Legendärer Fasnet-Ball

So hat der Ball Verqueer die Mensa in ein fernöstliches Tollhaus verwandelt

Johannes Tran

Schrill, bunt, exzentrisch: Der legendäre Ball Verqueer hat seinem Ruf auch im 21. Jahr wieder alle Ehre gemacht.Das Partyvolk verwandelte die Mensa mit dem Motto "One Night in Bangkok – Asian Adventures" in ein fernöstliches Tollhaus.

Die beiden Samurai-Kämpferinnen haben vorgesorgt. Komplett in Schwarz gekleidet, halten sie ein langes Schwert in der Hand. An den kniehohen Lederstiefeln sind zwei kleine Ersatzmesser befestigt – man weiß ja nie, was der Abend so bringt (Fotos).


Kung-Fu-Kämpfer Volker serviert Kondome auf dem Silbertablett

Direkt gegenüber steht Volker, beeindruckend lange graue Augenbrauen, schulterlange Perücke, spitzer Bart und ein furchterregender Dolch. Ob er sich als Samurai oder als Kung-Fu-Kämpfer versteht? "Eher das zweite", sagt der Mann, auf dessen glänzendem Mantel sich ein goldener Drache krümmt. Doch vor dem Showdown mit den Samurai-Kämpferinnen legt Volker den Dolch zur Seite und wirft sich in die tanzende Menge. Die Pflicht ruft! Auf einem Silbertablett serviert er Kondome für die Feiernden. Volker ist von der Aids-Hilfe Freiburg, die den Ball Verqueer organisiert. Und ja, die Kondome scheinen ganz gut wegzugehen am Samstagabend.



"Völlig losgelöst von der Erde", dröhnt es aus den Lautsprechern, die Tanzfläche füllt sich. China und Japan liegen in der Gunst der Besucherinnen und Besucher vorn: zahlreiche Geishas mit stark gebleichten Gesichtern, kunstvoll geschwungenen schwarzen Perücken und in Seidenkleidern sowie Männer als Kung-Fu-Kämpfer oder Reisbauern mit kegelförmigen Hüten.

Sagt das eine Stäbchen zum anderen: "Schnapp das Sushi"

Aus der bunten Menge stechen fünf Damen in ihren extravaganten Kostümen noch einmal heraus. Alle tragen sie halbdurchsichtige Kleider mit einer integrierten Lichterkette, in den Händen präsentieren sie mit Federn bestückte Fächer. "Wir sind die Paradiesvögel, extra aus Asien eingeflogen", sagt Saskia. Ein ganzes Jahr lang haben die Freundinnen an ihren Kostümen gebastelt. "Ich habe jede Feder mit Liebe an meinen BH geheftet", sagt sie und lacht.

Ausflug auf den Mainfloor im ersten Stock. Weniger 80er, mehr Bass. Schwitzende, tanzende Leiber drängen sich aneinander, der Alkoholpegel steigt mit der Uhrzeit, und mit ihm werden die Tanzstile exzentrischer. Daneben formieren sich zwei Stäbchen – ja, Essstäbchen – und planen den weiteren Abend. "Los, schnapp dir das Sushi da drüben", sagt der eine zum anderen. Doch zu spät, das begehrte Sushi ist bereits im Getümmel verschwunden.

Kakerlaken und Paradiesvögel

Auf der Empore steht Martin, der Mann für die Bilder des Abends. Für den Fotografen der Aidshilfe verrenken sich all diejenigen, die sich eine Chance beim späteren Kostümwettbewerb ausrechnen. Zu seiner Rechten ist ein großer weißer Studioschirm aufgebaut, damit der Blitz die Motive vor der Kamera in grelles Licht taucht. Martin zeigt auf seinem Laptop die Bilder seiner persönlichen Favoriten. Die Gruppe von Kakerlaken findet er klasse, auch zwei besonders schick herausgeputzte Geishas, die luftigen Paradiesvögel – und natürlich Milo.

Milo, der Mann mit dem gelb-schwarz geschminkten Gesicht und dem chinesischen Umhang, hat sich gerade fotografieren lassen und blickt stolz auf das Bild auf der Leinwand. In seiner rechten Hand trägt er einen pinkfarbenen Lampion. "Heute mein einziger Begleiter", sagt er wehmütig und lacht dann doch. Wie die meisten ist er seit Jahren Stammgast auf dem Ball Verqueer und jedes Mal wieder von der Kulisse begeistert.

"Nach dem Ball ist vor dem Ball." Stefan Zimmermann
Solche Sätze freuen Stefan Zimmermann, normalerweise Sozialarbeiter bei der Aidshilfe Freiburg, heute Ninja-Kämpfer. Mit dem heutigen Abend findet fast ein ganzes Jahr an Planung sein Ende. "Nach dem Ball ist vor dem Ball", sagt er. 40 ehrenamtliche Helfer halten die Party hinter den Kulissen am Laufen. Der Ball Verqueer hat längst über die Freiburger Stadtgrenzen hinaus Kultstatus erreicht – insbesondere natürlich bei der schwul-lesbischen, bi- und transsexuellen Gemeinschaft (LGBT).

Zimmermann schätzt, dass 30 bis 40 Prozent der 1900 Gäste Heteros sind. "Das, was wir sonst einfordern, wollen wir hier vorleben: Normalität zwischen Heteros und Nicht-Heteros." Tatsächlich war die Nacht ausgelassen und friedlich wie immer. Und für die Aidshilfe dürfte sie wieder ein ordentliches Benefizergebnis gebracht haben.

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