Sonntagssonnenterror

Dirk Philippi

Beziehungskiller gibt es viele. Einige davon: Schlampigkeit, Schwiegereltern, Fußball, Langeweile, Sex, Freunde, Fernsehen, Telefon und Sonntage. Gerade letztere sind es, die meist schonungslos aufdecken, was sonst stets detonationsbereit vor sich hin schlummert. Dirk erinnert sich.



Irgendwann hatte ich den Grund für das Feiern vergessen. Ich hatte es zu keiner Zeit als einen Angriff an das alltägliche Nichts empfunden. Partys mit ein bisschen Nichts waren mir sogar ehrlich gesagt die liebsten. Lümmelige Sofaecken, verschlafene Matratzenlager, ein puffiger Club mit Separee-Relikten, dazu ein geschmeidiger Downbeat – das war die Atmosphäre, in der ich mich wohl fühlte. Nur leider färbte sich dieses Interieur langsam aber sicher auch auf mein Liebesleben ab – auch dort gab es meist ein bisschen nichts, und das Seltsame daran: Es störte mich nicht einmal.


Es war nach genau solch einem Lounge- und Bar-Abend mit Kirsten und unseren Freunden, mit Unmengen Martini auf Eis, vereinzelten Heimspielknutschereien und einigen hübschen Randerscheinungen. Die anschließende Nacht in Kirstens WG war okay, die Lustverknotungen auch. Alles in allem war es ein Wochenendtag wie er sein sollte: entspannt! Dumm nur, dass schon wenige Stunden später all das, worüber man sich an Samstagen noch einig ist, sonntags nun so unterschiedlich betrachtet wird wie die Moraltiraden von Peter Hahne. Dabei kann man das, was in den ersten Sonntagsstunden geschieht, vorhersehen wie die Niederschlagswahrscheinlichkeit in einer Badezimmer-Duschkabine. Sie: „Guten Morgen mein Süßer!“ Er: „Hmmm.“ Sie: „Schau´ mal, die Sonne – sooo schön!“ Er: „Hmmm.“ Sie: „Komm kuscheln!“ Er: „Hmmm (…) müde (…)“ Sie: „Dann geh´ ich mal duftende Brötchen holen und Du deckst schon mal den Tisch!“ Er: „Hmmm.“



Ein idealer Sonntag: 1. schlafen, 2. aufwachen, 3. wieder einschlafen, 4. DSF-Fußball-Stammtisch glotzen, 5. Sonntagszeitung lesen und am Telefon mit einem Freund über den aktuellen Kommentar lästern, 6. im Internet surfen, 7. Schallplatten neu sortieren,  8. noch mal einschlafen, 9. regionales Oberliga-Sportevent besuchen und Bratwurst essen, 10. Tatort anschauen. - Die Schnittmenge dieser Idealauswahl mit der von Kirsten (und der der Kirstens davor) beschränkt sich unabweichlich auf die Punkte 1 und 2. Und so ist es klar, dass der ideale Sonntag so nur als Utopie existieren darf, die Realität dagegen grausam sein kann: Sonntagsausflug!!!

Horden von Wohnzimmer-Zombies, die auf den Namen Gertrud und Wolfgang hören, verlassen von Melkfett schweinemäßig glänzend und kurzbehost (khaki!) ihre detailverliebt verschnörkelten Wohnzellen, um mit ihrem Anblick die Natur zu erschrecken. Und ich bin mittendrin. Sie: „Lass uns doch ein wenig raus fahren!“ Er: „Hmmm, es ist so heiß draußen.“ Sie: „Na eben! Du mit Deiner Höhlenmentalität. Sonst haben wir nie Zeit, was gemeinsam zu machen!“ Er: „Hmmm, aber nachher ist noch Fußball (..)“ Sie: „Also entweder Du machst jetzt was mit mir an diesem wunderschönen Sonntag oder Du kannst mit Deinem Rechner und Fernseher schlafen!“ Er (denkt): „Das wär vielleicht nicht das Schlechteste!!!“ Er (sagt): „Hmmm, na gut, dann lass uns eben an den See fahren!“



Wir liegen am vertrockneten Strand des zugepullerten Baggersees, um uns herum riecht es nach parfümiertem Schweinefett und überall liegen schwitzige Leiber rotglühend auf Ikeahandtüchern oder spielen Wasserball mit Großvaters aufgeblasenem Katheterbeutel. Ich könnte kotzen – halte mich aber zurück. Kirsten sagte „Man wird das schön“, als wir die wunderbar kühle Wohnung verließen, jetzt sagt Kirsten nichts mehr. Sie liegt einfach nur da, liegt da, einfach so, hübsch und schweigt. So wie es nur Frauen an einem Sonntag können: Kirsten hat mich hierher geschleppt und jetzt verharrt sie neben mir wie ein meditierender tibetanischer Stein. Ich werde hippelig und suche Abwechslung. Von Entspannung und Genuss bin ich weiter entfernt als unser mitgebrachtes Essen vom benachbarten Wespenstock. Ich bin kurz davor einen Schreikrampf zu initiieren, als endlich Action naht: Der Eiswagen! Er: „Maus, willst Du auch ein Eis?“ Sie: „Hmmm, nö.“ Er: „Sicher nicht? Ich hol uns zwei!“ Sie: „Hmmm, nö, lass mich einfach in Ruhe hier liegen.“

An einem zur mobilen Eisstation umgebauten Viehtransporter, der nach einer Mischung von Kölnisch Wasser und defekter Chemie-Toilette riecht, steht das gesammelte Elend, die Sonntagsverlierer. Das Landesliga-Derby läuft ohne sie, ob es zum Oberliga-Knaller noch reicht, ist fraglich. Ein Wunder, dass sich die Gleichgesinnten nicht ad hoc mit kochendem Bier das Resthirn aus dem Schädel fluten. Geschlagen legen sie sich zurück zu ihren Kirstens. – Ich fange an, nervös zu werden, wippe mit dem Fuß und suche die Gegend nach irgendeiner Abwechslung ab. Selbst der Orangen-Jongleur präsentiert sich als willkommene Abwechslung. 51 Runden mit drei Fruchtbomben, ohne eine fallen zu lassen. Bravo! Die Zeitung habe ich schon zum siebten Mal gelesen, sogar den Lokalteil! Ich versuche, eine halbe Stunde mit der bloßen Kraft meiner Gedanken die Brüste einer dicken Frau neben uns zu bewegen. Ich langweile mich!



Aber was mache ich hier eigentlich? Kirsten braucht mich doch eh nicht. Und überhaupt: Wann hat sie denn eigentlich vor wieder aufzustehen? Wenn der Blutzuckerspiegel auf ein lebensbedrohliches Maß sinkt? Wenn der Winter einbricht? Rechtzeitig zu „Nur die Liebe zählt“? Ich versuche Kirstens Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er: „Schau mal, die Wolke da schaut aus wie deine Mutter!“ Sie: „Hmmm.“ Er: „Da läuft George Clooney!“ Sie: „Hmmm.“ Er: „Na, ich geh´ dann mal." Sie: „Hmmm.“  - Vielleicht ist es ja simple Rache, ich weiß es nicht. Sicher scheint nur, dass das mit den Sonntagen einfach nichts mehr werden wird und mich und meine Überreste hier in tausend Jahren erst Archäologen wieder rausholen werden. Als ich das denke, reckt Kirsten sich zu mir, schlägt die Augen auf und sagt: „Mein Bär, Du bist so still in letzter Zeit."

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