Soundcloud.com: Song-Sharing für Laptop-Musiker, oder so

Herr Shhhh

Soundcloud ist ein brandneues, noch hinter Einladungesschranken verstecktes Netzwerk, in dem Musiker in der Entstehung befindliche Songs hochladen und mit Fans, Feinden und Gefolgschaft diskutieren sollen. Ist Soundcloud eine musikalische Gasblase oder hat die Wolke Substanz? Herr Shhhh, Elektro-Musiker und Blogger, hat das Web 2.0-Ding für fudder getestet.



Der stetig anschwellende Naturschwamm namens Webzwonull hat sich ja bis Dato mehr oder weniger an ganz spezielle Zielgruppen gerichtet: Blogger, die nicht schreiben können, oder Teenager, die nicht bloggen können.


Zumindest empfindet man das so, wenn man die Untiefen zwischen Twitter, Myspace, Facebook und Digg für etwas länger als nur zwei Klicks mit monitorstrahlungsgegerbten Augen beobachtet. Man kann der großen Blase natürlich nicht absprechen, dass gerade die hässlicheren Formate (siehe Myspace und Youtube) sich mittlerweile aus dem Untergrund heraus eine Unverzichtbarkeit erhascht haben; aber sobald was neues im Browserfenster erscheint, blinken zumindest in meinem Kopf immer wieder die üblichen Zeitverschwendungs-Fragezeichen auf: Was macht es? Was kann es? Brauch ich das? Ersetzt es nur das, was sowieso schon da ist? Kann das was neues? Ist es überhaupt cool, dabei zu sein? Oder ist der Hype schon wieder rum?

Und natürlich blinkte es auch heftigst in meinem Kopf, als man mir einen "Invite" zum Stockholmer/Berliner-Zwonull-Experiment Soundcloud.com schickte. Generell hab ich ja nix gegen Einladungen. Sie fördern die Kreativität – zumindest immer dann, wenn man sich eine neue Ausrede einfallen lassen muss, warum man nicht kann und nicht will. Aber da eine wirklich sehr liebe Freundin hinter der Aufforderung steckte, mir das Ding doch mal anzuschauen, konnte ich nicht wirklich nein sagen. Obwohl es blinkte.

Schließlich klang die Einladung so, als müsste man tatsächlich wissen, was soundcloud.com genau ist – eben so, wie bei allen neuen Webzwonull-Sachen (bei Twitter dachte ich beispielsweise zuerst an ein Transgender-Portal, das nur am politisch unkorrekten Rande). Der zwischenzeilige Hinweis, ich sei mit meinem Musikmacherbackground geradezu prädestiniert für einen Testflug in der Geräuschwolke wirkte sich zusätlich trotz aller Zweifel auf meine Neugierde aus. Und besagte zwei Klicks später war ich tatsächlich drin, im musikalischen Cumulus.

Was genau ist also soundcloud.com? Ehrlich gesagt: Ich weiß es auch nicht. Ich glaube es zu wissen, aber wirklich beantworten kann ich die Frage nicht. Ich will es aber trotzdem versuchen. Auf den ersten Blick ist soundcloud eine in technischer Hinsicht wirklich gelungene Möglichkeit, eigene Tracks hochzuladen – und mit eigenen Tracks meine ich jetzt nicht die kürzlich aus irgendwelchen Foren gezogene neue Portishead-Platte, sondern tatsächlich eigenhändig (oder heutzutage, und gerade im Kontext soundcloud eher: eigenmäusig) gemachte Musik.

Das klingt jetzt erstmal nach wenig. Aber wenn man Musiker ist (andere halten mich dafür), dann weiß man aus eigener Erfahrung, dass zum Beispiel das Hochladen eigener Musik bei Myspace einem Stuhlgang nach zwei Kilo Sushi gleicht. Man weiß, das es geht, aber es passiert nix. 24 Stunden später vielleicht, aber jetzt gerade eben nicht. Die Bedienung von soundcloud.com hingegen, und das merkt man schon nach dem Einrichten des eigenen Accounts, ist einfach, schnell, übersichtlich, einfach und schnell. Also wirklich schnell.

Auf meinem zammeligen Mac Pro mit Safari und irgendeinem OS hat das Hochladen der aktuellsten Werke vielleicht gerade mal ein gefühltes Pobackenzusammenkeifen gedauert. Und nicht nur das: während des Upload-Vorgangs, dessen Dauer netterweise sogar angezeigt wird, kann man ganz bequem schon mal alle relevanten Infos zur eigenen Musik eintragen, also Tags, BPM, Entstehungsjahr, wo man's geklaut hat, Label, etc. pp.

Sind die Tracks, die übrigens nicht nur als mp3, sondern auch in immer mal wieder auftauchenden Exoten-Formaten wie FLAC hochgeladen werden können, erstmal oben, sieht man sie direkt. Nicht nur als Link, sondern mit Wellenformdarstellungen. Was ich als Musiker natürlich ziemlich töfte finde, weil ich dann zum Beispiel sehen kann, dass das doch wieder völlig übersteuerte Sülze ist, die ich am Rechner fabriziert habe – Kompliment an die Programmierer.

Danach kann ich mich entscheiden, ob ich die Musik zum Download, zum Streamen, oder sogar nur für meine privaten Kontakte anbieten möchte (die man natürlich erstmal "adden" muss, das ist ja bei allen Webzwonull-Sachen so: ohne Freunde, keine Freude!).



Doch spätestens wenn man dann drei bis zwölf Tracks hochgeladen hat, und sich freut, das alles so einfach, schnell, übersichtlich, einfach und schnell ist (nochmal Kompliment an die Programmierer!), fängt wieder das Fragezeichengeblinke an. Was nicht unbedingt an der Idee hinter soundcloud.com, sondern vielmehr an der meiner Meinung nach einfach noch nicht runden Umsetzung der Socialising-Merkmale (das Wort allein schon!) liegt.

Zur Erläuterung (die bei einem guten Text schon viel früher hätte kommen müssen, aber ich bin ja Gastarbeiterkind, ich muss mich ja nicht an deutsche Gliederungs-Strukturen halten): soundcloud.com versteht sich, soweit ich das verstanden habe, als Netzwerk für Musiker, die ihre fertigen oder unfertigen Sachen anderen Musiker, Labelbetreibern oder Fans um die Ohren hauen wollen. Sei es nun, um Kollaborationen zu finden oder einfach nur Feedback zu bekommen.

Die technische Seite ist bei der ganzen Sache wirklich brilliant gelöst: neben den Annehmlichkeiten des Uploads (Kompliment an die Programmierer!) und der komfortablen Verwaltung eigener Tracks (Kompliment an die Programmierer!) hat man sogar die Möglichkeit, BPMs einzutappen (nicht einzutippen!), also mittels rhythmischem Mausklick ein ungefähres Tempo ermitteln zu lassen, und – was ich persönlich als absolut grandioses Ding sehe – ganz Flickr-Like Segmente eines Tracks zu kommentieren (ein Klick in die entsprechende Wellenform-Darstellung genügt, und zack ist man bei Minute 3 mit Konterfeit und klugem Spruch a la "Ui, die Bassdrum kickt da aber gewaltigst!" verewigt).

Unter dem Aspekt, dass man vielleicht keinen mehr als 10 MB fassenden E-Mail-Zugang oder einen eigenen via FTP nutzbaren Server-Speicherplatz hat, ist soundcloud.com alsi eine wirklich genial umgesetzte Idee. Kompliment an die Programmierer, diesmal sogar nicht in Klammern!

Aber unter Community-Aspekten wirkt das Ding dann doch irgendwie noch zu unausgegoren, als dass man hier von webzwonull sprechen könnte. Zumindest empfand ich den kurzen Ausflug in die Klangwolke so. Ich fühlte mich lange Zeit sehr einsam in dem ganzen Gefüge. Zwar gibt es sowas wie Listen zu den neuesten und meistgehörten Tracks, zu den schönsten und sexuell attraktivsten Usern, und denen, die ähnlichen Kram machen. Aber für mich wirkte das so, als würden da nur die Kollegen aufgelistet, die mehr als 200.000 Kontakte "geaddet" haben und per se schon seit 200.000 Jahren dabei sind.

Hat man als Neuling keine Freunde, geht man ungehört unter. Wie man das besser machen könnte, wüsste ich jetzt auch nicht, aber ich wohne ja auch nicht in Stockholm oder Berlin.

Was mich persönlich ebenfalls sehr störte, aber nicht unbedingt ein Manko der Seite ist: das ganze ist sehr elektronisch. Nun gut, ich mache ja selber überwiegend elektronische Musik, aber mit meiner anderen, halben Punkband käme ich mir bei soundcloud zwischen den ganzen House- und Dance-Tracks dann doch irgendwie vor, wie Obama beim Abendessen im Hause Bush. Und selbst mit meinem eigentlich rein elektronischen Projekt fühlte ich mich nach kurzem Stöbern irgendwie unwohl, da ich bis Dato wohl eine der wenigen Ausnahmen im Soundcloud-Repertoire bin, die unter den eigenen Werken überwiegend vocal-lastige Musik mit Pop-Aspekten führen. Das passt halt nicht zu House und IDM.

Auch unschön: kaum Frauen! Da klafft ja in der elektronischen Musik sowieso immer eine große, unerklärliche Lücke – woran das liegt, kann man nur vermuten, meine Einschätzung ist ja, dass das entweder an den Jungs, die in Sachen Technik immer einen auf Klugscheisser machen, oder an den Verkäufern in den Musikläden liegt, von denen ich denke, dass sie den Damen immer auf die Finger klopfen, weil alles mit mehr als 20 Drehknöpfen kaputt gehen könnte, wenn es von weiblichen Fingern berührt wird und keine Waschmaschine ist. Ist aber nur Spekulation.

Wie auch immer, als Italiener klicke ich mit meiner latenten Chauvihaftigkeit natürlich vorliebend gerne auf Profile mit Frauenfotos – und wenn es keine gibt, auf die ich klicken könnte, vergeht mit schnell der Profilstöberspaß. Was bei soundcloud keine 30 Sekunden gedauert hat. Aber wie gesagt, das ist meine persönlich Meinung, und die hat wirklich nichts mit der generellen Qualität des Auftritts zu tun. Nochmal Kompliment an die Programmierer.



Kommen wir zum Fazit, das trotz meines genealogischen Hintergrundes tatsächlich am Schluss dieses Textes gelandet ist: Für Laptop-Musiker, die keine Möglichkeit haben, Ihre neuesten Schöpfungen mal eben ins Netz und anderen Menschen gezielt (!!!) zur Verfügung zu stellen, ist soundcloud.com wirklich schon webdreinull hoch zwei!

Die Benutzerfreundlichkeit, die in Teilaspekten sogar gängige Musikmachprogramme übertrifft (Wellenformkommentare!), ist einmalig, und ich habe selten so schnell so gut und komfortabel Musik hochladen können. Unter der Vorraussetzung, dass man eine Alternative zu FTP, E-Mail, Rapidshare und Co. sucht, ist das Gebotene wirklich einmalig, durchdacht und einmalig durchdacht. Sogesehen hat soundcloud durchaus das Potential, eine Art funktionierendes High-Quality-Youtube für Musiker zu werden. Kompliment an die Programmierer.

Unter Community-Aspekten fehlt mir jedoch im Moment noch die Möglichkeit, die richtigen Kontakte zu knüpfen, und diese auch in irgendeiner Form darauf aufmerksam zu machen, dass ich überhaupt existiere. Das kann zum einen daran liegen, dass soundcloud noch in der Testphase ist, und dementsprechend erst mal "lebendig" werden muss. Ich tippe aber eher auf einen anderen Umstand, nämlich die unangeheme Eingenheit, die die meisten Musiker (sogar ich) teilen: Sich selbst und das eigene Schaffen für so unglaublich überirdisch extraordinär schweinescheisse gut zu halten, dass man mit den anderen "Luschen" nix zu tun haben will.

Klingt doof, aber die meisten Kreativen haben nunmal die merkwürdige Angewohnheit, ihren Kollegen keine Lichtblicke zu gönnen – und sogesehen ist eine "Musiker-Community" auch immer ein reichlich zwiespältiges Ding. Gerade, wenn es um so vermeintlich coole Sachen wie Mausklick-Musik geht. Aber ich lass mich da gerne eines Besseren belehren.

Spätestens dann, wenn man bei soundcloud.com ohne Einladung reinkommt.

Mehr dazu:

fudder-Gastautor Herr Shhhh verdaut als Exil-Düsseldorfer seit über zehn Jahren immer noch erfolglos den Umzug in die unwirtliche Vollprovinz Siegen. Um den Umstand und die Gegend besser tolerieren zu können, verdingt er sich als Elektroniker in drei völlig unbekannten Bands, und füllt sein musikalisches Portfolio nebenher mit obskuren Aufträgen wie Erotik-Telefonschleifen und Lokalfernsehen-Krimi-Soundtracks. Wenn dann noch Zeit bleibt, passiert ab und an sogar noch mal was in seinem Blog.