Sophie studiert (8): Heimweh nach Grünkohl mit Pinkel

Sophie Passmann

Sophie blickte in ihren Ersti-Kühlschrank und entdeckte ein Ei und einen abgelaufenen Joghurt. Da bekam sie Heimweh - nach niederrheinischem Grünkohl mit Pinkel. Warum die Sehnsucht aber nicht besonders lange anhielt:



Ich bin am Niederrhein geboren. Ich habe, wie wahrscheinlich jeder Niederrheiner, einen genetischen Reflex: sobald sich am Ende des Jahres das erste mal Frost aufs Land legt, kriege ich einen innerlichen Drang nach Grünkohl mit Pinkel. Grünkohl braucht einmal Frost, davor schmeckt er nicht. Oder er darf nicht geerntet werden oder verdirbt oder so, die genauen Hintergründe von der Frost-Sache kenne ich nicht, ich habe diese Weisheit von meinen Großmüttern als Kind ohne Nachfrage übernommen.

Und mit dem ersten Frost dieses Jahr, Mitte November, habe ich Heimweh bekommen, nach der Küche meiner Eltern, in der nach meiner Vorstellung grade natürlich ein riesiger Pott Grünkohl simmern müsste.

In meiner winzigen Ersti-Küche simmerte natürlich gar nichts, ich hatte noch ein Ei und einen abgelaufenen Joghurt im Kühlschrank. Ich habe dann kurz überlegt, ob ich in den Supermarkt gehen sollte, um mir Dosen-Grünkohl mit Industrie-Pinkel zu kaufen. Nein, habe ich entschieden, manchmal muss man als junger Student Heimweh halt aussitzen.

Ich bin sehr froh, dass ich mit meinem pathetischen Heimweh nicht alleine bin: Eine Kommilitonin hat letzte Woche per Mail ein Bild aus der Küche ihrer Eltern bekommen und es mir leicht wehmütig gezeigt: Mama und Papa waren grade dabei,  weißen Glühwein zu machen, den bei ihr jedes Jahr am ersten Advent die ganze Familie trinkt. Das sei so eine Tradition. „Das ist der beste Glühwein, den es gibt!“, meinte sie.

Die Kommilitonin und ich haben zum Trost dann auf dem Weihnachtsmarkt weißen Glühwein getrunken. Und nein, der war natürlich nicht ansatzweise so gut wie der, den ihre Eltern jedes Jahr für den ersten Advent machen.

Ich habe ihr dann von meinem Heimweh nach Grünkohl erzählt. Sie kommt aus Baden-Württemberg und kennt Grünkohl mit Pinkel nicht. „Klingt voll widerlich“, hat sie gesagt. Wir haben dann geschwiegen und weiter zusammen Glühwein getrunken, auch wenn sie keine Ahnung von Grünkohl hat. Gemeinsam einsam.

Die Heimweh-Momente sind im Nachhinein übrigens gar nicht schlimm, es gibt nämlich viel mehr Momente, in denen nicht mehr zuhause wohnen total großartig ist. Zum Beispiel dann, wenn ich vor die Haustür gehen kann, ohne gefragt zu werden, ob ich „warm genug angezogen“ bin. Nein Mama, ich bin nicht warm genug angezogen! Letzte Woche bin ich im dünnen Parka zur Uni! Und ich habe DEN GANZEN Tag gefroren. Das ist Freiheit!

Ich habe dieses Jahr sogar das erste Türchen von meinem Adventskalender noch VOR dem ersten Dezember geöffnet, obwohl das in meiner Familie strikt verboten ist. Das ist die Art von Rebellion, die man als junger Mensch an den Tag legt, um Heimweh zu vergessen!

Und da meine Mutter diese Kolumne auch liest, werde ich für die Sache mit dem Adventskalender übrigens Ärger bekommen. Und für die Sache mit dem Parka auch. Mit ein bisschen Glück schickt sie mir aber auch ein Fresspaket. Vielleicht mit Grünkohl?

Zur Person



Bisher war Sophie Passmann (21) hauptberuflich Moderatorin, zum Beispiel beim Poetry-Slam im Café Atlantik. Jetzt fängt sie ihr Studium in Freiburg an – vor allem, weil sie im Kino auch endlich mal den ermäßigten Ticketpreis bezahlen möchte. In ihrer Kolumne schreibt sie jede Woche von dem neuen Leben, das sie als Erstsemester jetzt so führt.

Mehr dazu:

[Foto: Björn Wylezich/Fotolia.com/Fotolia.com]