Songwriting ist wie eine Sprache: Yael Shoshana Cohen von Lola Marsh im Interview

Bernhard Amelung

Folkig atmosphärisch klingen die Songs von Lola Marsh. Am Mittwoch tritt das Duo aus Tel Aviv im Jazzhaus auf. Ein Gespräch über autobiographische Songs, die Stadt Tel Aviv und die Zweierbeziehung unter Musikern. Außerdem verlost fudder Freikarten.

fudder: "In good times" beginnt mit dem Wunsch nach gemeinsamer Zeit. Wie autobiographisch ist dieser Song?
Yael: "In good times" ist kein autobiographischer Song. Er steht aber beispielhaft für die Künstlerbeziehung, die Gil (Landau, d.Red.) und ich führen. Eines morgens rief Gil mich an. Er war ganz aufgeregt und spielte mir eine neue Melodie vor, die er gerade komponiert hatte. Die Melodie erinnerte mich an einen Traum, den ich kurz davor hatte. Ich träumte von einem Paar, das in einem Autounfall ums Leben kommt, ein Partner kommt in den Himmel, der andere in die Hölle. Sie haben ihr ganzes Leben miteinander verbracht und werden am Ende getrennt. Dieser Traum hat etwas in mir ausgelöst, das ich in diesem Song verarbeitet habe.


fudder: Der Song endet mit der Aufforderung, die Melodie nicht zu vergessen. An wen richtet sich diese?
Yael: Die Melodie ist das einzige, was dem Paar noch bleibt. Räumlich werden beide Menschen getrennt, doch die Melodie knüpft ein unsichtbares Band zwischen ihnen.

fudder: Gibt es auch zwischen dir und Gil eine solche Verbindung?
Yael: Die Magie, die uns verbindet, resultiert aus dem gemeinsamen Songwriting und Musik machen. Das verbindet Gil und mich aber auch mit anderen Musikern, mit anderen Menschen. Songwriting ist wie eine Sprache, wie ein Geschenk.

fudder: Auf "Days to come", einem eurer ersten gemeinsamen Songs, singst du über eine unsichere Zukunft. Aus welchem Gefühl heraus ist er entstanden?
Yael: Als Gil und ich angefangen haben, gemeinsam Songs zu schreiben, kannten wir uns noch nicht so gut. Wir haben Zeit gebraucht, um die Welt des anderen zu verstehen und unsere beiden Welten zusammen zu bringen. Jeder bringt seine eigenen Erfahrungen und Erinnerungen mit. Bevor ich Gil kennen gelernt habe, habe ich ganz anders Musik gemacht. Ich hatte meine eigenen Projekte, wusste aber unterbewusst, dass das noch nicht alles war. Auch davon handelt der Song.

fudder: Wie klappt die Zusammenarbeit heute?
Yael: Gil und ich sind zwei unterschiedliche Charaktere. Das merken wir gerade wieder, da wir an unserem Debütalbum arbeiten. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen, wie die Songs klingen sollen. Wir müssen viel Geduld für einander aufbringen. Deshalb ist es gut, dass wir auch andere Musiker und Bandmitglieder an Bord haben. Oft ist es nämlich sehr schwer, wenn man nur mit einer anderen Person zusammen arbeitet. Da muss man darauf achten, nicht miteinander zu streiten. Man wächst aber mit der Zeit aneinander und miteinander.

fudder: Überrascht ihr euch gegenseitig noch?
Yael: Das kommt ganz darauf an, was du meinst.

fudder: Erstmal nur auf eure Musik bezogen.
Yael: Gil überrascht mich oft mit seiner Musik, mit den Melodien, die er schreibt. Oder den Beats, die er produziert. Davon abgesehen, er ist ein Mann, ich bin eine Frau, und manchmal weiß ich echt nicht, was in ihm vorgeht und was mit ihm abgeht.

fudder: Ihr lebt und arbeitet in Tel Aviv, seid aber oft auf Tour. Was vermisst ihr aus eurer Heimat, wenn ihr unterwegs seid?
Yael: Ich vermisse das Wetter, meine Familie, meine Freunde. Ich vermisse Tel Aviv sehr, die kleinen Restaurants, in denen ich essen gehe, einfach den Vibe dieser Stadt.

fudder: Tel Aviv ist ja eine sehr pulsierende Stadt.
Yael: Tel Aviv ist wirklich großartig. Es ist eine freie, freiheitliche Stadt, in der viele junge, kreative Menschen leben und arbeiten. Das Nachtleben ist toll, die Kunstszenen, und wenn man einmal abschalten möchte, geht man an den Strand. [lacht]

fudder: Warum lachst du?
Yael: Gil lacht. Ich weiß, dass er das Wetter auf keinen Fall vermisst. Sonne, Hitze, immer Sommer, er hasst das wirklich. Deshalb mag er an Europa das Wetter, auch die kalten, regnerischen Tage. Deshalb würde er gerne einmal ein, zwei Jahre im Ausland leben, vielleicht in Berlin, vielleicht in London. Aber auch ich würde gerne einmal in einer dieser Städte leben.

fudder: Was vermisst du, wenn du in Tel Aviv bist?
Yael: Ich vermisse die Abenteuer, die wir auf unseren Konzerttouren erleben. Jeder Tag steckt voller Überraschungen. Wir kommen mit anderen Menschen in Kontakt, mit unserer Band leben wir eine Art Familienleben. Aber sobald wir unterwegs sind, haben wir kaum Freizeit. Wir sind immer unterwegs, immer in Bewegung und haben kaum Freizeit. Und Gil vermisst in Tel Aviv vor allem das europäische Wetter. [lacht]

fudder: Lass uns noch auf "Sirens" zu sprechen kommen. Was meinst du mit der Songzeile "In a million years it"ll all be over?"
Yael: Als Musikerin ist es immer eine Herausforderung, den nächsten Song zu schreiben oder auf dem nächsten Konzert abzuliefern. Ich schreibe meine Songs aus vollem Herzen, ich möchte etwas mitteilen, was aus tiefstem Herzen kommt. Ich öffne mich, mache mich verletzlich. Das kann Ängste auslösen. Diese werden jedoch nicht mehr sein, wenn ich einmal nicht mehr bin. Meine Songs aber werden dennoch bleiben.
Lola Marsh

Seit 2013 treten Yael Shoshana Cohen und Gil Landau unter dem Namen Lola Marsh auf. Kennen gelernt haben sie sich die beiden Musiker aus Tel Aviv in Israel an der Universität. Mit ihren Songs besetzen sie das Feld zwischen atmosphärischem Synth-Pop, Indie-Folk und Electronica. Ihre Debüt-EP "Sirens" ist 2015 erschienen, im Mai 2016 haben sie die Single "She's A Rainbow" veröffentlicht. Im Herbst 2016 soll das erste Album des Duos erscheinen.

Verlosung

fudder verlost im "Club der Freunde" drei Mal je zwei Freikarten für das Konzert von Lola Marsh im Jazzhaus. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit dem Betreff "Lola Marsh" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Mittwoch, 28. September 2016, 9 Uhr. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

  • Was: Konzert w/ Lola Marsh
  • Wann: Mittwoch, 28. September 2016, 20 Uhr
  • Wo: Jazzhaus