Sounding D: Harleyfahrer als Kulturattachés

Manuel Lorenz

Wenn das Netzwerk Neue Musik neun über den Rotteckring fahrende Motorräder als "Klangspur durch Freiburg" hochjazzt, darf man sich der Veranstaltung "Sounding D" mit gesunder Skepsis nähern. Ob das gestrige Klangexperiment geglückt ist und was das Ganze überhaupt sollte, weiß Manuel.



Wiehrebahnhof

„Des isch emol was andres,“ stellt jemand neben mir fest und hat Recht: Ein Musikensemble aus neun Motorrädern und einer Posaune erlebt man nicht alle Tage. Gespielt wird ein Stück des Lahrer Komponisten Dieter Schnebel; es ist „Sounding D“-Day in Freiburg und so finden unter dem Motto „Kesseldruck und Bronze“ schon den ganzen Tag lang kurzweilige Klangaktionen statt. Ziel: Den Bobbele an die Neue, also: zeitgenössische klassische Musik heranzuführen.

Auf dem Parkplatz des Wiehrebahnhofs (die ersten beiden Fotos entstanden am Nachmittag im Rieselfeld)  ist jener Vermittlungsversuch ohrenbetäubend laut. Zwei betagte Damen schauen verschreckt aus dem Fenster eines angrenzenden Hauses. Lärm, könnte man sagen, und Gestank. Die Harleyfreunde Freiburg freuen sich indes. Endlich würdigt auch die Hochkultur, was ihnen selbst schon immer Musik war: Das bedrohliche Knattern ihrer Höllenmaschinen. In Ledermontur und mit wilder Mähne geben sie ihren Motorrädern die Sporen. Die apokalyptischen Reiter als Kulturattachés.

Und plötzlich, als man sich fragt, was das soll, erhebt sich über jenem stinkenden Krach die blecherne Stimme einer Posaune. Wachet auf, ruft uns die Stimme, und schon heben die Harleys zu einem Hup-Choral an. Das ist natürlich witzig, hihi, nervt aber auch, da die nasale Monotonie zu sehr an Vuvuzelas erinnert. Die Leute, jung und alt, finden’s toll. Lachen, Applaus – aus.



Zuvor gab es Aktionskunst der Koreanerin Young-Ba Bang-Cho. Mit Aktionskunst ist das so eine Sache. Ich weiß nie, ob ich das interessant finden soll oder lächerlich, ob das nicht jeder könnte, es aber nicht jeder macht – weil die meisten solche Aktionen einfach als peinlich und unnötig ansehen. Nun, zugegeben: „Jeder“, „die meisten“, „peinlich“ und „unnötig“ sind Wörter, die nicht in die Kunst gehören. Vielleicht ist’s ja doch notwendig, dass jemand inmitten von Sinn und Nutzen ein bisschen verrückt spielt und sich zum Affen macht.

Während das Freiburger Schlagzeugensemble kultisch auf die Pauke haut, lässt Bang-Cho jedenfallsTinte aus ihrem Mund laufen und beschreibt derart eine never ending Banderole. Ich mag Spuck- und Rotzaktionen, und so klicke ich „I like“. Kaum habe ich mich aber aufrichtig gefreut, stehe ich schon im Wege. „Sie müssen zur Seite gehen. Das da hinten gehört mit dazu.“ Tatsächlich: Bang-Cho betreibt Cocooning. Sie verheddert, dreht und räkelt sich in Rohseide, die an einem Baum befestigt ist. Ihr Gesicht sieht aus, als ob es in einer Strumpfhose steckt: Hände hoch! Neue Kunst! Gleichzeitig macht sich Domenico Melchiorre mit Hämmern und Klöppeln an seinem Klangbaum zu schaffen, einer Konstruktion, von der Stahlfedern, Sägeblätter und Schraubschlüssel baumeln – als ob jemand seine Garage ausgemistet hat.



Hauptbahnhof

Schrott? Musik? Zumindest Sound. Wer wollte nicht schon immer mal Alu-Felgen hören. Im Hauptbahnhof, am Gleis 8, wartet derweil schon der Zug des Projekts. „Sounding D“ steht in Giftgrün auf einem Wagon. Auf den anderen drei ist zu lesen, wo der Zug noch gehalten hat. Gestern Saarbrücken, morgen Stuttgart. Neue Musik bedeutet auch Hochgeschwindigkeit. Ein Waggon ist komplett leer. Na ja, er beheimatet eine Klanginstallation – „Outside In (Blue)“ von John Minard. Drinnen ist alles weiß und irgendwoher kommt bläuliches Licht. An der Decke sind wabenartig Lautsprecher angebracht. Science Fiction zwischen Tarkowski und Kubrick.

Bearbeitete Fragmente Neuer Musik dringen unaufdringlich aus den Boxen und werden mit Freiburger Field Recordings unterlegt: Bruzzelgeräusche der „Langen Roten“, Glockengeläut um 12 Uhr mittags, Fahrräder, Bächle und StraBa-Gebimmel. Die Passagiere sind geflasht, schließen die Augen und lehnen sich zurück. Eine Mutter hält ihr Baby im Arm. Anstatt zu schreien, staunt es mit. Überhaupt ist das Altersspektrum groß. Familien machen ihren Sonntagsausflug, Jugendliche schlurfen über den Bahnsteig und Jungerwachsene erkunden die Zugwaggons. Spiel und Spaß von 0 bis 99.



Angeleitet wird man dabei von sympathischen Schluffis – Mittzwanzigern in Kapuzenpulli, Jeans und Sneakers, die allzeit bereit zur Verfügung stehen.

Ein anderer Waggon zeigt, was für mich eine der wichtigsten Aufgaben der Neuen Musik ist: Klang neu zu erfahren. In den Armlehnen eines Sitzes sind sogenannte headphonetable-transducer angebracht. Stützt man seine Ellenbogen darauf, werden Schwingungen in den Musikantenknochen übertragen, die Hände fungieren als Lautsprecher. Hält man sich nun die Ohren zu, hört man – tada! – Musik. Was für ein Gefühl: Körper und Musik sind eins – Ekstase ganz ohne Drogen. Körperlicher wäre nur noch Musik als Pille. Ich schließe meine Augen und klinge.

[Fotos: Michael Bamberger]

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