So war die Eröffnungsnacht in Passage46 und BalzBambii

Daniel Laufer

DJs auf dem Klo, eine Boom Boom-Wand und kein Licht-an-Effekt: fudder-Redakteur Daniel Laufer hat sich am Freitag in die Freiburger Nacht gestürzt und die beiden neuen Clubs erkundet. Wie's war:



Da steht es, unter Discokugeln, im rötlichen Licht: das BalzBambii. Hinter einem Gitter, wahrscheinlich, damit niemand grapscht. Die Statue, pechschwarz, die Augen weit aufgerissen, starrt es in die Nacht. Der "Dreieck"-Nachfolger hat jetzt eine halbe Stunde offen. Es ist 23.30 Uhr.


Zwei Männer sitzen auf einer Art Hochsitz, mitten im Club, sie rauchen und gucken runter wie die Bademeister. Sie sehen Holz, viel Holz, natürlich unbehandelt. Die Optik soll wohl rustikal sein, Electro auf der Alm. Vereinzelte tanzen, aber auf dem Floor ist noch viel Platz. Ich gehe wieder raus, hier ist noch nichts los, vielleicht später dann. Der Treppe hoch, vorbei an der Schlange. Ja ja, das wird schon noch.

500 Meter weiter stauen sich die Feiernden am Eingang der Passage46. Daneben tummeln sie sich schon auf einem roten Teppich. Für jeden, den man in Freiburg so kennt, ist das scheinbar der Place to be. OB Salomon schaut vorbei, in Lederhosen, auch die Ganter Family, im Oktoberfest-Look. Drinnen stehen Stadträte, Journalisten und ZMF-Gründer Alex Heisler, in gewohnter Anekdoten-Laune. Die meisten sind nach dem Eröffnungsempfang wahrscheinlich gleich dageblieben. John Malkovich, oder eher jemand, der mich an den Schauspieler erinnert, hievt zwei leere Bierkästen durch den Raum. Es ist Boris Gröner, der Ex-Chef der Hemingway Bar, der jetzt hier die Drinks mixt. Being Boris Gröner, das muss an diesem Abend ziemlich geil sein.

Eine Bratwurst-Wolke umgibt das Foyer. Super, wenn man Hunger hat, aber ich habe Durst. Am Eingang drückt mir jemand ein Bier in die Hand - "Freiburger" mit Sonderetikett. "Ich bin ein Boom Boom-Girl", steht da drauf. Was das sei, fragt jemand, der auch eines bekommen hat. "Mädchenbier."

Boom Boom-Girl, wegen der Boom Boom-Wand: Hinter der Hauptbar sind Dutzende alter Ghettoblaster gestapelt. Darüber hängt in großen Neon-Lettern vorsichtshalber noch mal der Hinweis: "Boom Boom". You get the idea.



Völlig irre ist die Bandbreite des Publikums: Da sind Männer mit Jackett und Schnösel-Schal, da ist der Karohemd-Hipster, der mit zwei Jutebeuteln vor der verschlossenen Aufzugstür wartet, hier kommen Studentinnen mit Camp David-Trägern und Slackern zusammen. Man ist hier 25, man ist 35, aber auch 45 und älter. Mit Sicherheit ist das nicht die typische Freitagabend-Weggehgesellschaft.

Ich stelle mich an der Bar an, ich will einen Moscow Mule. Zwei junge Frauen drängeln sich vor, sie sind laut und betrunken, klar, dass die das dürfen. "Zwei Wodka Bull", ruft die eine der Barfrau zu. Die schüttelt den Kopf. "Hier gibt’s nur Bier, ihr müsst an die andere Bar gehen." Ich folge dem Beispiel, stelle mich dann eben an die Boom Boom-Bar, ganz an den Rand neben das DJ-Pult. Einer der Sicherheitsleute versperrt mir mit ausgestrecktem Arm den Weg. Er denkt wohl, ich will die Kanzel stürmen. Vielleicht sollte ich das auch tun. Aber dann bekomme ich mein Getränk.

Als nächstes schlendere ich ein wenig über die Tanzfläche. Die Menge geht zum Electro-Sound gut ab, ein abgestellter Trekking-Rucksack neben dem Hinterausgang versprüht den für Freiburg so typischen North Face-Charme. Für einen Moment sind da wieder die Erinnerungen - wie die Grünen in diesem Raum morgens ihr Wahlprogramm vorstellten oder wie Claudia Roth abends Rio Reiser auflegte. Aber jetzt ist die Jackson Pollock dicht, das alles vorbei. Und die Grünen?

"Ey Bruder!"

Auf dem kleineren zweiten Floor in der Art Bar liefern die Bouncing Baktun Boys mit goldenem Jackett und schwarzseriöser Krawatte den gewohnten Räng-Sound. Das hat Tradition, da kann nichts schief gehen, so kann ich ruhig auch mal rausgehen und schauen, was die Raucher so treiben.

Im Foyer lerne ich Dennis kennen. Dennis steht da und versucht, seinen Kumpel ans Handy zu kriegen. Der rennt hier irgendwo rum, mit seinem Geldbeutel. "Was hast du da, Caipirinha?", will er von mir wissen. Ich berichte ihm vom Moscow Mule. "Ey Bruder, lass’ mir einen Schluck!", bettelt er. Ein Witz? Nö. Immerhin: Dennis bietet mir eine Zigarette an. Ich finde Freunde, L&M, Daniel & Dennis, wir gehen jetzt vor die Tür.

Dann erzählt er mir, wie scheiße sein Abend ist - er kommt aus Lörrach, wollte ins AGAR, aber die haben ihn nicht reingelassen und jetzt, ja, jetzt ist er auf dem Grand Opening der Passage gelandet. "Ich bin so besoffen", krächzt er und lacht. Ich frage ihn, was er denn hatte. "Alles."

Das reicht für den Moment. Ich verlasse die Passage46 und gehe zurück ins BalzBambii. Auf einer Leinwand flackern hier mittlerweile Filmchen irgendwelcher Großstädte, vornedran hantiert der DJ. Mittlerweile ist hier schon mehr los. Ich bahne mir meinen Weg durch das Strobo-Licht, stolpere über eine Handtasche, man kennt das ja, der gewohnte Tanz um sein Hab und Gut, studentische Eleganz auch im Nachtleben. Ein Typ trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Protest since 1993". Wenn das so stimmt, dann ist er wohl so alt wie die meisten hier. Ein großer Teil des Publikums scheint Stammgast im "Dreieck" gewesen zu sein.

Vollgas

"Das geht die ganze Zeit mega vorwärts hier!" Irgendwie lande ich in einem Gespräch über die Musik. Antwort: Hä? "Ja, seit wir da sind gibt der DJ Vollgas", sagt mein Gesprächspartner. Und dann kommt dieser Satz: "Es gab aber auch wirklich gute Passagen." Er erzählt mir vom Kölner Techno-Label Kompakt, dessen DJ gerade vorne steht. Er fachsimpelt, ich fake.

Ich erkunde den Nebenraum, die Bar "Zum Weißwedelhirsch". Im Vorbeigehen zwinkert Betty BBQ mir verschwörerisch zu, Räng Teng Teng-Resident Torpedo Tom steht an einem Tisch und nippt von seinem Bier. Wenige Promis hier und schon gar keine Ganters, so weit der Nebel reicht. Dafür Lederhosen halbwegs angemessenes Ambiente: An der Wand hängen Gemälde von Rehen und Hirschen in Schwarzwaldlandschaften, darüber dann die Geweihe oder Schädel der Tiere. Ob das Bambii es hier noch mal lebendig raus schafft?

Ich gehe weg von der Musik, in den Raum mit dem Kicker, der fast ein wenig der Beat Bar ähnelt. Wohoo-Girls kreischen an der Theke, eines davon im Leoparden-Outfit, ich bestelle schnell meinen Moscow Mule. "Ich hab’ keine Becher mehr", sagt der Barkeeper. Ich frage ihn, was er denn dann hat. "Ich hab’ alles, nur keine Becher mehr." Schweigen. Uuund… kommen die Becher wieder? "Ja, irgendwann." Die zweite Bar hat keine Gurke mehr, die dritte meinen Drink. 7,50 Euro - genau gleich viel wie in der Passage.

DJs auf dem Klo

Ich setze mich hin und schaue ein Weilchen zu, wie einer der Gäste den Spielautomaten beschäftigt. Er zockt Burn the sevens, was auch immer das heißt, zwei Kirschen erscheinen auf dem Display, dann zwei Glocken und zack, drei Mal die Sieben. Er streichelt seinen Zwanni und wirft dann die nächsten Euros ein.

Auf dem Klo legen zwei DJs auf. Ja, ganz genau - in einer Mini-Kammer neben den Waschbecken. Ein Typ kommt darauf überhaupt nicht klar, er steht vor dem Handtrockner und tanzt sich einen ab. Und dann ist da noch der Kerl, mit dem apathischen Blick und dem Pockennarben-Gesicht, der mir unbedingt einen Handschlag geben will. Na meinetwegen.

Wenn die Weggehgesellschaft eines liebt, dann ist es, auf Fotos aufzutauchen. Vermutlich deshalb gibt es im Bambii einen Fotoautomaten, wie in einer Bahnhofshalle. Den ganzen Abend über klettern immer wieder kichernde Menschen hinein, klar: Ich muss das auch mal ausprobieren, nur um mitreden zu können. Als ich dann drin sitze, drängt sich die Frage auf: Was tun? Ein seriöses Foto ist ausgeschlossen.

Was Pete Doherty wohl tun würde? Ich zünde mir eine Zigarette an und verpasse jedes Mal den Fotoblitz. Am Ende habe ich vier Schwarz-Weiß-Fotos im Passbild-Format für 3 Euro. Sie sind eigentlich vollkommen nutzlos: Für den Perso werden die nicht taugen, als Bewerbung auch nicht. Allerdings habe ich jetzt mein Mitbringsel, ich weiß jetzt: Ich war da. Der Abend im BalzBambii ist komplett.



Ich gehe noch mal für ein Weilchen rüber in die Passage, trinke und schaue zu, wie die Nacht zu Ende geht. Die Betreiber nutzen die Location ja nicht nur als Club, sondern auch als immerwährende Kunstausstellung. Kann das funktionieren, haben sich viele davor gefragt. Es kann. Eine Frau starrt gebannt ein Bild hinter einer Glasscheibe an. Sie wartet auf ihre Jacke und macht dabei noch mal schnell Kultur.

Dann ist Schluss, auch wenn der eklige Licht-an-Effekt fehlt. "Es gibt ja gar kein Licht zum aufdrehen", sagt einer der Mitarbeiter zu seinem Kollegen. Na Gott sei Dank. Draußen unter den Feiernden dann die Diskussion: "Gehen wir in die Sonderbar?" Eine andere Gruppe will noch ins Ruefetto. Falls überhaupt noch irgendwas auf hat. Eine Frau erklärt ihrem Typen den Plot von "Anna Karenina". Super. Ich stelle mich daneben und höre zu. "Anna Karenina ist eine Frau, die was mit einem Mann hat, der…" Ich verpasse die erste Bahn.

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[Fotos: Simon Roser, Daniel Laufer]