Social TV: Nie wieder alleine Fernsehen

Martin Jost

Erinnert sich noch jemand an Fernsehen? Eure Eltern kennen das. So ähnlich wie Youtube, aber man kann immer nur das gleiche wie alle anderen kucken. Filme selber hochladen geht nicht und die Kommentarfunktion ist auch geschlossen. Es gibt jetzt einen Trend, der Fernsehen wieder lustig macht: Social TV. Das heißt, du schaust fern und bist gleichzeitig im Internet, wo du dich mit Leuten, die du gar nicht kennst, über das Programm auslässt.



Der erste Sonntag im September. Viertel neun sitzen acht Millionen Deutsche vor ihren Fernsehern und sehen dasselbe: den altbackenen Vorspann zu einem neuen „Tatort“. @hosae twittert: „An was man merkt, dass Sonntagabend ist: Zuerst dumme "Schwiegertochter gesucht" Tweets und anschliessend wird der ganze Tatort kommentiert.“


@hosae hat sich an diesem Abend auf Twitter umgeschaut und gesehen, worüber die anderen Mikroblogger schreiben. Erst lästern sie über eine Reality-Show bei den Privaten, dann kommentieren sie die neueste Folge der Krimireihe im Ersten. Social TV könnte Nischenhobby einiger hipper Internetnutzer bleiben oder der Trend sein, der das Fernsehen rettet wie Pokémon den Gameboy.

Trend oder Nische?

„Möglicherweise kann das Menschen, die schon mit dem Fernsehen abgeschlossen hatten, dazu kriegen, wieder Sendungen live zu verfolgen“, sagt Christopher Buschow vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Er hat mit seiner Kollegin Beate Schneider und einer Gruppe Studenten das Phänomen Social TV untersucht. Dazu haben sie erstens Interviews mit Experten – Journalisten, Fernsehmanager, Produzenten und anderen – geführt und zweitens zwischen Januar und April 32.597 Twitter-Nachrichten untersucht, die während einzelner Ausgaben von „Schlag den Raab“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Tatort“ und anderen Sendungen verschickt wurden.

Während einer Folge „Tatort“ sind das zum Beispiel 32 Tweets pro Minute. Facebook und andere Netzwerke sind mindestens genauso wichtig für den Austausch mit Freunden über das laufende Fernsehprogramm, aber für die Forscher nicht so leicht einsehbar wie die öffentlichen Twitter-Nachrichten.

Worüber schreiben die da? Zunächst mal kritisieren sie. An jenem Sonntag im September läuft die Erstausstrahlung des Kölner „Tatorts“ „Fette Hunde“. Die professionelle Fernsehkritik bescheinigt der düsteren Geschichte über Afghanistan-Veteranen und Drogenkuriere Mut, Tiefe und künstlerische Frische. Die twitternden Zuschauer sind gespalten. „ok. Das war der bescheuertste Tatort der ganzen Welt“, finden @dieorsons, nachdem die Folge zu Ende ist.

@dramalovesme hat er dagegen gefallen: „Ich habe gerade eben meinen ersten Tatort gesehen. Bin definitiv pro.“ @frauelo verschickt ein Handyfoto von sich mit verwirrtem Blick beim Tatort kucken. Und @ennomane bringt auf den Punkt, wie gegensätzlich der Fernsehfilm aufgenommen wird: „Laut meiner Timeline wurden heute wieder 2 verschiedene Tatort-Folgen gleichzeitig gesendet. Jeden Sonntag dasselbe faszinierende Phänomen.“

Neben der Fernsehkritik menschelt es

Gut ein Zehntel der Tweets, die das IJK untersucht hat, behandeln inhaltliche oder technische Fragen. So passiert etwa eine Viertelstunde nach Beginn der erste Mord – Kapuzenmann erschießt Drogenkurier aus nächster Nähe – und @Blacki81 stellt klar: „Auch mit Schalldämpfer zerreist es den Kopf in tausend Teile aus der Entfernung“.

Was Social TV sozial macht, sind Austausch, gegenseitiges Anschreiben und Rückantworten unter den Twitterern, die virtuell „zusammen“ Fernsehen schauen. Die Hälfte aller untersuchten Tweets erfüllt diese Funktion. „Es ist ein Mythos, dass Fernsehen zur Vereinsamung beitrage“, sagt Christopher Buschow und meint damit: auch bevor es Social TV gab. „Der Fernseher hatte immer diesen Lagerfeuer-Effekt, der Leute zusammen bringt. Früher hat man sich vor dem Fernseher zusammen gefunden. Social TV erweitert diese Möglichkeiten.“

Fehlt nur noch Geld verdienen

Natürlich ist es keine große, Quote machende Mehrheit, die parallel zum Fernsehen netzwerkt. Etwa 500.000 Twitterkonten sind in Deutschland eingerichtet aber offizielle Zahlen gibt es nicht. Gut 10.000 individuelle Twitterer waren es, die über die vom IJK untersuchten Sendungen schrieben. Trotzdem rotieren Senderchefs und Produzenten. Wenn Social TV ein Trend ist, der sich wie auch immer zu Geld machen lässt, wollen sie ihn nicht verschlafen. „Das wird aber nicht schnell gehen, sondern höchstens mittelfristig“, so Buschow.

Frisch gegründete Unternehmen wie Couchfunk bieten Programme für Smartphones und Computer, mit denen sich alle Tweets zu einer gerade laufenden Sendung schneller finden und kommentieren lassen. Während der Fußball-EM und den olympischen Spielen haben diese Social-TV-Apps die größten Nutzerzuwächse verzeichnet. „Wenn Sie als Fernsehsender nicht am Ende so ein Unternehmen aufkaufen wollen oder Ihre Gewinnmarge mit ihm teilen, müssen Sie selbst Angebote schaffen“, sagt Christopher Buschow.

Privatsender programmieren eigene Apps. Die ARD twittert auf einem eigenen Konto, das sich nur dem „Tatort“ widmet, eigenhändig mit. Welcher Teil des Publikums wohl ohne Twitter gar nicht vor dem Fernseher säße? „Jeden Sonntag das selbe Spiel: Timeline ist voller Tweets, in denen über den laufenden Tatort gejammert wird. Warum guckt Ihr das denn?“, fragt @sbrinkmann nach der ersten Stunde genervt. Indirekt antwortet @knipperdoling07: „Tatort: scheiße. Tatort+Twitter: lustig!“

Social TV

„Social TV“ heißt Fernsehen und sich dabei im Internet über das Programm austauschen. Mit Freunden auf Facebook oder für die ganze Welt zu Lesen auf Twitter. Die meisten Nutzer tippen beim Fernsehen auf ihr Handy ein, statt sich ein TV-Gerät mit Web-Zugang zu kaufen. Sie nutzen das Internet also nicht auf dem Hauptbildschirm, sondern einem „Second Screen“.

Diese Variante wünschen sich die TV-Sender für ihre Nutzer, die sonst die Werbung hinter Browserfenstern verstecken könnten.

Fernsehsender erahnen neue Vermarktungsmöglichkeiten rund um „Social TV“, suchen aber noch nach Ideen und halten sich mit Konzepten zurück, das Netzgezwitscher interaktiv in ihre Sendungen einzubauen.

Start-ups stoßen in die Lücke, indem sie Apps für Smartphones und Laptops anbieten, mit denen sich leicht in die Tweets zu einer laufenden Sendung einschalten und mitkommentieren lässt.

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  [Bild: WDR]