiet. Und dennoch will ich keine Werbung dafür machen, nicht missionieren, noch nicht mal nahelegen, das auszuprobieren: dafür weiß ich zu wenig darüber, was ich genau mache. Aber solang ich es mit mir mache, kann ich es verantworten.

So gut ich mich dabei und derzeit fühle:der soziale Aspekt der Nahrungsaufnahme ist zugegebenermaßen nicht zu vernachlässigen. Ich habe einen gestillten Hunger – aber durchaus gelegentlich Appetit auf etwas Leckeres. Aber: dann esse ich einfach etwas (leckeres), denn das Pulverzeug ist keine Diät, keine Einschränkung, kein "Verbot", sondern einfach nur die hoffentlich bestmögliche Art mich "per default" zu ernähren. Bock auf Pizza? Her damit. Aber nicht dreimal am Tag. Bock auf Kochen? Logisch, aber nicht im Büro. Bock auf Einkaufengehen? Ähm ... na gut, nein, das eher nicht mehr.



Soylent


Rob Rhinehart
hat aus seiner Idee per Crowdfunding in wenigen Stunden rund 800.000 US-Dollar gemacht, aus denen jetzt die Marke Soylent und eine anstehende Großproduktion wurde – eine im Detail vermutlich anders zusammengesetzte Variante, aber doch von der Idee her genau jene Nahrung, die ich und zig andere auf diesem Planeten derzeit in DIY-Taktik selbst herstellen.

Die erste Lieferung dieser "offiziellen" Version soll im September stattfinden. Und auch wenn Soylent vermutlich noch nicht das Welt-Hunger-Problem lösen wird: der grundsätzliche Gedanke dahinter, günstige und gute und vollständige (lies: ausreichende) Nahrung herzustellen (choose three of three), kann so blöd ja eigentlich nicht sein.

Zur Person


Frank Lachmann
, 37, "lebt und arbeitet" in Berlin, wie das nunmal fast alle so machen, die irgendwas mit Medien beruflich tun und nebenbei zu oft im Nachtleben unterwegs sein möchten. Er schreibt Sachen ins Internetz und auf Papier und hält sich für chronisch neugierig. Manchmal bloggt er kryptisch auf argh.de.

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