Sophie Hunger: "Ich kann mich nur schlecht wahrnehmen in diesem Beruf"

Gina Kutkat

Nachdem Sophie Hunger im Juli bereits beim Stimmen Festival in Lörrach das Publikum überzeugt hat, spielt sie heute Abend endlich in Freiburg. Die Schweizer Ausnahmekünstlerin macht Musik irgendwo zwischen Folk, Jazz, Pop und Soul und ihre Konzerte sind absolut empfehlenswert. Vor ihrem Gig im Jazzhaus hat Gina die junge Künstlerin interviewt.



Sophie, wie würdest du deine Musik einer tauben Person beschreiben?

Ich würde mein Gesicht in ihre Hände legen und etwas singen.

In welches CD-Fach im Plattenladen würdest du deine beiden Alben einsortieren?

Indogermanische, extremunderground soulfunkelishious freejazzhiphop songersingwriter POPMUSIK. Musik für’s Volk. Kochen mit Hunger.

Die Konzertkritik zu einem deiner Gigs lautet: “Solche Konzerte sind selten. Jene Ausnahme-Abende zu schaffen, in denen alle im Saal das rauschhafte Bewusstsein eint, dabei zu sein.” Fällt dir im Laufe des Konzerts eigentlich auf, wie gebannt dir dein Publikum zuhört und zuschaut?

Wenn das wirklich passiert, dann ja. Aber das sind nicht zwei Dinge, die getrennt voneinander ablaufen. Ich brauche die Konzentration des Publikums, ich benutze sie. Das Publikum ist ein Teil des Konzerts. Du musst dir vorstellen, du stehst in einem Raum mit lauter Menschen und auf einmal werden alle leise und schauen dich an. Was sagst du dann? Und wie sagst du es? Der Klang deiner Stimme, die Worte hängen auf einmal glasklar in der Luft.

Bei deinem Auftritt im Rosenfelspark in Lörrach, im Juli beim Stimmenfestival, ist mir aufgefallen, wie langsam und geduldig du jeden einzelnen Musiker deiner Band mit Instrument, Namen und Herkunftsort aufgezählt hast.

Ich kann wirklich sagen, dass ich jeden einzelnen meiner Mitmusiker bewundere. Sie inspirieren mich und bewegen das ganze Gefüge. Ich brauche sie auch dafür, um immer wieder neu spielen zu können. Auf Tour leben wir aber natürlich auch immer in einem halben Kriegszustand. Rasierschaum, nasse Bettlacken und so weiter. Wir führen ein vollständiges Stammesleben.



Du bist als Diplomatentochter viel in der Welt herumgekommen, sprichst mehrere Sprachen, singst deine Lieder mal auf Englisch, mal auf Schweizerdeutsch. Deine Musik klingt mal amerikanisch angehaucht, mal französisch. Siehst du dich als Kosmopolitin?

Mitteleuropäer wäre angemessener. Ich kann zum Beispiel kein Mandarin und kein Russisch, kein Arabisch und keine afrikanische Stammessprache, das müsste zu einem Kosmopoliten wohl dazugehören.

Als du dein erstes Album „Sketches On The Sea“ veröffentlicht hast, warst du Anfang 20, ein Alter, in dem andere anfangen zu studieren. Wie kamst und wie kommst du inzwischen mit dem Hype um deine Person klar?

Das ist so eine eigenartige Mischung aus Angst und Gefallen. Ich kann mich selbst sehr schlecht wahrnehmen in diesem Beruf, ich kann keine TV-Auftritte anschauen oder Aufnahmen hören oder Interviews. Das ist mir unangenehm, ich finde das albern. Andererseits habe ich schon gemerkt, dass diese Aufmerksamkeit mir manchmal sehr gefällt und mich irgendwie provoziert. Ja, das ist wie eine Provokation.



Zurzeit arbeitest du an einem neuen Album. Nimmst du die Songs wieder mit deiner Live-Band auf? In welche Richtung wird es diesmal gehen?

Ja, meine Band hat das meiste mit mir eingespielt. Die Stücke haben mehr elektronische Elemente. Ich habe zum Beispiel mit Drumcomputern gearbeitet, außerdem mehr Gitarren, weniger Klavier. Im allgemeinen hat es mehr Töne.

Wie würdest du die Musikszene deiner Heimat beschreiben?

Wir haben so circa zwei nationale Popstars, die die ganze Zeit im Fernsehen auftreten, in den Radios gespielt werden und in den Tageszeitungen ihre Lebenserfahrungen vermitteln. So wie überall sonst auch. Dann haben wir eine Schicht von Musikern und Bands, die wahnsinnig tolle Sachen machen, aber leider kaum davon leben können, weil die Schweiz viel zu klein ist. Das führt dann oft zu so Halbexistenzen, was sehr schade ist, weil es niemanden weiterbringt. Wenn man als Schweizer Musiker sein möchte, dann muss man das Land auch verlassen.

Mehr dazu:

Sophie Hunger: MySpace

Was: Sophie Hunger Monday's Ghost Tour 2009
Wann: Donnerstag, 24. September, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus
Eintritt: VVK 18, AK 22 Euro

Sophie Hunger & Stéphan Eicher - Like A Rolling Stone

Quelle: Youtube