So kommt Pokémon Go in Freiburg an

Konstantin Görlich

Zurück in die Kindheit der Neunziger! Diesen Wunsch wollen sich gerade viele mit Pokémon Go erfüllen. Das Smartphone-Spiel schlägt reihenweise Downloadrekorde. Wie kommt es in Freiburg an – nur Tage vor dem Deutschlandstart?

Ein junges Pärchen steht am Martinstor. Es gehört zu der Generation junger Erwachsener, für die Pokémon DAS Spiel ihrer Kindheit war. Sie zeigt ihm ihr Handy. "Und so kannst Du die Viecher fangen", sagt sie. Er schüttelt verständnislos mit dem Kopf. Ob sie bald noch zusammen sein werden? Womöglich nicht. Pokémon Go, das Smartphonespiel, das dieser Tage der ganzen Welt den Kopf verdreht, wird bereits als Beziehungskiller gehandelt.


Das erste Pokémon-Spiel von Nintendo kam 1996 heraus, damals auf dem Gameboy. Die Reihe gilt als eine der erfolgreichsten überhaupt. Eine Anime-Serie, 17 Kinofilme und tonnenweise Merchandise kamen auf den Markt und in zahllose Kinderzimmer der Neunziger. Im Spiel geht es darum, kleine Monster – die Pokémon – zu sammeln, zu ertauschen und sie in Kämpfen gegen andere stärker zu machen.

Pokémon Go holt den Klassiker ins Jahr 2016 – und in eine erweiterte Realität: Die ganze Welt ist die Spielwelt, der Spieler bewegt seinen Avatar, indem er sich selbst bewegt. Als Gimmick lässt sich das Bild der Handykamera einblenden, dann erscheinen die virtuellen Monster buchstäblich in der Realität.

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Ein von Athena (@athicollie) gepostetes Foto am 12. Jul 2016 um 3:49 Uhr



In allen App-Stores, die Pokémon Go bereits führen, liegt es in den Charts auf Platz 1. Der Hype nimmt praktisch stündlich neue Dimensionen an. Gerüchte über Kriminelle tauchen auf, die Spielern gezielt auflauern. Die üblichen Datenschutzbedenken werden verbreitet, weil die App allerlei Freigaben benötigt, um zu funktionieren – wie viele andere Apps auch. Es erscheinen diverse Witze und Memes. Netzfolklore.

Zeit, sich Pokémon Go in Freiburg anzuschauen

Noch ist das Spiel in Deutschland – und den meisten anderen Ländern der Erde – nicht verfügbar. Der Start wird verzögert, weil zu viele neue Spieler in sehr kurzer Zeit die Server überlastet haben. Trotzdem gibt es Wege, wie man das Spiel schon heute installieren kann. Anleitungen dazu werden im Netz fleißig geteilt.

Marlene Greiwe gehört zu den Ersten, die in Freiburg spielen. Die 35-Jährige ist Steuerfachwirtin und Nerdmädchen. Ortstermin am Bertoldsbrunnen, er ist einer der überaus zahlreichen sogenannten Pokéstops, an denen man Spielgegenstände bekommt – unter anderem die Pokébälle, mit denen man die kleinen Monster fängt, die überall auftauchen können.

"Und dann kannst Du Deine Pokémons trainieren, damit sie stärker werden, und gegen andere kämpfen können", erklärt Marlene. Übermäßige Begeisterung für Pokémon Go zeigt sie nicht. Es ist nicht ihr erstes "Augmented Reality"-Spiel – so nennt man Games, die eine virtuelle mit der "echten" Welt verbinden. Marlene spielt auch Ingress, das wie Pokémon Go vom Spieleentwickler Niantic stammt.

Die Vorarbeit haben die Nerds geleistet

Die Parallelen sind frappierend. Anhand einiger Pokéstops in der Innenstadt zeigt Marlene, dass sie nicht nur die Orte sondern auch die Namen und sogar die Bilder der dort befindlichen Ingress-Portale tragen – die Ingress-Spieler über die Jahre angelegt und hochgeladen haben. Dann entdeckt sie, dass an der Dreisam eine Arena unbesetzt ist. Nix wie hin.

In den Arenen finden die Kämpfe statt, sie können von einem der Teams besetzt und von – möglichst starken – Pokémons verteidigt werden. Unterwegs zur Dreisam erwischt sie einige Pokémons und nimmt an mehreren Pokéstops Gegenstände mit. Ein flüchtiger Blick durch die Stadt lässt vermuten, dass einige besonders stark frequentierte Ingress-Portale zu Arenen erklärt wurden.

Das Spiel ist noch unausgereift

Unterwegs zeigt sich, wie unausgereift Pokémon Go noch ist. "Bisher erinnert es wenig an das Gameboy-Spiel, es wirkt eher wie ein anderes Spiel, auf das ’Pokémon’ draufgeklebt wurde", sagt Nico Glissmann. Der 24-jährige Chemiestudent taucht wenige Minuten nach Marlene bei der Arena an der Dreisam auf. Er hat den ebenfalls 24-jährigen Anglistikstudenten David Staib dabei: "Ich hab heute Mittag angefangen", sagt der begeistert. Warum? "Weil ich als kleiner Junge schon Pokémon gespielt hab’ – und jetzt gibt es das wieder!" Ein anderer Student hat ihn angestiftet: "Der hat mitten im Seminar sein Handy rausgeholt und ein Taubsi gefangen."

Ob es schon viele Spieler in Freiburg gibt? David ist sich sicher. "Ich bin heute zwei Stunden durch die Stadt gegangen und hab ständig Leute grinsend auf ihr Handy starren sehen." Zurück am Bertoldsbrunnen lässt sich diese Beobachtung allerdings nicht bestätigen. Mit dem für diese Woche erwarteten Deutschland-Start könnte sich das ändern.

Das meint der Autor

Die Begeisterung der beiden Jungs fehlt Marlene – und dem mittlerweile auch spielenden Autor. "Pokémon war die Generation nach mir", sagt sie. Ohne die emotionale Verbindung zur eigenen Kindheit aber ist Pokémon Go (noch) nicht viel mehr als Farmville an der frischen Luft. Man muss einfach nur rumlaufen, benötigt keine Strategie wie bei Ingress, für das man auch mal Nachts auf den Schauinsland fährt. Und: Pokémon Go spielt man eher für sich, es gibt keine Community-Funktionen, ja noch nicht mal einen Chat – wie bei eigentlich jedem anderen Onlinespiel. Wenn Niantic da nicht bald nachliefert, ist der Hype genauso schnell vorbei, wie er gekommen ist.
Update: Seit Mittwochmorgen ist PokémonGo auch in den deutschen Appstores für iOS und Android verfügbar, was sehr viele Leute sehr erfreut.

Aber nicht alle: fudder-Redakteur Daniel Laufer hasst es.