So funktioniert eine gute Verschwörungstheorie

Martin Jost

An der Uni beginnt heute eine dreitägige Konferenz über Verschwörungstheorien. Organisator Michael Butter erzählt, warum ihre Erforschung lohnt, welche Länder die besten Verschwörungstheorien haben und er verrät das Rezept für eine gute Verschwörungstheorie.

Die 'Tatort'-Folge, auf die ich noch warte: Kommissare Lannert und Bootz ermitteln im Mord an einem jungen Architekten. Angeblich hatte er Beweise für die wahren Gründe der explodierten Stuttgart-21-Baukosten: die Bundesregierung baut sich einen Spionagebunker, der Bahnhof ist nur Tarnung. Lannert und Bootz’ Nachforschungen werden die ganze Folge über von Verfassungsschützern in schwarzen Sonnenbrillen torpediert: „Do kennsch uf dr Sau naus, des isch unser Zuständigkeitle!“


Wir können alles außer Verschwörungstheorien.

„Deutschland ist dafür nicht so anfällig“, sagt Michael Butter (Bild links). Der Amerikanist ist einer der Organisatoren der Konferenz Conspiracy Theories in the Middle East and the United States, die am Donnerstagabend in Freiburg beginnt. „Es gibt auch deutsche Verschwörungstheorien, aber die sind nicht mehrheitsfähig.“

Anders als in den USA. „Die Vereinigten Staaten sind da anfälliger. Verschwörungstheorien, und hier besonders das Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung, sind schon immer Teil der amerikanischen Kultur“, sagt Butter. 2004 glaubte ein Drittel der US-Amerikaner, die Terroranschläge vom 11. September 2001 seien von der Regierung wenn nicht geplant und durchgeführt, so doch billigend in Kauf genommen worden.

 

Nicht als Spinner abtun


Ein Drittel?
„Wir können Verschwörungstheoretiker – oder auch Believers, Gläubige – nicht länger als paranoide Minderheit abtun“, sagt Butter. In den letzten 20 Jahren habe sich ihre Erforschung zu einem eigenen Feld entwickelt. Nur: Michael Butter und seine Kollegen befassen sich nicht mit Beweisen für oder gegen Verschwörungstheorien. Sie interessieren sich stattdessen dafür, warum diese Theorien entstehen. „Was sagen sie uns über die Welt, in der wir leben? – Das ist die spannende Frage.“

Zum Beispiel: Sind Verschwörungstheorien auch im Nahen Osten so populär, weil es hier im 20. Jahrhundert echt umwälzende CIA-Intrigen gab? Ist Populismus die Basis jeder Verschwörungstheorie? Sind Misstrauen gegen die eigene Regierung und Rassismus gegen „Feinde von außen“ nur zwei Seiten derselben Medaille oder grundverschiedene Erscheinungen? Forscher aus Deutschland, USA, Frankreich, Schweden, Großbritannien und dem Libanon halten bis Samstag in Freiburg Vorträge und diskutieren öffentlich über ihre Modelle.

Die Konferenz ist offen für Publikum. Erwartet Butter auch echte Believers, die die Diskussion an sich reißen wollen? „Das kann man natürlich nicht ausschließen. Zum Beispiel bekam ich direkt nach meine Deutschlandradio-Interview E-Mails, in denen ich als Feind der Wahrheit bezeichnet wurde“, erzählt er. „Aber ohne diese Leute abkanzeln zu wollen, lassen wir uns auf eine Diskussion über die Richtigkeit ihrer Theorien nicht ein. Wir nehmen sie ernst, denn wir wissen: Hinter ihrem Misstrauen steckt etwas Wichtiges. Nur vielleicht nicht das, was sie meinen.“

So funktioniert eine gute Verschwörungstheorie

„Das Internet hat Verschwörungstheorien Vorschub geleistet“, sagt Butter. „Einerseits können sich Dokumente wie der Film Loose Change rasend schnell verbreiten, der einen überzeugen soll, dass die Terroranschläge vom 11. September von der US-Regierung gesteuert wurden. Andererseits gibt es im Internet nicht zwangsläufig eine Redaktion, die Fakten checkt und schlecht Recherchiertes filtert.“

Außerdem erlaube die Verlinkung, zwei verschiedene Informationen – angebliche Beweise – miteinander zu verknüpfen, die eigentlich nicht zusammen gehören. In einem Film wird zum Beispiel einfach „deshalb“ gesagt, wo sonst gar kein Zusammenhang wäre. Der Hyperlink ist das Deshalb des Internets.

Was brauche ich noch für eine gute Verschwörungstheorie?

Butter zählt auf: „Zunächst mal finden Sie eine Gruppe, der ein bestimmtes Ereignis nützt. Die ist auf jeden Fall schuld.“ Zusätzlich noch eine Opfer-Gruppe, die Ziel der Verschwörung ist. „Es geht auch nicht ohne ein gutes Narrativ. Die Geschichte muss spannend erzählt sein. Am besten mit einem Helden, der über Beweise für die Verschwörung stolpert, zunächst skeptisch ist, und später zum Believer wird.“

Klingt wie Kino? Genau, deshalb werden Verschwörungstheorien heute auch von Literaturwissenschaftlern erforscht und wir lassen uns von ihnen genau so gut unterhalten wie von einem Thriller.

Und Michael Butters Lieblings-Verschwörungstheorie? „Die Mondlandung!“, sagt er sofort. Die Behauptung, dass die Filme und Fotos von der Expedition in einem Fernsehstudio entstanden seien, begegnete ihm zum ersten Mal vor zehn Jahren in einem Uni-Magazin in England. Daran, dass die Theorie falsch ist, besteht für Butter kein Zweifel. „Sie ist relativ harmlos, also nicht rassistisch. Man kann sie wahnsinnig ausgeschmückt erzählen, mit unendlich vielen kleinen Beweisen.“