Sophie

Dirk Philippi

Überall liegen sie dieser Tage herum. Gebastelte, nackte Brüste mit jungen Mädels drumrum. Die Welt ist voll mit entblätterten Titten-Tanten und sich räkelnden High Heels der Niveaulosigkeit. Die Welt macht auf Porno und zu viele machen mit. Mitunter ist das vielleicht knatterscharf, aber gemessen an Sophie ein schaler Witz. Dirk singt eine Ode.



Mädchen begannen erstmals Ernsthaftigkeit von mir einzuheimsen, nachdem ich diesen Film gesehen hatte, den alle, alle gesehen haben. Dieser französische Film wurde so etwas wie die gekürzte Bruchrechnung meiner Jugend, etwas, worauf wir uns damals alle verständigen konnten. Egal ob Jans Skater-Clique, Angelo und die Piaggio-Mofa-Rocker-Bande, die Boss-Träger-Mittelscheitel-Fraktion um Edelpopper Christian, Heiners Nerds aus der Latein-AG oder eben ich: "La Boum - die Fete" weckte in uns allen etwas auf und „La Boum“ veränderte unser Leben.


Mädchen sieht Jungen, Junge sieht Mädchen. Mädchen und Jungen verlieben sich und wo sonst als auf einer Party, einer unfassbaren Party, wird das Mädchen den Jungen küssen - rumgekriegt mit der Hymne aller Stehbluestänzer dieses Kosmos´, dem Lied Reality von Richard Sanderson. Dies alles wäre halb so wild gewesen, wäre da nicht Sophie gestanden, hätte da nicht Sophie geweint, wäre Sophie nicht Rollschuh gelaufen und hätte nicht Sophie uns alle geküsst.



Kann sich jemand an diese Lenor-Werbung erinnern? Die mit dem knuffigen Teddybären, der zusieht wie die Lenor-Flasche in Super-Super-Zeitlupe in dem Stapel flauschig-fluffiger Handtücher landet? Genau so strandeten damals meine Augen auf Sophies Lippen und blieben dort liegen. Seit diesem Moment begann ich mich nach Mädchen und ehrlichem Küssen zu sehnen. Dabei war es nicht die reine Lust, nicht der mechanische Trieb nach Druckerleichterung - den hatte ich schon mit meinem ersten Nena-Starschnitt zufrieden gestellt. Nein, dieses Mal, begann es etwas Ernstes zu werden. So wie in etwa die Gespräche und Themen in "The Breakfastclub" ein, zwei Jahre später. Nur dieses Mal ging es um unsere Herzen, um Liebe und um Sophie.

Ja, Ich war verliebt. Ich dachte morgens beim Aufstehen an sie und ihre Wollmütze und den Schal, wie er sich zärtlich an ihren hinreißenden Nacken schmiegte, im Schulbus sah ich sie in ihrem aufgeknüpften Herrenhemd mit Poupette albern und in der Schule entdeckte ich sie in der Ecke des Pausenhofs mit ihrer viel zu kurzen Jeansjacke und dem viel zu großen Kragen. Ich bewunderte, wie ihre Haare mittags im Sport die Luft streichelten und ich sah ihr dabei zu, wie sie die tollsten Tränen dieser Welt weinte. Ihre Großmutter war eine so liebe Frau und ihre Mutter ein wirklich steiler Zahn. Abends wünschte ich mir ihren Vater, der sich für sie mit anderen prügelte und wenn ich dann alleine im Bett lag, dann drohte ich zu ertrinken: Ich blickte auf ihre Lippen. Sophies Lippen! Dies waren keine normalen Lippen, sie waren wie mit Baumwolle auf rotem Samt gezeichnet, ein wenig so wie mein Nicki-Pulli, den ich bei meiner Einschulung trug. Ich musste diese Lippen finden und ich musste meine Sophie finden und sie küssen.



Alle Partys sahen nach "La Boum" aus wie in "La Boum". Sie liefen immer gleich ab: Die Partys starteten so gegen 16.30 Uhr und wer cool sein wollte - wie ich -, der kam so gegen kurz nach fünf. Gefeiert wurde in elterlichen Partykellern, in Schrebergärten und Vereinsheimen, das heißt gefeiert wurde eigentlich gar nicht. Die Mädchen saßen, wo Mädchen halt so sitzen, in einem Rudel, wie Robben am Strand, und die Jungs saßen woanders. Es lief die neueste Formel-1-Platte und es wurde getuschelt, gezeigt, fantasiert und getuschelt. Getanzt wurde nie, zumindest nie miteinander. Erst spät, irgendwann, wenn es draußen langsam dunkel wurde, wenn es nicht mehr lange dauern konnte, bis die ersten Eltern mit ihrem peinlichen Kinderabholservice drohend nahe kamen, schmuggelte jemand die Musikkassette mit dem Song "Reality" in den Rekorder und drückte auf Play. Was dann passierte, wirkt heute wie eine hübsche Choreographie: Langsam, ganz langsam arbeitete man sich in die Nähe der Person vor, die man am besten fand. Das geschah selbstverständlich so ungeschmeidig und hilflos wie bei einem Mikado-Turnier für Armamputierte. Wenn dann jemand urplötzlich das Licht ausknipste, wurde es für einige Minuten totenstill. Arme wurde verlegen gegen Decke gestreckt und unschuldig auf die Schultern der Sitznachbarin herabgelassen. Danach war das Lied zu Ende und die Party auch. Man musste schon ein Klemmi deluxe sein, wenn man in dieser Nacht einschlief, ohne zuvor an die Nacken, Hände, den Atem oder sogar die Lippen zu denken, die man kurz berührt hatte. Liebe, das war mir damals klar, sieht so aus wie eine Party mit Vic und Mathieu in "La Boum". Nur wo war Sophie?



Ich war in eine Sache reingeschlittert, wie ein Joghurt, der beim Linksdrehen aus der Kurve fliegt - unerwartet und vollkommen unvorbereitet. Das alles war wirklich kein Spaß, sondern ehrliche Sehnsucht, tiefes Verlangen und verzweifelte Liebe. Ich verlor den Boden unter den Füßen und habe lange Zeit gebraucht bis ich wieder Fuß fassen konnte. Es war als stürzte ein Ausgehungerter in ein Erdbeermeer. Heillose Überforderung! All die Partyhologramme für viel zu junge Kinder hatten mich nicht zu Sophie geführt, wie konnten sie auch? Und so habe ich weiter gesucht. Rastlos. Ich legte mich auf die Lauer und ließ sie mein Leben tragen. Sie war die gehörnte Studentin, sie war nackt zwischen Männern, verloren in Schottland und böse inmitten vom Bösen. Immer wieder, wenn ich nicht mehr mit ihr rechnete, zwinkerte sie mir zu und verzauberte mich mit ihren zauberhaft karameligen Lippen. Fassen aber, konnte ich sie nie. Vielleicht kam sie einfach zu früh.

Sophie, ich bin Dir immer treu geblieben!

Met you by surprise I didn't realize / That my life would change forever / Saw you standing there I didn't know I'd care / There was something special in the air / Dreams are my reality / The only kind of real fantasy / Illusions are a common thing / I try to live in dreams / It seems as it's meant to be / Dreams are my reality / A different kind of reality / I dream of loving in the night / And loving seems all right / Although it's only fantasy.

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