So haben Freiburger #wirsindmehr in Chemnitz erlebt

Bernhard Amelung

65.000 Menschen haben in Chemnitz bei #wirsindmehr ein Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt. Dem Aufruf der Band Kraftklub ist auch eine Gruppe aus Freiburg um Markus Schillberg gefolgt. Wie er den Abend erlebt hat, erzählt der Geschäftsführer der JPG-Fraktion im Interview.

Markus, wie hast du den Abend in Chemnitz erlebt?

Markus Schillberg: Die Konzerte der beteiligten Bands und Redebeiträge haben mich sehr bewegt. Die Künstler und Redner haben sich in einer Deutlichkeit gegen Rassismus und rechte Hetze ausgesprochen, wie es sie auf anderen Veranstaltungen nicht gibt. Man hat ihnen angemerkt, wie ernst ihnen das Thema ist. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen aus ganz Deutschland ihrem Aufruf folgen würden.

Was war der bewegendste Augenblick für dich?

Markus Schillberg: Als Marteria und Casper die Bühne betraten, wurden Drohnenaufnahmen vom Veranstaltungsort auf großen LED-Wänden gezeigt. Sie zeigten die Größe der Veranstaltung. Immer noch strömten Menschen zu der Veranstaltung. Die Straßen zwischen Bahnhof und Karl-Marx-Denkmal waren voll. Die Menschen haben gejubelt, als sie gesehen haben, wieviele Teilnehmer tatsächlich gekommen waren. Nach offiziellen Angaben über 65.000. Selbst aus Basel und Zürich kamen welche angereist. Dieses Zeichen der Solidarität finde ich richtig stark.

Wieviel davon war Eventtourismus?

Markus Schillberg: Die Menschen sind aus Überzeugung nach Chemnitz gekommen. Sie wollten ein deutliches Zeichen gegen Rechts setzen. Von einer Event- oder Party-Antifa kann nicht die Rede sein. Das hätte auch gar nicht zu der Veranstaltung gepasst. Sie hatte einen politischen Auslöser. Die Musik war nur das Beiwerk. Die Bands hatten sich in ihrem Konzertprogramm auch auf die politischen Songs konzentriert. In Chemnitz ist die Mitte der Gesellschaft mit rechtsextremen Gruppierungen wie Pro Chemnitz und Pegida auf die Straße gegangen. Dagegen sind wir aufgestanden.



Muss man nicht auch Verständnis aufbringen, dass Menschen durch eine Straftat, wie sie sich in Chemnitz ereignet hat, aufgewühlt sind?

Markus Schillberg: Natürlich ist man aufgewühlt, wenn man erfährt, dass ein Mensch einen anderen Menschen getötet hat. Aber die Frage ist doch, gegen wen sich diese Gefühle richten. Ich habe kein Verständnis dafür, dass ein Teil unserer Gesellschaft aufsteht und diese Tat instrumentalisiert, um andere Menschen pauschal herabzuwürdigen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass Menschen auf Grund ihres Aussehens und ihrer Herkunft verfolgt werden. Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass die AfD vor Ort den Schulterschluss mit Rechtsradikalen und rechtsextremen Bündnissen eingegangen ist. Diese Menschen haben auch nicht getrauert. Sie haben gegen andere Menschen gehetzt.

Was hast du empfunden, als du die Bilder von den Ausschreitungen gesehen hast?

Markus Schillberg: Das sind die schlimmsten Hetzjagden seit Rostock-Lichtenhagen. Das ist 26 Jahre, also eine Generation her. Wenn man diese Bilder kennt, wenn man dieses Pogrom erlebt hat, möchte man, dass so etwas nie wieder passiert. Ich bin sehr wütend darüber, dass Rechtsextreme ungestraft Hetzjagden auf Ausländer durchführen können. Das kann man nicht auf sich sitzen lassen.

Warum ist es wichtig, öffentlich Haltung zu zeigen?

Markus Schillberg: Ich halte es für eine Bürgerpflicht, dass man dagegen auf die Straße geht. Es kann nicht sein, dass man rechtsextremen Bündnissen und Chaoten wie Hooligans die Straße überlässt. Ich finde, wer schweigt und nicht auf die Straße geht, trägt am Ende eine Mitverantwortung dafür, wenn Rechtsextreme sich beflügelt fühlen. Man muss sich ihnen entgegen stellen und auch einmal so eine Wegstrecke auf sich nehmen.

Was erhoffst du dir, auch davon, dass die Bewegung #wirsindmehr so viele prominente Anstoßer und Unterstützer hat?

Markus Schillberg: Ich wünsche mir, dass dieses Großereignis ein starker Anfang war und Schule macht. Ich hoffe, dass sich andere Menschen durch diesen Auftritt beeinflussen und ermutigen lassen. Dass der sogenannte Aufschrei der Anständigen nun endlich beginnt. Die bürgerliche Mitte muss sich endlich stark gegen Rechts machen und Flagge zeigen. Wer das macht, gehört auch nicht zu den Linken oder gar zur radikalen Linken. Die 65.000 Menschen kamen nicht aus der Antifa.

Wie geht es für dich weiter, auch in Freiburg?

Markus Schillberg: Ich kenne aus meinem politischen Umfeld Gruppierungen, die so etwas auch für Freiburg in die Hand nehmen. Auf dem Platz der Alten Synagoge fand ja auch eine Protestveranstaltung gegen Rechts mit einer ordentlichen Teilnehmerzahl statt, trotz miserablen Wetters. Ich denke, das war erst der Anfang. Ich gehe davon aus, dass sich diese Kundgebungen fortsetzen werden. Das muss auch so sein. Ich hoffe, dass ein großer Teil der Gesellschaft jetzt stärker sensibilisiert ist und bei der nächsten Kundgebung gegen Rechts noch mehr Menschen auf die Straße gehen.
Zur Person

Markus Schillberg, 31, ist Geschäftsführer der JPG-Fraktion (Junges Freiburg, Die Partei, Grüne Alternative Freiburg) im Freiburger Gemeinderat. Der studierte Historiker und Musiker lebt in Freiburg.

#wirsindmehr

Über 65.000 Menschen haben in Chemnitz unter dem Motto #wirsindmehr am Montag, 3. September, ein Zeichen gesetzt – gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und rechtsextreme Bewegungen. Dazu aufgerufen hatte die Chemnitzer Band Kraftklub. Ihrem Aufruf folgten weitere Bands und Künstler, Trettmann, K.I.Z., Feine Sahne Fischfilet, Nura (Sxtn), Marteria & Casper sowie Die Toten Hosen. Aus Freiburg reisten unter anderem JPG-Geschäftsführer Markus Schillberg, Jesko Treiber (Grüne / Grüne Jugend) und Frederik Greve (Kein Mensch Ist Illegal) an. Der Abend begann mit einer Schweigeminute für den Chemnitzer Daniel H., der Opfer einer Messerattacke wurde. Tatverdächtig sind zwei Männer aus Syrien und dem Irak. Das hatte Proteste aus dem rechtsextremen Milieu ausgelöst.

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