Soll ich mich am Arbeitsplatz outen?

Betül Yaman

Rebecca, 26, aus Freiburg fragt: "Ich habe vor vier Monaten meine erste Stelle als Associate bei einer großen Rechtsanwaltskanzlei angetreten. Mein direkter Vorgesetzter, ein Seniorpartner, hat mich und die anderen Neueinsteiger jetzt zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen. Ich "solle meinen Freund mitbringen". Das Problem: Ich habe keinen Freund, sondern eine Freundin, denn ich bin lesbisch. Outen möchte ich mich in diesem konservativen Umfeld eigentlich noch nicht. Was soll ich tun?"



Hallo Rebecca,

Wie du selbst schon vorgibst, möchtest du dich eigentlich nicht outen, weil das Umfeld eher konservativ ist. Damit liegst du vermutlich auch richtig. Denn leider wird in der Gesellschaft Homosexualität nicht überall immer anerkannt.


Wenn du das Gefühl hast, deine Arbeitskolleginnen und Kollegen mögen dich und du kommst als Person an deinem neuen Arbeitsplatz gut an, hast du bereits ein ziemlich sicheres Standing und kannst zu gegebenem Anlass gerne mitteilen, dass du mit einer Frau zusammen bist.

Einfacher ist es, wenn du dich nicht nur als Mensch, sondern auch in deinem Job bereits bewähren konntest. Dann ist das Outing meist nur noch eine Überraschung, an die sich die Kolleginnen und Kollegen innerhalb kurzer Zeit auch bald gewöhnt haben. Es folgt oftmals auf beiden Seiten eine Erleichterung, da nach gewisser Zeit bei dem ein oder andere doch so eine Vermutung in diese Richtung aufkam.

Viele Homosexuelle gestehen ein, dass solch ein Outing immer gut überlegt sein muss. Der richtige Zeitpunkt und auch das eigene Selbstvertrauen spielen hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle.



Ich empfehle dir auf alle Fälle, bei der Wahrheit zu bleiben. Keine Lüge vorneweg, wie zum Beispiel: "Mein Freund kann leider an dem Abend nicht kommen." Deine Ehrlichkeit wird ansonsten zukünftig eventuell hinterfragt werden. Sag einfach, dass du alleine kommen wirst. Wenn weiter nachgefragt wird, kannst du ja sagen, dass du keinen Freund hast. Mehr brauchst du von deinem Privatleben nicht preiszugeben.

Wenn du so weit bist für dein Outing, sei souverän und selbstbewusst. Stehe voll hinter deiner Partnerschaft und zeige keine Verlegenheiten. Gib den Kolleginnen und Kollegen Zeit, deine Message aufzunehmen und zu verarbeiten. Auf keinen Fall solltest du dich dafür rechtfertigen (Familiengeschichten, Erfahrungen, Stammbaum mit Homosexuellen Vorfahren o. ä.).

Das Outing in einem unauffälligen Nebensatz hat sich selten bewährt. Nutze wirklich eine entspannte Pause hierfür oder bitte um ein persönliches Gespräch bei deinem Vorgesetzen.

Viel Spaß bei deinem neuen Job.

Deine Betül