Satirische Jahresvorschau

So wird Freiburg im Jahr 2018

fudder-Redaktion

Musik aus der Banlieue wird von der EU gefördert, Studis ziehen in Baumhäuser und wir kriegen den jüngsten OB Deutschlands: Was in Freiburg im Jahr 2018 sonst noch passiert, sagt fudder vorher.

Januar

Ex-Topmodel-Kandidatin Giuliana Farfalla zieht ins RTL-Dschungelcamp ein. In der ersten Woche wird sie vom Publikum täglich zur Ekelchallenge bestellt – es kommt nicht so gut an, dass sie auch im Dschungel blonde Extensions des Freiburger Starfriseur Francek trägt und sich mit Lagerfeuerasche am Morgen einen Lidstrich zieht. Doch die 22-Jährige meistert die Aufgaben souverän – egal ob Giftspinnenkuscheln, Straußenreiten oder der Verzehr von rohen Känguru-Hoden. Die Zuschauer sind begeistert – wie auch Ex-Bachelorette-Gewinner David Friedrich, der Gefallen an der toughen 22-Jährigen findet. Giuliana wird zur Dschungelkönigin gekürt – und gibt ihre Gewinnsumme für einen Luxusurlaub am Great Barrier Reef mit Sonyboy David aus.
Das UC Café kündigt an, im ehemaligen Kinderschuhgeschäft im Bermudadreieck ein Flammkuchenhaus eröffnen zu wollen – tatsächlich wird es ein Café in bewährter UC-Optik, die Flammkuchen werden vom Original-UC herübergetragen.

Februar

Die Hip-Hop-Zwillinge Till und Felix Neumann alias Zweierpasch erhalten den Zuschlag für Unterstützung im Rahmen eines EU-Förderprogramms für Hip Hop in der Banlieue. Sie hatten sich für ihr Viertel Zähringen beworben: "Wir möchten auf die vergessenste Ecke Freiburgs aufmerksam machen", sagt Till Neumann. Die Kommission, die den Preis vergibt, ist begeistert: "Vor allem die Gangsta-Rap-Passagen in dem Song ’Viertel vor eins’ haben uns überzeugt", so eine Sprecherin. Zweierpasch bekommen 50 000 Euro zugewiesen, die für soziale und kulturelle Infrastruktur im Stadtteil verwendet werden sollen. "Dope", finden die zweisprachig rappenden Brüder die Entscheidung und stecken das Geld in die Produktion ihres Albums "Deux heures et quart"; dabei arbeiten sie mit Geflüchteten, die im Wohnheim an der Gundelfinger Straße wohnen – und Schülerinnen und Schülern der Tullaschule zusammen.

März

Das Sprichwort vom sonnigen Morgen, der selbst auf die schwärzeste Nacht folgt, ist bekannt. Anders jedoch beim Freiburger Discjockey Jonas Klingberg, der auch unter dem Pseudonym Jekyl auflegt. Der Chef des Labels Reach Another System feiert in seiner Musik die Düsternis, bevorzugt an Orten, an die kein Tageslicht dringt. Nach Sets im Berliner Club Grießmühle und auf dem Ambientfloor des Garbicz-Festivals, verpflichte Ostgut Booking, die Künstleragentur des Berliner Clubs Berghain, den Freiburger. Im Artist Roster wird er als Jekyl die Position zwischen Fiedel und Kobosil besetzen und vor allem auf dem Säule-Floor des Riesenclubs eingesetzt. "Der Vertrag läuft sieben Jahre und enthält eine beiderseitige Verlängerungsoption", so der Chefscout von Ostgut Booking, der namentlich nicht genannt werden möchte. Er werde alles geben, um diesen Vertrauensvorschuss nicht zu enttäuschen, lässt Klingberg alias Jekyl über sein Management mitteilen. Seiner alten Heimat Freiburg wird der neue Wahl-Berliner weiterhin treu bleiben und in Clubs wie dem Slow Club auflegen. So zum Beispiel am Samstag, 10. Februar, auf der Aftershow-Party des Ätna-Konzerts.

April

Völlig überraschend wird Sergio Schmidt im ersten Wahlgang zu Freiburgs neuem Oberbürgermeister gewählt – kurz zuvor war das Bürgermeister-Mindestalter von 25 aus der Gemeindeordnung entfernt worden. Mit einer raffinierten Jodel-Kampagne konnte der 22-Jährige quasi unbemerkt von den anderen Kandidatinnen und Kandidaten, die Apps und Internet ignoriert (Salomon), auf Facebook-Hass (Wermter) oder Insta-Stories (Stein) gesetzt hatten, eine junge Wählerschaft für sich gewinnen können. Durch einen zuvor unentdeckt gebliebenen Auszählungsfehler bei der vergangenen Kommunalwahl rückt für den jüngsten OB Deutschlands Sebastian Müller in den Gemeinderat nach – schon wieder.

Mai

Es ist das Aus für eine Freiburger Institution: Das Garten- und Tiefbauamt veranlasst die Sperrung des Gebäudes Schnewlinstraße 7 und untersagt den Clubbetrieb im Drifters und im Crash. Grund für das plötzliche Aus sind nicht etwa die langjährigen Bebauungsträume der Industrie- und Handelskammer: Auf dem Grundstück ist eine seltene Blindschleichenart entdeckt worden. Besonders die überwiegend nachtaktiven Männchen reagieren aggressiv auf jede Störung. Ein Vergrämen der Tiere, wie bei den Eidechsen auf dem Gelände des neuen Stadions geschehen, hält man jedoch nicht für durchführbar. Während sich für die Räume des Drifters eine Anschlussnutzung als Fachgeschäft für Kraftradzubehör findet, bleibt der Musikkeller dauerhaft gesperrt.
Neues Leben kommt immerhin in das seit Monaten brachliegende "Balz Bambii" im Bermudadreieck: Das UC eröffnet dort den Ableger "UC Underground", ein Großraumcafé mit Flammkuchen und Currywurst auf der Speisekarte.

Juni

Freiburg findet keinen Platz fürs WM-Public Viewing. Die Messe scheidet aus, da dort Iron Maiden, Sunrise Avenue und Judas Priest spielen – zeitgleich. Am Tag vor dem ersten Deutschlandspiel postet Stadtrat Simon Waldenspuhl auf Facebook eine gute Idee: Das Sonnensegel der UB könnte als Leinwand für das Fußball-Spektakel genutzt werden. Prominente Unterstützung erhält er von SC-Coach Christian Streich: "Mir müsse des nutze, was mir habe!", sagt er in einem Video, das kurz darauf viral geht. Stadt und UB-Leitung stimmen zu. Trotzdem kommt es zu Konflikten: Die Tänzerinnen und Tänzer des Tangobrunnens müssen wegen der Tribünen auf den Platz der Alten Synagoge ausweichen und fühlen sich dort vom Wasser gestört. Der Verein Forrózin Freiburg ruft am Ende der Gruppenphase zu einem Tanz-Flashmob auf, der jedoch im Jubel untergeht, als Matthias Ginter Deutschland ins Achtelfinale kickt.

Juli

Nachdem sich die CSD-Community im Februar bei einem basis-demokratischen Plenum in zwei Lager gespalten hatte, finden zum ersten Mal zwei parallele CSD-Umzüge statt. Beide Paraden starten am Platz der Alten Synagoge: Unter der Leitung von Ronny Pfreundschuh läuft der eine CSD in linke Richtung los – ganz ohne Musik. "Wir möchten nur noch politisch sein", sagt Pfreundschuh und übergibt ein Flugblatt, in dem 99 politische Forderungen stehen. Um Konflikte mit Veganern zu vermeiden, gibt es keine Verpflegung. Der zweite CSD wird von Dragqueen Dita Whip angeführt und startet mit lautstarkem Ibiza-Techno und politischen Parolen (aber auch mit Bratwürstchen) in Richtung Messegelände. "Unsere Aftershow-Party in der Sick-Arena ist bereits ausverkauft", ruft Dita Whip fröhlich von ihrem prächtigen Wagen herunter.

Das UC-Café übernimmt die Räumlichkeiten des Rido in der Gartenstraße und eröffnet dort das Gastro-Konzept "Zweite Liebe". Neben saisonalen und regionalen Lebensmitteln sticht vor allem das stylische Logo hervor: Das Gesicht eines gestrichelten Wolfes mit Herzchenaugen, eingerahmt in zwei diagonal ausgerichteten Quadraten.

August

Kulturanthropologen der Uni Freiburg gehen mit einem brisanten Gutachten an die Öffentlichkeit: Demnach hat eine internationale Expertenkommission festgestellt, dass es sich bei den Tags im Sedanquartier um eine eigenständige Kommunikationsform im urbanen Raum handelt. "Zu ihrer vollständigen Erforschung ist eine Sicherung der Schriften unverzichtbar", sagt Prof. Dr. Graf Ittigegner. Der Gemeinderat beschließt umgehend einen stadtweiten Tag-Schutz. Kurz darauf beschlagnahmt die Polizei bei einem Treffen des Bürgerforums Sedanquartier zwei Dutzend Eimer Wandfarbe und ebenso viele Malerrollen.

September

Im Kampf gegen studentische Wohnungsnot setzt die Stadt auf Gentrifizierung – aber mit Grünfaktor. Das Studierendenwerk erschafft in Kooperation mit Studis der forstwissenschaftlichen Fakultät "Campo Naturo" – 45 Baumhaus-Einzimmer-Appartements rund um den Stühlinger Kirchplatz. Die studentischen Bewohner bringen Leben an den Kriminalitätsschwerpunkt und befrieden ihn so innerhalb kürzester Zeit. Daraufhin genehmigt der Gemeinderat im Schnellverfahren auch "Campo Naturo II" im Colombi- und "Campo Naturo III" im Eschholzpark.

Oktober

Das Theater Freiburg will ein Zeichen fürs Stromsparen setzen und entschließt sich, beim neu angebrachten Leuchtschriftzug "THEATER FREIBURG" nachts nur noch einzelne Buchstaben anzuschalten. Am Wochenende leuchten nur noch die Buchstaben "EAT EI" – damit erhofft sich das Theater einen erhöhten Umsatz an Soleiern, die seit kurzem in der Passage 46 kredenzt werden. Unter der Woche leuchten die Buchstaben "HATER FREI". Man hoffe, damit unliebsame Kritiker vor einem Besuch abzuschrecken.
In der Spielothek in der Löwenstraße eröffnet das UC den vierten Ableger in diesem Jahr: "UC Upstairs" ist ein "modernes Tagescafé mit Lounge-Charakter", hinter dessen Tresen ein großformatiges rotes Wellenbild hängt.

November

Aufruhr beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Jan Böhmermann übernimmt Maybrit Illners Talkshow-Slot am Sonntagabend. Seine Lücke beim Neo Magazin Royale ist schnell gefüllt: Sophie Passmann wird knapp ein Jahr nach ihrem Start im Böhmermann-Team Anchorwoman von Deutschlands gnadenlosester TV-Show. Vor ihrem ersten Intro muss sie jedoch ihre neue Beziehung offenlegen: "Ich bin mit Jens Spahn zusammen", sagt sie in einem Einspieler. "Witze über #spahn2021 und über Tinder wird es in dieser Sendung von mir nicht mehr geben können." Am Tag darauf gibt’s auf der Titelseite der "Bild" Fotos aus dem Liebesnest des Paars im münsterländischen Ahaus-Ottenstein, wo die Liaison des Paars nach Passmanns Dreharbeiten bei Spahns Eltern begann. Spahns Statement zur großen Politik-Satire-Koalition: "Ich habe nach all den Jahren festgestellt, dass ich doch heterosexuell bin. Und Gegensätze ziehen sich an."

Dezember

Ein Open-Air-Festival auf dem Platz der Alten Synagoge hatte sich Tilo Buchholz, Freiburgs erster Popbeauftragter, bei seinem Amtsantritt als Fernziel seiner Arbeit gesteckt. Im Nahziel wird es ein Minifestival im Jazzhaus, das am 28. Dezember unter dem Titel "Freiburgs Allerbeschde" stattfindet. Es versammelt die wirklich allerallerbesten Musiker der lokalen Rock- und Popszene auf einer Bühne: Otto Normal, Fatcat, Zweierpasch, Teddy Smith und neben dem Gitarrenduo Eucalypdos auch The Brothers, Buchholz’ eigene Band. "Dass das nun klappt, ist ein Stück weit auch eine glückliche Fügung", so der Popbeauftragte. Gute Stimmung auch bei der FWTM und im Kulturdezernat. "Dieses Konzept wird Freiburg als Popstadt nach vorne bringen", wird ein hochrangiger Mitarbeiter zitiert.
Alles war schlecht 2017? Nein! Eine subjektive Highlight-Liste von Team Fudder.
Frühlingsabende im Rido. Dass der SC jetzt Spiele drehen kann. Feiern beim Jockey Club. Pastrami-Sandwiches im Bruder Wolf. Yogastunden am Freitagmorgen im Tanzsaal im Theater Freiburg (Herr Carp, bringen Sie die zurück!). Die Superhelden-Drinks auf der One-Trick-Pony-Karte. Unsere Club-der-Freunde-Events. Julian Philipp David als Support von Max Giesinger beim Freiburger-Festival. Die Installation "Lightfall" von André Bless in der Johanneskirche. Abhängen auf dem Platz der Alten Synagoge (aber ohne die Füße im Brunnen, natürlich!). Die Arbeit der IG Subkultur. Unser Frollein Flohmarkt. Das Album "Not Ok" von Brothers of Santa Claus. Tacos von Yepa Yepa. Christian Streich. Unser Fudder-Bier. Rock am Bach. Dass der Waldsee mal wieder zugefroren ist. Sommerabende im Rido. Stadtrat Simon Waldenspuhl auf Facebook. Spiele spielen im Spielecafé "Freispiel"im Stühlinger. Das komplett leere AfD-Buch von Philip Kroner. Die Leistungen der SC-Frauen. Unsere Tramfahrt-Interviews mit den Bundestagswahlkandidaten. Avocado-Burger im Freiburger. Die 1-Jahres-Party im "Elisabeth". Moonbootica auf der "Sea You". Der BBC-World-Artikel über Freiburg. Die Eröffnung des verpackungsfreien Supermarkts Glaskiste. Das Instagram-Video einer der Bengalkatzen von Christian Günter im Mini-SC-Trikot. Der Integrationspreis für das Projekt "Bike Bridge". Die EP "The Infinite You" von Lion Sphere. Im Garten sitzen in der Küchenschelle. Herbstabende im Rido.