Stimmen gegen neuen Stadtteil

So reagieren die Freiburger auf das mögliche Bürgerbegehren gegen Dietenbach

Claudia Förster

Die "Aktion Bürgerbegehren Rettet Dietenbach" hat bereits 3000 Unterschriften gesammelt. Beim Werben um Stimmen in der Innenstadt zeigt sich aber: Eine klare Haltung zu Dietenbach ist alles andere als einfach.

"Hallo, sind Sie Freiburger?" Diesen Satz hören die meisten Passanten, die am Samstag auf dem Platz der Alten Synagoge unterwegs sind. Versammelt um einen Traktor stehen dort mehrere Frauen und Männer, ausgerüstet mit Infoflyern und Unterschriftenlisten. "Ja, da unterschreibe ich", rufen einige Passanten von weitem. Andere fühlen sich bedrängt, machen einen Bogen um den Traktor. Doch die meisten bleiben neugierig stehen.

Bis Ende des Monats braucht die "Aktion Bürgerbegehren Rettet Dietenbach" 12000 Unterschriften von Freiburgern und Freiburgerinnen, damit ihr Bürgerbegehren gültig ist. Damit soll die Entscheidung des Gemeinderats für den Bau des neuen Stadtteils Dietenbach ausgesetzt und bei einem Bürgerentscheid neu diskutiert werden. 3000 Unterschriften hat das Bündnis bisher abgegeben, viele Listen sind noch im Umlauf.


Die Aktivisten sprechen von drohender Enteignung der Bauern

"Dietenbach, ist das das mit dem Stadion?", fragt Martin Schnekenburger, als er angesprochen wird. Die Aktivisten sprechen mit ihm über drohende Enteignung der Bauern, Dietenbach als wertvolle Frischluftschneise und die aufwendige Aufschüttung. An bezahlbaren Mieten und sozial gefördertem Wohnen im neuen Stadtteil zweifelt das Aktionsbündnis, zumal ein 50-Prozent-Anteil von Sozialwohnungen nicht zugesichert sei. "Leute zu enteignen ist nicht die Lösung", schlussfolgert der 21-jährige Politikstudent Schnekenburger und unterschreibt.

"Wohnraum ist Wohnraum", findet hingegen eine 23-jährige Medizinstudentin, die sich nicht überzeugen lässt. "Unter dem Deckmantel von Sozialwohnungen wird hier spekuliert. Der Bauwirtschaft geht es nur um Geld", sagt ein 66-Jähriger, der anonym bleiben möchte. Dass er als Freiburger mit seiner geringen Rente eine Chance auf eine der Wohnungen hat, glaubt er nicht. Er mutmaßt, dass nur für "Massenmigranten" gebaut werde. "Außerdem wird Freiburg als grüne Hauptstadt aufgegeben, dabei gäbe es genug Alternativen in der Innenstadt".

Der Gemeinderat habe Alternativen zu wenig bedacht, findet das Aktionsbündnis

"Bevor eine Grünfläche bebaut wird, sollten erst alle dezentralen Alternativen bedacht werden", erklärt auch Ulrich Glaubitz vom Aktionsbündnis. Vor dem Beschluss hätte der Gemeinderat dies nur unzureichend getan. Dabei könnte mit der Aufstockung bestehender Häuser nach Ansicht des Energieökologen und Aktivisten Georg Löser weit mehr Wohnraum geschaffen werden als in Dietenbach – preiswerter und ökologischer.

Patrick Schygulla, der mit ihm diskutiert, ist skeptisch, schließlich können alte Menschen nicht einfach in Obergeschosswohnungen ziehen. Trotzdem unterschreibt er. "Wichtig ist ein informierter Diskurs. Man bräuchte eine große, neutrale Studie, um eine angemessene Diskussionsgrundlage für Dietenbach zu haben", sagt der 26-jährige Doktorand.

Eine einfache Meinung zu Dietenbach gibt es nicht

Mit einem Bürgerentscheid würde man die Stadt zwingen, Alternativen genauer zu überdenken und transparenter zu handeln, als dies beim Beschluss im Juli geschehen war. Wie Schygulla geht es den meisten Passanten. Von Dietenbach haben sie gehört, sich eine Meinung zu bilden ist schwierig angesichts des Dilemmas zwischen Ökologie und der Wohnraumnot. Viele lassen sich in kurze oder lange Gespräche verwickeln, die meisten unterschreiben.

"Ich finde es wichtig, dass das Thema mitten in der Stadt sichtbar wird", sagt die 25-jährige Anna Luchs, die ihren wirklichen Namen nicht veröffentlichen will. "Dietenbach sollte ja ein soziales, nachhaltiges Vorzeigeprojekt werden. Die Frage ist, was auf der Strecke bleibt, wenn wirtschaftliche Interessen mit im Spiel sind". Ob Aufstocken tatsächlich eine Lösung sei, kann sie nicht einschätzen. Mit ihrer Unterschrift will sie erst einmal einen transparenten Diskurs anregen.