Der Sonntag

Freiburg

So verändert sich der Alternativfußball in der Bunten Liga

Otto Schnekenburger

Die Bunte Liga gilt als Spielfeld für Fußballanarchisten. Ehrgeizlinge sind verpönt, Gegentore scheißegal. Doch der Alternativkick wandelt sich. Auch weil die Traditionsclubs aussterben.

Hinter Mailand, FC Durchzug, Steppende Wölfe oder Aktion 9 Meter 15: Für die "Bunte Liga Freiburg", die alternative Fußballliga der Stadt, waren das einst Namen wie für die Bundesliga 1. FC Köln oder Borussia Dortmund. Gründungsmitglieder und verlässliche Größen. Heute klingen diese Namen für Szenekenner wie Bayer Uerdingen oder Waldhof Mannheim. Nein, ins Amateurlager muss kein Buntligist. Amateur zu sein ist ja per se Pflicht der Freizeitkicker. Aber die erste Generation der Liga stirbt unverkennbar. Es ist das Alter. Aber auch die Veränderung der Zeiten. Eine Spurensuche.


Die Ursprünge der Bunten Liga Freiburg reichen zurück in die Hausbesetzerszene der 90er

Im Gegensatz zur Bundesliga, wo nun auch der HSV als "letzter" Dinosaurier von Bord ging, leben noch Buntliga-Urgesteine. Etwa eines, das zudem die heiligen Gebote des Alternativfußballs, der erst in Städten wie Bielefeld oder Aachen und zu Anfang der 90er Jahre auch in Freiburg Einzug hielt, über all die Jahre konsequent in die Welt getragen hat: das Suff-Exzess-Kommando, kurz SEK genannt. Schon der Name ist nicht schwer als Provokation auszumachen. Das SEK hat politisch bewegte Ursprünge, in der Zeit der Freiburger Hausbesetzungen benutzten deren Kicker die Wilhelmstraße als Spielgelände. Und das SEK hat sogar ein sportpolitisches Grundgesetz, bei dem freilich im Laufe der Jahre immer mehr Zweifel an seiner Umsetzung aufkommen: "Der Verein dient der körperlichen Ertüchtigung zwecks revolutionären Umsturzes auf der Basis der Fifa-Regeln mit den Grundsätzen der deutschen Trinkerjugend im Geiste Turnvater Jahns." Prost! Und hoch die internationale Solidarität!



In seiner Frühphase produzierte das SEK zudem mehrere Popsongs und Musikvideos. Speziell das immer noch auf Youtube zu bestaunende Video von "Steiler Pass" ist, wenn man in Bezug auf Bildschärfe und Sangeskunst keine Ansprüche stellt, echt heißer Stoff. "Wir schneiden Pässe, wie es keiner kann, nur leider komm’n sie selten auch beim Stürmer an", heißt es da. Das glaubt man sofort. Wundert es, dass diesen Allround-Talenten einst das Kunststück gelang, als Bunte-Liga-Truppe bei einer Wahl der Sportler des Jahres der Badischen Zeitung 1999 unter weitaus seriöserer Konkurrenz bei der Wahl zum Team des Jahres in die Top Ten vorzustoßen?

Die frühen Mannschaften kommen in die Jahre

Das SEK kann nicht genug vom Fußball bekommen. Davon zeugt, dass man sich vor 20 Jahren in "SEK" und "SEK-Amateure" aufgeteilt hat. Damit man jedes Match zweimal spielen kann. Anders sieht es bei anderen Heroen der ersten Jahre aus. U50 – der Name deutet es an – gingen schon bei der Gründung auf die 50 zu. Klar, dass das Ende absehbar war. "Im Gegensatz zum SEK haben wir nie einen Verjüngungsprozess hingekriegt", sagt Ex-U50-Mann Peter Blöcher. Als mit bald 61 Jahren der wohl älteste Bunte-Liga-Kicker spielt er immer noch – nun beim SEK. Die Roten Socken und der FC Durchzug kamen derweil am Ende nur fusioniert über die Runden, als "Durchzug in Socken".

Liga-Präsident Willy ist Geschichte

"Willy" heißt im wahren Leben Uwe Schmidt. Als Kicker der seit der zweiten Spielzeit der Liga angehörenden Roten Socken ist Willy Geschichte. Zumal er lange Jahre auch Liga-Präsident war. In einer Liga, die in bald 30 Jahren Existenz ganze drei Präsidenten hatte: den rührigen Daniel Schneider in den turbulenten Anfangsjahren, eben Willy und seit rund zwei Jahren Stefan Schultheis.

"Der Gegner war für uns ein Feind. Wenn er sich vor Schmerz am Boden gewälzt hat, war das gut. Wir haben unsere Gegner vor dem Spiel nicht mal mit dem Arsch angeschaut." Ex-Liga-Präsident Willy über Vereinsfußball auf dem Dorf
Willy gründete mit den Socken einst eine Geologenmannschaft. Weil ihm der Vereinsfußball im Schopfheimer Teilort Fahrnau nach der A-Jugend "einfach zu blöd" wurde. "Wir waren ein Dorfverein, muss ich noch mehr sagen?" Willy erwartet nicht ernsthaft eine Antwort, fährt fort. "Der Gegner war für uns ein Feind. Wenn er sich vor Schmerz am Boden gewälzt hat, war das gut. Wir haben unsere Gegner vor dem Spiel nicht mal mit dem Arsch angeschaut."

Für Burschenhaftler war in der linken Bunten Liga kein Platz

Weil er für ein derartiges "Fressen oder gefressen werden" viel zu menschenfreundlich war, wurde Willy, auch wenn die Socken lange notorisch erfolglos blieben, glücklich in der Bunten Liga. "Wir waren ein anarchischer Haufen von Kickern und hatten das Glück, dass das Sportamt der Stadt uns relativ gewogen war, etwa bei der Sportplatzsuche." Und auf den Sitzungen des "Haufens" ging es öfter mal nicht ums Sportliche, sondern um Gesellschaftspolitik. Zum Beispiel, als ein Team mit vielen Mitgliedern einer deutschnationalen Burschenschaft sich dem Ligabetrieb anschloss. Weil beim Team der "Kämpfenden Herzen" viele Kicker zur Freiburger Antifa-Szene gehörten, hatten sie vom Hintergrund ihrer Gegner Wind bekommen. Am Ende durchaus kontroverser Diskussionen stand der Liga-Ausschluss der Burschenschaftlermannschaft.

Gernot Müller-Dalhoff hat nur noch wenige Tage bis zu seinem 60. Geburtstag. Er war einst einer der Gründer von Aktion 9 Meter 15. Noch so ein einst klangvoller Buntligisten-Name. Aktion 9 Meter 15 hat längst dem Spielbetrieb den Rücken gekehrt, ihr Spirit lebt aber immer noch in Form eines Freitagskicks und jährlicher Städtereisen weiter. Müller-Dalhoff kramt eine Visitenkarte aus der Tasche: "Herzlichen Glückwunsch. Das war wirklich toll", steht darauf. "Die habe ich den Gegnern überreicht, wenn das Spiel gegen sie angenehm ablief."

Müller-Dalhoff erinnert sich daran, wie volatil seine Truppe in Bezug auf die Quantität war: "Mal waren wir 19, dann wieder nur sieben, obwohl sich doppelt so viele angemeldet hatten." Das führte zu einem Verhalten, das die Bunte Liga nun endgültig vom Vereinsfußball trennt. Mannschaften, die nicht vollzählig waren, liehen sich, wenn das Gegenüber über einen großen Kader verfügte, kurzerhand ein paar Spieler. Und wenn beide mit zu wenig Leuten ankamen? "Dann haben wir halt Kleinfeld gespielt."

Das spielerische Niveau ist gestiegen – schade eigentlich

Eine zunehmende Anspruchshaltung und eine abnehmende Bereitschaft, sich einzubringen, hat Willy im Laufe seiner Präsidentschaft festgestellt. "Manche Teams wollen einfach nur an billige Plätze ran." Das spielerische Niveau sei zudem immer mehr gestiegen. Was ja eigentlich gut ist, oder? "Es gab Spiele, da wurde vor dem Anpfiff Bier getrunken, dann ist man auf den Platz getorkelt", erinnert sich Willy. Und erzählt von einer Truppe, die sich im Laufe der Jahre komplett gewandelt habe: "Vorwärts Bethlehem ist vom Dauerloser, von einer Chaotentruppe zum sehr konsequenten und erfolgsorientierten Team geworden." Willy hält kurz inne. "Das muss man nicht nur schlecht finden", betont er. Es hat auch Vorteile, eine Sache ernst zu nehmen. "Es ist jetzt halt etwas anders."

Der Rasen wurde nach dem legendären Platzwart benannt

Eine andere Liga-Legende ist vor nicht allzu langer Zeit wirklich gestorben: Schon eine Art Liga-Institution war Marian Rutka. Ein Aussteiger, der sich aus einem alten Bauwagen ein Häuschen inklusive Terrasse und Garten am Rande des von der Stadt zur Verfügung gestellten Bunte-Liga-Platzes in der Nähe der Mülldeponie Eichelbuck zusammengezimmert hatte – und rund 20 Jahre dort lebte. Marian sah sich nicht nur als Anwohner des Kicks. Sondern als Platzwart für den in Erinnerung an ihn nun Marian-Rutka-Platz getauften Rasen. Er verpasste Spielern einen Anschiss, wenn sie das Gras zu heftig weggrätschten, wenn sie ihr leeres Bier nicht wegräumten oder für seinen Geschmack einfach zu ehrgeizig oder laut bei der Sache waren.

"Das war eine andere Zeit. Damals gab es keine Regelstudienzeit und keinen Scheiß-Bachelor." Carmelo Policicchio
Carmelo Policicchio listet Liga-Grundsätze auf: "Keiner macht den Schiri" und "Kein Ball auf Rechtsaußen". Der von allen nur "Chico" genannte Wirt und Popmusikexperte gehörte als Kicker von KOH, Kurzschluss Osram Heynckes (der Name ironisiert das mitunter schnelle Verändern der Gesichtsfarbe eines ehemaligen Bayern-Trainers), auch zur ersten Bunte-Liga-Generation. In seiner Kneipe Swamp fanden später die Versammlungen der Liga statt. Die dauerten oft lange: "Das war eine andere Zeit, damals gab es keine Regelstudienzeit und keinen Scheiß-Bachelor." Und somit Studenten, die sich mal ein Jahr lang mehr um den Aufbau ihres Teams als um ihre Seminar-Scheine kümmerten.

Ex-SC-Manager Andreas Rettig kam auf die Ersatzbank

Besonders gerne erzählt Policicchio die Geschichte, dass der Ex-SC-Manager Andreas Rettig einen Kurz-Einsatz im Spielbetrieb hatte. "Sein erstes Problem war, dass er pünktlich zum Spielbeginn dastand und der Einzige auf dem Gelände war. Alle anderen trudelten erst später ein." Das war damals so Usus: Wenn ein Spiel auf 16 Uhr angesetzt war, hieß das, dass die Eifrigsten etwa 16.15 Uhr den Platz erreichten. Dann bekam Rettig erst einmal gesagt, dass er für die Ersatzbank eingeplant ist und keinen Promi-Bonus genieße. "Er soll bloß nicht glauben, dass wir gleich das Team umstellen, nur weil der Rettig mitkickt, hat ihm unser Ausch gesagt, das saß", lacht Policicchio. Endlich im Spiel, endete das Match für den Ex-SC-Manager auch noch bald mit einer Verletzung. Auch der Fußball-Autor Christoph Biermann, der laut Chico "deutlich besser schreibt, als er kickt, oder Oke Göttlich, der heutige Präsident des FC St. Pauli, trugen einmal das Trikot von Kurzschluss Osram Heynckes. Das trug sich nicht immer leicht: In der ewigen Tabelle gebührt dem 2017 abgemeldeten Traditionsteam die Ehre der mit Abstand meisten Gegentore (1478 in 312 Spielen, also bald 5 pro Begegnung).

"Im Prinzip ist die Bunte Liga bis heute eine Super-Sache", bilanziert Willy. "Hier wurden WGs geschmiedet, Arbeitsplätze geschaffen, Freundschaften fürs Leben entstanden." Und dass der alte Geist noch immer weht, auch wenn ihm ein wenig mehr Ernsthaftigkeit untergemischt wurde, bestätigt Stefan Schultheis, derzeitiger Präsident und SEK-ler. "Es wird immer noch so miteinander umgegangen, dass man danach ein Bier zusammen trinken kann", sagt er. Erst vor kurzem sei seine einjährige Tochter etwa liebevoll umsorgt worden, während er auf dem Platz stand. "Von Spielern des Gegners!" Klar, es gebe jetzt schon ein paar Mannschaften, die sehr ambitioniert dabei sind. "Aber zum Teil verklären die alten Haudegen mit ihrer Kritik an übereifrigen jungen Spielern auch, dass sie nicht mehr fit genug sind." Verhältnismäßig ehrlich klingt noch, was Holger vom auch nicht mehr existenten Liga-Gründungsmitglied "Steppende Wölfe" 2001 im Programmheft der "15. Deutschen Alternativen Fußballmeisterschaft" in Freiburg schrieb: "Neue Teams gründeten sich auf den Erstsemesterwochenenden der Juristen und Volkswirtschaftler. Voll im Saft, jung, hungrig und erbarmungslos. Oh ja, früher war doch irgendwie noch manches besser, als man noch in Ruhe den Ball stoppen konnte."

18 Mannschaften spielen derzeit in der Bunten Liga. Jeder gegen jeden. "Zwei mehr wären schon cool", sagt Schultheis und lädt interessierte Hobbykicker dazu ein, sich Gedanken zu machen, ob sie eine Mannschaft anmelden wollen. Den Kontakt finden sie auf der Liga-Homepage. Bedingung sei nur, den Geist der Liga weiterzuleben. "Es geht darum, dass die Bunte Liga auch auf lange Sicht nicht stirbt."