Songwriting als kathartischer Prozess: Dustin Hayes von Walter etc. im Interview

Bernhard Amelung

Am Dienstag hat die Indie-Band Walter etc. ein Konzert im Great Räng Teng Teng gespielt. Sänger Dustin Hayes war spontan für ein Gespräch bereit und hat erzählt, wie die deutsche Sprache für ihn klingt und was ihm das Songwriting bedeutet.

"Wir gehen auf Europa-Tour. Wir wissen nicht, was wir tun", schreibst du auf der Facebook-Seite deiner Band Walter etc. Wie sieht es nach drei Wochen Europa-Erfahrung aus?

Dustin: Noch wissen wir immer noch nicht so genau, was wir tun. Europa ist ein einziges Abenteuer für uns. In England mussten wir uns zum Beispiel an den Linksverkehr anpassen. Das war sehr schwierig für uns. Jetzt sind wir in Deutschland unterwegs und sehr gespannt, was passieren wird.

Was habt ihr mit Ankunft in Deutschland als Erstes gemacht?

Dustin: Wir sind vom Flughafen in Frankfurt in einen grünen Reisebus gehetzt. Danach haben wir ein Konzert gespielt und blieben anschließend mit ein paar Leuten zusammen, haben viel Bier getrunken und bis fünf Uhr morgens gequatscht.

Wie klingt die deutsche Sprache für dich?

Dustin: Deutsch klingt einerseits sehr verwirrend. Ich verstehe nur einzelne Wörter. Deutsch klingt aber auch so, als ob ich als Songwriter mit dieser Sprache sehr kreativ umgehen könnte, würde ich sie beherrschen. Ich glaube, man kann viele einzelne Wörter miteinander verbinden, so dass man ein neues Wort mit einer anderen Bedeutung bekommt.

Zum Beispiel Alleinstellungsmerkmal. Weißt du, was dieses Wort bedeutet?

Dustin: [lacht].

Es bedeutet so viel wie "unique selling point". Was macht den Sound von Walter etc. so einzigartig?

Dustin: Ich denke, die Musik als solche ist es nicht, die uns einzigartig macht. Ich denke, uns zeichnet aus, wie wir Musik machen, Texte schreiben und das Ganze präsentieren. Musik und Texte kommen direkt aus unseren Herzen. Wir sind ehrlich, offen und sehr direkt. Wir nehmen kein Blatt vor den Mund.



Dann rate doch einmal, was das Wort Fingerspitzengefühl bedeutet.

Dustin: Singer-Vocal-Style. Stimmt das?

Ich würde das Wort mit "ability to deal with sensitive issues" übersetzen.

Dustin: Puh. Die englische Sprache kennt so einen Begriff nicht.

In deinen Texten sprichst du sehr offen über Gefühle. Woher kommt diese Offenheit?

Dustin: Vielleicht ist das ein Charakterzug, der mit unserer Herkunft zu tun hat. Wir sind alles Jungs von der Westküste, Kalifornier, vielleicht können wir einfach offener über Gefühle sprechen als andere Menschen. Wir gehen auch sehr ungezwungen damit um. Und vielleicht sind wir auch alles sehr sensible Jungs.

Wenn zwei Musiker deine Eltern sein sollten, wer wären diese?

Dustin: Janis Joplin wäre meine Mutter, denn sie ist eine großartige Musikerin und Sängerin. Ihre Lieder hatten einen großen Einfluss auf mich und viele andere Künstler, die ich ebenfalls sehr schätze. Mein Vater wäre Billie Joe Armstrong, der Sänger und Gitarrist der Punkrock-Band Green Day. Armstrong ist so ein wenig mein musikalischer Ziehvater, denn er steht für die Art von Punkrock, die ich als Heranwachsender gehört habe. Punkrock war mein Ausgangspunkt und wird immer ein Teil von mir sein.

Was war bisher deine größte Herausforderung als Musiker?

Dustin: Ich bin ein offener, ehrlicher und direkter Mensch. Meine Texte handeln oft von Menschen aus meinem persönlichen Umfeld. Früher habe ich diese auch beim Namen genannt. Sie, ihre Familie und Freunde, erkannten sie sofort wieder, da ich kein Detail ausgespart habe. Ich habe jedoch gelernt, dass ich mich da ein wenig zurückhalten muss. Ich möchte Texte schreiben, die meine höchstpersönlichen Gedanken und Gefühle wiedergeben. Ich möchte aber niemanden dadurch in komische Situationen bringen oder Konflikte auslösen. Ich möchte auch nicht, dass Menschen, die mich nicht persönlich kennen, einen so tiefen Einblick in meine Seele bekommen.

Woher kommt diese Einsicht?

Dustin: Als wir noch jünger waren, kannten wir so etwas wie politische Korrektheit nicht. Als 15-Jähriger macht man sich noch nicht so viele Gedanken, ob man jemanden mit seiner Sprache und dem Inhalt der Texte verletzen könnte. Heute gehen wir bewusster an die Texte ran. Das nennt man Entwicklung.



Ein Song, den du spontan geschrieben hast?

Dustin: "Petunia You’re Home". Ich kam von einem Camping-Trip zurück, auf dem mich Petunia begleitete, eine sehr fette Bulldogge. Der Hund hasste die Reise. Er bellte die ganze Zeit. Als wir zurückkamen, die Freunde zuhause absetzen, sagte einer "Petunia, du bist zuhause". Auf der Weiterfahrt habe ich aus diesem Satz den Song entwickelt.

"Gloom Cruise" lautet der Titel eures aktuellen Albums. Von welcher Reise sprichst du?

Dustin: Der Titel hat eine metaphorische Bedeutung. Es geht um eine Reise in die dunkelsten Ecken der Gedankenwelt. Das Albumcover lässt das nicht erwarten. Das Cover sieht nach einem schönen Roadtrip aus. Aber inhaltlich geht es um die Vertonung einer mentalen Landkarte.

Wo beginnt die Reise?

Dustin: Die Reise beginnt mit meinem Umzug nach Portland. Mit diesem Schritt habe ich mich auch als Mensch verändert. Ich habe beschlossen, mein Leben auf unbestimmte Zeit der Musik zu widmen. Ich habe auf alles andere verzichtet. Die Reise endet mit derselben Person, die diesen Schritt reflektiert und Bilanz zieht, wie sie dorthin gekommen ist.

Was ist das Ergebnis der Bilanz?

Dustin: Es ist gut so wie es ist. Das Songwriting war wie ein kathartischer Prozess.
Die nächsten Lucky Booking-Konzerte im Überblick

Was: Totoro
Wann: Freitag, 13. April, 20 Uhr
Wo: White Rabbit

Was: Máni Orrason
Wann: Samstag, 14. April, 19 Uhr
Wo: The Great Räng Teng Teng

Was: Iron Chic
Wann: Dienstag, 1. Mai, 20 Uhr
Wo: White Rabbit

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