So überlebst Du eine Lern-Nachtschicht

Carolin Buchheim

Du hat verpeilt, dass die Klausur für den großen Strafrechts-Schein schon Morgen ist, und nicht erst in einer Woche. Der Multiple-Choice-Test in Spanischer Landeskunde steht an, und bisher hast Du alle Vorlesungs-Termine damit verbracht, im StudiVZ zu surfen. Deine Hausarbeit für das Seminar "Cool Britannia: Gesellschaftlicher Wandel und populäre Kultur in Großbritannien nach 1945" ist Morgen fällig, aber von den geforderten 20 Seiten über Mod-Kultur hast Du erst sieben geschrieben. Was nun? Zeit für eine Nachtschicht! fudder-Autorin Caro hat die besten Tipps zum Duchhalten für Euch zusammengestellt.



Nachtschichten gehören zum Studentenleben wie die Ersti-Hüttenwochenden, der erste Schein und das erste Nichtbestehen einer Klausur. Sie sind ein Initiationsritus. Nach dem ersten Mal schwört man sich, es nie wieder so weit kommen zu lassen, aber oft findet man sich dank nicht-selbst-verschuldeter Gründe (Krankheiten von Familienmitgliedern oder Haustieren) oder vollkommen selbst-verschuldeten Gründe (schlechte Zeitplanung, Frischverliebtsein, StudiVZ) doch wieder in derselben Situation: Man hat gar nicht oder noch nicht genug für eine unmittelbar bevorstehende Prüfung gelernt, eine Hausarbeit oder ein Referat sind noch nicht fertig aber eine Fristverlängerung ist nicht mehr möglich. Was nun? Her mit der Nachtschicht.


Haftungsausschluss

Lern-Nachtschichten sind grundsätzlich eine schlechte Idee. Vermeide Sie, soweit es geht, und lass' sie nicht zur Gewohnheit werden, denn sie können echtes, strukturiertes, schweißtreibendes Lernen in der UB einfach nicht ersetzen. Aber besser als Nichtstun ist eine Nachtschicht allemal, und wenn Du dringend etwas geschafft bekommen musst, dann müssen Nachtschichten halt manchmal sein. Und wenn, dann mach es richtig.

Und so geht's

Du brauchst:
  • Einen ruhigen Ort ohne Ablenkungen. Ohne Mitbewohner, ohne Lebenspartner, ohne Fernseher und ohne Computer, außer Du musst tippen und brauchst ihn für Deine Arbeit. Musik nur, wenn Du normalerweise immer mit Musik lernst. Oropax, wenn Du es gerne ganz ruhig magst. Sei so weit von Deinem Bett weg wie möglich. Wenn Dein Bett im gleichen Raum ist, mach es unbequem. Versteck die Decke und die Kissen, und leg Igendetwas aufs Bett, das es unbequem macht. Bücher zum Beispiel.
  • Einen großen Tisch. Der Tisch an dem Du arbeitest sollte so groß wie möglich und frei von ablenkenden Gegenständen wie Deinem Handy und Zeitschriften und Zeitungen sein. Du brauchst Platz, um Dich auszubreiten. Zur Not nimm den Fußboden; da ist viel Platz für große, schwere Bücher und Berge kopierter Zetttel und Ausdrucke.
  • Alle Arbeitsmaterialien für die anstehende Prüfung. Das hängt davon ab, welche Art der Prüfung Dir bevorsteht. Wenn Du gar keinen Plan hast, weil Du nie in der Veranstaltung warst, musst Du unbedingt noch mal eine(n) KommilitionenIn fragen, und Dir, wenn möglich, Mitschriften besorgen.
  • Verpflegung. Eine Nachtschicht ist zwar keine Dinnerparty, aber Du brauchst ordentliche Verpflegung. Zum einen brauchst Du Koffein in jeder Form. Nimm' die, die Du am liebsten magst. Kaffee, Red Bull, Espresso-gefüllte Pralinen, Guarana-Bonbons oder Koffein-Tabletten. Trink' aber auch Wasser. Manche Leute schwören auf Wasser mit Zitrone als Wachmacher. Als Brainfood sind Kohlenhydrate gut, aber spar Dir das Traubenzucker lutschen bis zur Prüfung selbst. Über Nacht sind Kohlenhydrate besser, die einen niedrigeren Glykämischen Index haben, und Deinen Blutzucker nicht ganz so arg hochjagen. Das Kauen von Kaugummi verbessert angeblich die Lernfähigkeit.  Für Alles gilt: Die Dosis das Gift: Du willst nicht so viel Koffein zu Dir nehmen, dass Du während Deiner Prüfung Herzrhythmusstörungen hast. Vorsicht auch mit zuckerfreien Bonbons und Kaugummis: Sie können in großen Mengen abführend wirken.
  • Einen Freund oder eine Freundin, die genau so blöd war wie Du, und auch eine Nachtschicht einlegen muss. Ihr könnt Euch gegenseitig disziplinieren und wach halten.
  • Wecker. Mehrere, wenn nötig. Auch ein Kurzzeitmesser kann nützlich sein.
  • Bequeme Kleidung. Idealerweise sollte sie so ausgehfein sein, dass Du notfalls so zur Prüfung oder in den Copy-Shop rennen kannst, falls die Zeit am Morgen nicht zum Duschen reichen sollte. Für alle Arten von mündlichen Prüfungen gilt dieser Tipp selbstverständlich nicht.



Und jetzt geht's los

Wie genau Du lernst, und was genau Du machen musst hängt von der Art Deiner Prüfung und der Größe Deiner Vorbereitungslücke ab. Deshalb nur ein paar grundlegende Hinweise:
  • Tests, bei denen Wissen aus der Vorlesung, Referaten oder Texten abgefragt wird. Sortier deine Notizen bzw. das Lesematerial nach Themen. Benutz die Vorlesungs-Übersicht dazu. Lies was am Wichtigsten erscheint zuerst. Markier Dir was wichtig erscheint mit Leuchtstift. Danach mach Dir Notizen. Komprimier sie auf Karteikarten. Und dann wiederhol, wiederhol, wiederhol. Prügel den Kram in deinen Kopf. 
  • Prüfungen, bei denen Du Aufgaben lösen musst. Lös' Übungsaufgaben. Lern Lösungsschemata auswendig. Wieder und wieder und wieder. 
  • Texte, die Du schreiben musst. Mach eine grobe Übersicht und schreib los. Du hast zu wenig Fußnoten? Zur Not kannst Du noch welche einfügen, wenn Du fertig bist, aber schreib erst mal. Speicher andauernd;  Auch auf einem externen Medium. Wenn Du fertig bist: Ausdrucken. Mit einem Rotstift durchgucken. Korrigieren. Noch mal lesen. Ausdrucken. Fertig.

Teil Dir Deine Zeit ein!

Du hast nicht viel Zeit. Nur eine Nacht. Du hast keine Zeit fürs Internet, ICQ, StudiVZ, Fußball gucken, telefonieren oder Bier trinken mit den Mitbewohnern. Aber: Du brauchst auch Pausen, selbst bei einer Nachtschicht. Von jeder Stunde die Du dich quälst, solltest Du etwa ein Viertel für aktive Entspannung einplanen. Lass' Dich ruhig per Wecker oder Kurzzeitmesser an Deine Pausen erinnern; mehrere kleine Pausen können besser sein als eine Große. Deine Pause soll Deine Belohnung sein. Lüfte das Zimmer. Verlass den Raum. Koch Kaffee. Iss' etwas. Beweg Dich. Entspann' Dich. Sag Dir selbst, dass Du es schaffen wirst. Und wenn die Pause vorbei ist, fang wieder an zu lernen. Und: Leg Dich nicht ins Bett. Da schläfst Du nur ein.



Nachtschicht-Notlagen


"Ich! Muss! Jetzt! Schlafen!"

Nein. Musst Du wahrscheinlich nicht wirklich. Geh' noch einmal kurz frische Luft schnappen und beweg' Dich ein bisschen oder lass' Dir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Leg' die Füße auf den Tisch (Das hilft wirklich beim Wachbleiben!). Wenn es tatsächlich nicht anders geht, mach' ein Wecker-kontrolliertes 20-minütiges Nickerchen. Es sollte keinesfalls länger sein; Dein Kreislauf könnte zu stark absacken und Du könntest in so tiefen Schlaf fallen, dass Du danach kaum noch geradeaus denken kannst oder Deinen Wecker verschläfst. Geh auf keinen Fall ins Bett. Leg Deinen Kopf auf dem Schreibtisch ab, oder schlaf in einem Sessel.

"Ich kann nicht mehr!"

Klar kannst Du noch. Zur Not mach' eine kurze Pause, während der Du visualisierst wie es sein wird, die Prüfung zu meistern, wenn Du jetzt Dein Bestes gibst.

Ich kann jetzt alles, ich geh' dann mal schlafen!

Wirklich? Hört sich nach einer Ausrede an. Du bist sicher nur müde. Deshalb: Frische Luft schnappen, kurze Pause machen und dann weiter.

"Ich fall' sowieso durch, warum soll ich mich jetzt noch die ganze Nacht lang quälen?"

Bis Du die Prüfung geschrieben hast und jemand Dich benotet hat, steht nicht fest, ob Du durchfällst oder nicht. Bis dahin kannst es immer noch schaffen. Und: Es ist erschreckend, mit wie wenig man manchmal eine gute Note bekommen kann. Also streng' Dich an.

"Ich hab eine Frage, und niemand kann sie mir beantworten!

Wenn möglich, überspring sie. Falls Deine Bücher und Notizen Dir nicht weiterhelfen, schau, mit Zeitbeschränkung, im Internet nach. Hier kann Dein Nachtschicht-Partner nützlich sein: Kann er/sie helfen? Ist noch irgendwer wach, den Du sonst vielleicht anrufen kannst?

Mir fehlen Fakten und Notizen!

Das ist echt schlecht. Wenn es keine Möglichkeit gibt, irgendwie an das Material zu kommen (Mitbewohner, Kommilitionen, Internet), dann bist Du echt in einer Zwangslage. Lern' bzw. schreib' so viel wie Du kannst mit dem Material dass Du hast. Je nachdem, wann die Prüfung ist oder Du die Arbeit abgegeben musst: vielleicht kannst Du vorher noch ein paar intensive Stunden in der UB oder im Seminar verbringen? Morgens um acht ist die beste Zeit, um ungestört durch die Bibilothek zu hetzen!

"Die Prüfung ist gleich, und ich bin müde!"

Wenn Du Zeit hast, geh duschen. Mach Wechselduschen, die letzte sollte kalt sein. Trink Kaffee. Trink noch mehr Kaffee. Versuch' etwass zu frühstücken, auch wenn Dein Magen mit Rebellion droht.



Und dann...

Pack Deine Sachen zusammen. Renn' zum Copy Shop und dann in die Vorlesung oder direkt in Deine Prüfung. Du schaffst es!

Wenn alles vorbei ist, und bevor Du Dein Zimmer aufräumst: Mach ein Photo von Dir und Deinem Zimmer, in dem überall Zettel und Bücher herumfliegen und Kaffee-Tassen herumstehen. Kleb das Photo irgendwo hin, wo Du es siehst, zur Abschreckung. Damit Dir das mit der Nachtschicht nie wieder passiert.

Mehr dazu:

Nachtschichten sind immer nur eine Notlösung. Es ist viel besser und gesünder, rechtzeitig strukturiert zu lernen.
  • Über Lerntechniken und -Strategien gibt es unzählige Bücher, oft auch für einzelne Studiengänge. Dein Prof, die Leute in Deiner Fachschaft und erfahrene Fach-Buchhändler können Dir sicher Literatur empfehlen. Auch in den Instituts-Bibliotheken und in der UB sind solche Bücher vorrätig.
  • Das Studium Generale bietet in jedem Semester diverse Kurse zu Prüfungsvorbereitung, Lerntechniken und Zeitmanagement an. Website
  • Wer dauerhaft Probleme mit dem Aufschieben wichtiger Arbeiten hat, dem sei das Buch "Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen" von Hans-Werner Rückert, Campus Verlag, ISBN 3593381443 empfohlen.