So schön war der Christopher-Street-Day in Freiburg!

Daniel Laufer

Es war bunt, es war laut und es war toll: Nach vielen Jahren fand in Freiburg gestern wieder eine Parade zum Christopher Street Day statt.

 

Der erste Eindruck

Laute Elektromusik wummert durch die Straßen, ein Dutzend Wagen fährt vom Platz der Alten Synagoge bis zum Schwabentor übers Siegesdenkmal und wieder zurück, oben drauf toben Menschen. Eine Maschine produziert Schaum und Oberbürgermeister Dieter Salomon, selbst mittendrin, wundert sich, wie das wohl funktionieren mag. Sekt spritzt durch die Luft: Eine Stadt feiert ausgelassen.



 

Das Publikum

Über tausend Menschen nehmen am CSD teil, von Kleinkindern bis hin zu Senioren, mal knallbunt und mittendrin, mal unauffällig neugierig und aus der Beobachterperspektive. Lange hat man so etwas in Freiburg nicht erlebt, will jetzt schon wissen: Wo fährt sie denn hin, die Parade mit dem rosafarbenen Schwan an der Spitze? Und was hat es mit den beiden Frauen oben drauf auf sich? Lasziv tanzen die mit ihren Hulla-Hoop-Ringen, dann ist eine von beiden doch wieder ein Mann. Oder liegt das am Blickwinkel?

 

Die Outfits

Wenn es die Umstände erfordern, geht man schon mal mit Pferdemaske auf die Straße — wie eine junge Frau beim CSD. Sonst sieht man viel rosa, viele farbige Perücken und viele Dessous unter engen Morphsuits. Ein Mann ist mit freiem Oberkörper unterwegs, auf dem Rücken trägt er Silikonbrüste. Freiburgs selbsternannte „Mutti“ Betty BBQ hat sich lange Wimpern aufgeklebt.

 

Der leiseste Moment

„Da wohnt der Bischof“, verkündet ein Organisator, also hält die CSD-Parade hinter dem Münster in der Herrenstraße an. Zeit für eine Schweigeminute, „für die Opfer von homo- und transphober Gewalt“, wie ein Schild informiert. Ein anderes Schild fordert auf: „Küssen — eine Minute lang“ — dem kommt die Menge gerne nach. Gleichgeschlechtliche Paare aber auch Männer und Frauen fallen sich in die Arme, selbst das Pferd zieht den Kopf hoch, unten drunter kommt ein Menschenmund zum Vorschein.

Auch der Autor dieses Texts weiß gar nicht, wie ihm wird: „Wart mal, du hast was vergessen“, sagt die farbig bemalte Frau und auf einmal gibt es einen dicken Kuss auf die Wange. Dann, lauter Jubel — und es geht weiter.

Das Wetter

Donner grollt in der Ferne, zeitweise schüttet es in Strömen. Ein Fußballspiel würde jetzt vielleicht abgebrochen, doch der CSD geht weiter. Da wird der bunte Schirm aufgespannt, notfalls das Grünen-Transparent schützend über den Kopf gehalten — das Wetter ist das letzte, von dem man sich hier stoppen lassen würde. Für eine halbe Stunde ziehen dann sogar mal die Wolken zur Seite. Klar: Ohne Regen und ohne Sonne gibt’s auch keinen Regenbogen.  

Der Sound

Erst spielt Bernadette La Hengst vor dem Theater live („Ich dachte, niemand auf der ganzen Welt hat mich gern — da sah ich die Frau, die mich so nannte, wie ich heiße: Gerd!“), dann werden die Boxen bis zum Anschlag aufgedreht und es gibt abwechselnd Techno- und Pop-Musik auf die Ohren, ein Wagen lauter als der andere. Erstaunlich: In der Herrenstraße schafft es „Skandal im Sperrbezirk“ irgendwie, alles andere zu übertönen. Ob der Bischof zuhause war?



Die Überraschung

Das Lächeln des Harry Hochuli. Der Leiter des Polizeireviers Nord ist die unangemeldeten Freiburger Demos gewohnt, bei denen kann es schon mal ruppig zugehen. Am Samstag aber gibt’s nur Liebe — und so zeigen seine Mundwinkel konsequent nach oben. Einer seiner Kollegen steuert den Kastenwagen am Siegesdenkmal vorbei und winkt zum Fenster raus. Seinen Kameraden zu? Dem Volk zu? Oder einfach, weil er Lust dazu hat? Wer weiß. Meistens schaut die Polizei kritisch zu, am Samstag aber scheint sie mittendrin. Ganz ohne Lack und Leder.

 

Das schönste Gespräch

"Einen Schluck Sekt?“, wird der Polizist von einem Mann gefragt. Der hält ihm auffordern die Flasche entgegen. „Später.“ „Im Crash dann?“ „Mit Sicherheit.“

 

Das Fazit

Freiburg kann CSD und ist auch nach all den Jahren ohne nicht aus der Übung. Bis aufs Wetter sitzt alles auf Anhieb: die Regenbogenflagge am Rathaus, die große Route durch die Baustellengeplagte Stadt und die Frisur von Betty BBQ.

Auf die Parade folgt eine Kundgebung vor dem Theater, mit Programm bis spät in den Abend — und eine Frage drängt sich auf: Warum, Freiburg? Warum so lange nicht?



Mehr dazu:


Foto-Galerie: Thomas Kunz

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.