Wirthstraße

So leben rund 30 Nationen im Multikulti-Hochhaus in Landwasser

Yvonne Weik

"Max und Moritz" ist Landwassers größte Hochhaussiedlung. Dort leben bis zu 30 Nationen auf engem Raum. Wie lebt es sich mit 1000 Nachbarn? Ein Besuch in der Hochhaussiedlung am Stadtrand.

Zwischen "Max und Moritz" ist ihr Revier. Auch heute sind Mohammed (7) und sein Cousin Karim (10) unterwegs – mit den Fahrrädern. "Cool", finden sie es in der Wirthstraße mit Spielplatz, Bolzwiese und Wegen ohne Autos. Manches nervt sie aber auch: "Niemand soll Müll rauswerfen", sagt Karim. "Ein Fußballfeld statt Basketball", wünscht sich Mohammed. Ansonsten sind die zwei zufrieden. Eltern, Geschwister, Oma, Tante, Onkels, Cousins und Cousinen – viele Mitglieder der libanesischen Großfamilie leben in der Wirthstraße. Gut ist das, finden sie. Und was ist am besten? Karim weiß es: "Wir können uns vom Balkon aus zurufen."


Wohnen im 17. Stock

An klaren Tagen sieht Ulla Bonczek von ihrem Balkon im 17. Stock die Vogesen – und Fessenheim mit dem Fernglas. "Herrlich, was?", sagt sie. Neben ihrem Sessel liegt ein Atomkraft-Nein-Danke-Button. Ulla Bonczek mischt sich gerne ein. Damals in den 70ern ging’s um das geplante Atomkraftwerk in Wyhl, heute ist es der Arbeitskreis (AK) mit Bewohnern der Wirthstraße. Seit 15 Jahren ist die Hochhaussiedlung in Landwasser ihr Zuhause: 56 Quadratmeter, dunkler Flur, kleines Bad, Küchenzeile, Schlafzimmer, heller Wohnraum, Mini-Balkon – mit Aussicht. Für 535,47 Euro, kalt, pro Monat.

"Lieber keine drei Worte Deutsch, aber eine helfende Hand." Ulla Bonczek
"Du kommst in die 18, das ist das netteste Haus", sagte Christa Müller damals. "Es stimmt", bilanziert Ulla Bonczek lächelnd. Und erzählt von ihrer Freundin, der "regierenden Königin der Wirthstraße". Bis vor kurzem lebte Christa Müller in der Wirthstraße, kümmerte sich vier Jahrzehnte lang um Kinder, Mütter, Väter – "wie drei Sozialarbeiter", sagt Bonczek. Geldsorgen, Sprachprobleme, Arbeitslosigkeit, Drogen, Diebstahl, Prostitution, Gewalt: Es gibt alles in der Wirthstraße. Die Polizei wird immer mal wieder zu Einsätzen gerufen. Ein Brennpunkt ist die Gegend laut Polizei jedoch nicht, Delikteschwerpunkte gebe es keine.

Ulla Bonczek zog 2001 mit Müllers Hilfe in die damalige Wohnung der Stadtbau. 2006 verkaufte die Stadt die Häuser an die Gagfah. Das nagt noch heute an der 59-Jährigen, die eine Wirbelsäulenerkrankung hat und gelähmt ist. Bereut hat sie es nie, den Umzug von Littenweiler ins Multikulti-Haus mit 1000 Nachbarn: "Lieber keine drei Worte Deutsch, aber eine helfende Hand." Die braucht sie ab und zu, zum Beispiel, wenn sie ihren Rollstuhl ins Auto packen muss. "Ich habe den absoluten Krüppelbonus", sagt sie und lächelt.



In den 80ern war alles schlimmer

Dennis Finkbeiner ist ein echtes Wirthstraßen-Kind. 1984 wurde er geboren, ein paar hundert Meter neben dem Hochhäusern, im damals noch neuen Diakonie-Krankenhaus. Bis er zwölf Jahre alt war, hat er in der 4 gewohnt – vier Zimmer, sieben Kinder, die Mutter. Damals sei alles anders gewesen, erinnert er sich. Mehr Müll. Türen kaputt. Häuser vergammelt. Fassadenplatten kamen herunter. Und eines Tages noch etwas: "Ich hörte was über mir – sssssscch … Als ich hoch schaute, flog da ein Müllsack." Er zerplatze auf dem Boden – zum Glück neben ihm.

Seit jenem Tag schaute Dennis Finkbeiner mit einem Auge immer nach oben, wenn er zu Schule ging. Mittlerweile lebt er nicht mehr in der Wirthstraße. Aber er ist regelmäßig dort zu Besuch: Seine Schwestern sind wieder zurückgezogen.

Die Rückkehrgeschichten hört man immer wieder. Manche lieben es, das Leben in den Hochhäusern. Die Mieten sind bezahlbar. Und seit die Fassaden 2008 renoviert wurden, ist es außen schön bunt.

Der Bolzplatz ist ein Treffpunkt für die Bewohner

Die Mittagssonne brennt auf den leeren Hartplatz neben Nummer 22. "Sonst ist hier viel los", sagt Frank Hebda (39). Regelmäßig dreht er seine Runden zwischen Max, Moritz und dem Bolzplatz. Die Wirthstraße ist sein Arbeitsplatz. "Jagger" nennen sie den Quartiersarbeiter dort. Sozialarbeit ist Beziehungsarbeit, sagt Hebda. Beziehungen entstehen, wenn man Zeit miteinander verbringt.

"Viele leben gerne hier, gerade weil es so viele Menschen aus anderen Ländern gibt. " Oksana Solowjow
Doch was, wenn es immer mehr Menschen werden? Gegenüber dem Bolzplatz will die Stadt bald ein Wohnheim bauen, für bis zu 175 Flüchtlinge. Voll werden wird es dann wohl auch auf dem Fußballfeld. Auspowern. Kennenlernen. "Sport ist gut, für Kinder und Erwachsene", sagt Hebda. Viel mehr Betreuung werden er und seine Kollegin Oksana Solowjow von der Quartiersarbeit Landwasser wohl nicht leisten können. Schon jetzt haben sie mehr als genug zu tun.

50 Jahre nach Stadtteilgründung, der kinderreichen Familien ein Zuhause bieten sollte, leben in Landwasser 7035 Bewohner – fast die Hälfte mit Migrationshintergrund. Die Alternative für Deutschland (AfD) holte bei den Landtagswahlen 22,2 Prozent der Wählerstimmen, Freiburgrekord. Die Info-Veranstaltung zum Flüchtlingswohnheim torpedierte die AfD geschickt: ausländerfeindliche Parolen, Tumult, Geschrei.

Noch eine Herausforderung für die Quartiersarbeiter. Die sind optimistisch: "Viele leben gerne hier, gerade weil es so viele Menschen aus anderen Ländern gibt", sagt Oksana Solowjow. Doch sie kennt auch die Vorurteile, manche hat sie selbst erlebt. Ihre Familie kam Ende der 90ern aus Kasachstan, sie ging in Landwasser zur Schule, lebte in Weingarten.

"Ich fand das immer unfair, dieses Klischee: Ich habe Angst – da leben so viele Russen." Sie sagte darauf: "Ja klar, mein Opa, meine Onkel, meine Eltern..." Die Wirthstraße kennt sie seit der Schulzeit, Freunde wohnten dort. Und wie ist es heute? "Jemand hat mal gesagt: Wie in einer Familie. Sie streiten sich, sie vertragen sich."



Eine Großfamilie im Hochhaus

Den Überblick über die Familie Yassine zu behalten, scheint unmöglich. Eines ist sicher: Es sind viele von Ali Yassines Geschwistern, die kreuz und quer in den Häusern in der Wirthstraße wohnen. Hinzu kommen noch mehr Kinder und seine Mutter. In den 80er Jahren kam er mit seinen Eltern aus dem Libanon nach Deutschland. Zuerst Berlin, dann Karlsruhe, dann Freiburg. Er lebt gerne in der Wirthstraße – und wünscht sich, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass bald neue Nachbarn kommen werden, er weiß nicht so recht. Männer mit Fluchterfahrung, mit Angst, Trauer, Schmerz, stark traumatisiert: "Wer soll das auffangen?", fragt er sich. An der Wirthstraße hätten sie doch schon genug miteinander zu tun.

Müll ist ein Dauerthema

"Anonym? Nee, das ist es hier nicht." Michaela Mathieu
Michaela Mathieu (47) traut ihren Augen nicht. "Das ist mein Sofa!", sagt sie. Auf den Sperrmüll hatte sie es getragen, jetzt liegt es im Kellerflur von Nummer 20. Wer es war, weiß sie nicht. Der Müll ist ein Dauerproblem, im Keller, auf dem Spielplatz, vor den Häusern: "Vielen werfen ihren Abfall einfach hin", sagt Mathieu. Seit sechs Jahren lebt die Alleinerziehende mit drei Kindern in der Wirthstraße. Anfangs war es nicht leicht, sagt sie. Lag es an der Anonymität? "Anonym? Nee, das ist es hier nicht." Das hört man immer wieder. Viele Bewohner kennen sich nicht näher, aber sie grüßen sich im Aufzug. Die Wirthstraße ist wie ein Dorf.

Martina Mathieu schaut genau hin. Sie engagiert sich mit rund zehn Ehrenamtlichen im AK Wirthstraße. Probleme benennen, andere darauf ansprechen und mitnehmen – keine leichte Aufgabe bei 1000 Menschen auf engem Raum. Die einen fahren verbotenerweise mit dem Auto vor das Haus, andere urinieren in den Aufzug oder parken Einkaufwagen nach dem Einkauf auf dem Gelände. "Manchmal sind das 20 Stück", sagt Mathieu. Auch beim Müll gibt’s noch viel Erklärungsbedarf. Denn sonst gibt’s immer mehr Einwohner, die sich in der Wirthstraße wohlfühlen: die Ratten.

Worte und Taten

Die Kita Kibbiz im Flachbau hinter Nummer 12 zeigt Flagge: "Refugees Welcome", Flüchtlinge willkommen, steht an der Eingangstür. Dahinter geht’s multikulti zu. Rund 80 Kinder, von einem bis sechs Jahre, werden ganztags betreut. 95 Prozent haben Migrationshintergrund, sagt Leiter Lutz Stegner: "Wir haben hier alle Nationen der Wirthstraße – und mehr." Seit kurzem kümmert sich sein großes Team auch um 20 Flüchtlingskinder aus der Bissierstraße. Deren Probleme sind dort schon lange Alltag: Gewalt, Drogen, Fluchterlebnisse, Traumatisierung, das kennen sie, sagt Stegner. Das Wichtigste für ihn: die Sprache. Förderung gibt’s nicht nur für Kinder, auch Eltern kommen zum Sprachkurs.

Gut vernetzt ist die Einrichtung mit dem Sozialarbeitern und dem AK Wirthstraße. In deren beiden Quartiersräumen mit Küchenzeile in Nummer 14 gibt Mira Klaas mittwochs Bewohnern Sprachunterricht. Freitags basteln dort bis zu 30 Kinder. Ein Halal-Grill steht bereit, auf dem kein Schweinefleisch gegrillt wird, so dass auch muslimische Bewohner ihn nutzen können. Sogar einen Fitnessraum gibt es – für muslimische Frauen. Die Geräte müssen immer mal wieder weggeräumt werden: Der Raum wird vom Hausmeister als Übergangsquartier gebraucht, falls eine Wohnung zwangsgeräumt werden muss.

Interaktive Zeitleiste: Max & Moritz in Landwasser


Als die Stadt Freiburg Max und Moritz verkaufte

Eine Nachricht sorgte Ende Dezember 2005 für Aufregung an der Wirthstraße: Max und Moritz sollten verkauft werden– an den Immobilienkonzern Gagfah aus Essen. 1971 war der zweiteilige Hochhauskomplex gebaut worden, und zwar auf städtischen Grund. Die Sozialwohnungen gehörten der Stadtbau GmbH, einer Tochter der Stadt Freiburg. Mit dem Verkauf der 325 Wohnungen wollte die Stadtbau sich teilweise entschulden, ihr Kapital erhöhen und in den restlichen Wohnungsbestand investieren. Für die Mieter handelte die Stadt einen Schutz aus: Die Gagfah verpflichtete sich, in den kommenden zehn Jahren keinem Mieter wegen Eigenbedarfs zu kündigen. Außerdem wurden Mieterhöhungen eingeschränkt. Aktuell liegt die Durchschnittsmiete in der Wirthstraße bei 5,02 Euro pro Quadratmeter, sagt die Vonovia (früher Deutsche Annington). Deutschlands größtes Wohnungsunternehmen ist seit der Fusion mit der Gagfah Eigentümerin.

50 Jahre - Landwasser feiert

Samstag, ab 16 Uhr, "Musikfestival der Toleranz" am "Haus der Begegnung", Habichtweg 48, Freiburg-Landwasser; Sonntag, 11 bis 18 Uhr, Sommerfest für Familien; an beiden Tagen Fotoausstellung "50 Jahre Landwasser" (10 bis 18 Uhr). Ebenfalls an beiden Tagen gibt’s den Skate-Contest an der Halfpipe am Moosweiher. Der Eintritt ist frei.

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