Club der Freunde

So war fudders vierte Freiburger Filmnacht im Cinemaxx

Dorothea Winter

Geschichtsunterricht – nur eben spannend. Bei der vierten Filmnacht von fudder wurde der zweite Teil des historischen Freiburg-Films gezeigt. Zeitzeugin Maria Viethen erzählte im Interview, dass Freiburg um 1970 viel konservativer war.

Das gesamte Filmmaterial des zweiten Teils des historischen Freiburg Films stammt aus Privataufnahmen von BZ-Lesern ab 1970. Am Mittwoch waren rund 80 fudders "Club der Freunde"-Mitglieder dazu eingeladen, gemeinsam auf Zeitreise in der eigenen Stadt zu gehen.


Vor Beginn des Films decken sich die fudder-Leser kostenlos mit Popcorn und Softdrinks ein und machen es sich in den weichen Kinositzen des Cinemaxx bequem – zuerst natürlich auf den VIP Sitzen. "Im Theater sind die Sitze nicht so gemütlich wie hier", sagt Maria Viethen, als sie sich auf einen Platz in der vordersten Reihe setzt. Maria Viethen ist eine Zeitzeugin der Hausbesetzer-Zeit des "Dreisamecks" und erzählt im Gespräch mit fudder-Mitarbeiterin Dorothea Winter etwas aus ihrer Zeit.

"Die Zeiten damals waren sehr konservativ. Um 22 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt", sagt Maria Viethen


Viethen ist seit 1994 Stadträtin und Anwältin für Familien- und Erbrecht. Heute Anwältin und im Gemeinderat und früher Hausbesetzerin? Auf die Frage, wie das einher geht, lacht Viethen und sagt:"Ich bin nicht vorbestraft". Sie erklärt, dass es einen Unterschied zwischen legitimem und legalem Handeln gibt. "Ich bewerte meine Handlungen von damals als legitim und nicht legal. Ich war mir aber auch immer bewusst, dass man als erwachsener Mensch Verantwortung für seine Handlungen tragen muss".

Hausbesetzung heute?

Viethen glaubt jedoch nicht, dass sich die Hausbesetzung in Freiburg wiederholen könne. Vor allem fehle es dafür schlichtweg an Häusern. Aber auch die Zeit war damals anders. Hausbesetzungen waren etwas Neues und die Behörden wussten zunächst nicht, wie sie damit umgehen sollten. Heute würde ein besetztes Haus vermutlich binnen paar Tage geräumt werden.

"Gleichzeitig war Freiburg aber viel konservativer damals. Um 22 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt und es gab fast keine Außenbewirtschaftung. Und obwohl das Wohlwollen der breiten Masse da war, wussten viele konservativ eingestellte Leute einfach nicht, mit uns umzugehen. Teilweise sind wir auf offener Straße geohrfeigt worden", erzählt Viethen.

"Auf einer Demonstration der Hausbesetzer gab es einen riesigem Hintern aus Pappmache", sagt Maria Viethen


Wenn man Maria Viethen auf der Bühne so sieht und ihr zuhört, dann kommen einem die Zeiten "damals", gar nicht mehr so weit weg vor. Und das verstaubte Wort "Zeitzeuge" lässt sich kaum mit der lebhaften Anwältin zusammenbringen. Wenn sie dem jungen Publikum nüchtern erklärt, wie man ein Haus besetzt:"Man muss da einfach früh morgens reinspazieren und ein Schweißgerät dabei haben", sind einem die Zeit und die Einstellung der Leute von früher irgendwie näher. Und man kommt zu der Erkenntnis: Die jungen Leute damals waren im Grunde genauso wie die Jugend heute.

Genau das gleiche gilt auch für die anderen Zeitzeugen, die die von ihnen gefilmten Filmausschnitte in der Dokumentation kommentieren.

Außergewöhnliches und Alltägliches

Der Film zeigt Alltägliches und Außergewöhnliches gleichermaßen. Unternehmer und früherer Rennfahrer Mario Ketterer erzählt von seinem Fahrradunterricht in der Schule und wie sie als Kinder Angst vor den Autos hatten. Das Publikum lacht. Das hätte man bei einem professionellen Rennfahrer natürlich nicht erwartet. "Heute benehmen sich die Fahrradfahrer als seien sie die Stärkeren", sagt Mario Ketterer. Murmelnde Bestätigung aus dem Publikum.

Bei den vielen Feierlichkeiten, wie dem Festumzug zu dem Freiburger Stadtjubiläum 1970, dem Katholikentag 1987 und dem ersten Weinfest könnte der Zuschauer fast den Eindruck erlangen, früher wäre alles Friede Freude Eierkuchen gewesen. Man sieht lachende und tanzende Menschen, Unmengen an Wein und Bier und idyllische Szenen des bekannten Freiburger Stadtbilds. Doch immer wieder durchbrechen eindrückliche Szenen diese Fassade: Das Zugunglück in Rheinfelden, bei dem Hobbyfilmer Fridolin Striegel das Bild des Schreckens einfängt. Oder die Räumung der besetzten Häuser in der Freiau und dem Dreisameck, bei denen auch körperliche Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Besetzern gezeigt werden.

Der Film zeigt Freiburger Stadtgeschichte – und das aus der Perspektive der Menschen. Nicht wie in landläufigen historischen Dokumentarfilmen von außen.

Den Freiburg-Film Teil 2 gibt es für 18,90 Euro (16,90 für BZ-Abonnenten mit BZ-Card und Club der Freunde Mitglieder) ab sofort in der Kaiser-Joseph-Straße 229 und allen anderen BZ-Geschäftsstellen. Teil 1 ist dort ebenfalls erhältlich.

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