Social Network Zombies: Tote Promis auf Facebook

Manuel Lorenz

Untote haben Hochkonjunktur, allen voran Vampire. Stephanie Meyers Bis(s)-Romane führen die Bestsellerlisten an und werden erfolgreich fürs Kino verwurstet; selbst die US-TV-Serien True Blood und The Vampire Diaries haben es mittlerweile nach Deutschland geschafft. Ein Ende des Hypes ist nicht in Sicht; halb so schlimm, wenn man wenigstens in den digitalen Weiten des Internets davor gefeit wäre. Ist man aber nicht, denn der Trend geht zum E-Zombie. Natürlich auch auf Facebook.

Ja, Totgeglaubte jeglicher Couleur tummeln sich auf Facebook, sind miteinander vernetzt, posten und liken und stehen in regem Austausch mit den Lebenden. Was bisher nur Schamanen vorbehalten war, ist nun elektronisch auch Normalos möglich: mit der Sphäre der Verstorbenen in Kontakt zu treten. Hinein also, ins Getümmel aus Einsen und Nullen. Als Bildungsbürger stolpere ich zuerst über Klassiker: Bach, Beethoven und Brahms, Goethe und Schiller, Dürer und Caspar David Friedrich. Bei Bach – der eine Ray-Ban Wayfarer trägt – ist unter Kinder tatsächlich Wilhelm Friedemann Bach eingetragen, samt eigenem Facebook-Profil. Goethe steht auf die texanischen Indie-Bands Grassfight und The Demigs. Und die Lebensdaten Caspar David Friedrichs stimmen mit den historischen Tatsachen überein: Verheiratet, interessiert an Frauen und auf der Suche nach Freundschaft; beheimatet in Greifswald, wo er geboren wurde und bis ’94 die Uni besuchte; dann, bis ’98, an der Königlich Dänische Kunstakademie in Kopenhagen; derzeitiger Wohnort: Dresden, wo er begraben liegt. Aber auch der Rocknroll ist von den Toten auferstanden. Live fast, love hard – meinetwegen. Aber: die young? Von wegen! Alle sind sie da: Elvis, mit über 900 Freunden, Jimi Hendrix, der leidenschaftlich das Facebook-Spiel Mafia Wars zockt und Kurt Cobain, der den Koran und die US-amerikanische Porno-Darstellerin Alexis Texas geliked hat.  Mit Michael Jackson bin ich mittlerweile befreundet; Janis Joplin hat meine Freundschaftsanfrage bislang ignoriert und stattdessen per Statusmeldung „i hate u“ verlautbart. Natürlich sind auch die Superhelden am Start, und so erfahren wir, dass Batman alias Bruce Wayne die Kult-Serie How I Met Your Mother schaut und Spiderman a.k.a. Peter Parker eigentlich ein Freiburger DJ ist. Außerdem: Kindheitsfreunde wie Pumuckl, der – skurril – mit Julius Cäsar und Heinz Erhardt befreundet ist. Und: Endlich dürfen wir unsere Kino-Lieblinge anstubsen, Luke Skywalker, den Dude, James Bond und viele andere. Müßig, aufzuzählen, wen’s da noch alles gibt. Man kommt vom Hundertsten zum Tausendsten, verliert sich – und viel Zeit. Und wünscht sich, dass jene Zombies und Phantasmen lieber in Analogien geblieben wären.


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