Selbstversuch

So fühlt es sich im Todesrad des Zirkus Charles Knie an

Jonathan Janz

Scheinbar mühelos vollführen Zirkus-Artisten aberwitzige Kunststücke. Wie schwierig sie wirklich sind, hat BZ-Reporter Jonathan Janz bei im Zirkus Charles Knie ausprobiert.

Die Luft steht im schwül-heißen Zirkuszelt. Die Sitzreihen sind leer, es ist Probezeit. Noch habe ich keine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Mitten in der Manege ist eine Plattform aufgebaut. Die Geschwister Vanessa und Emanuel, das Duo Medini, binden sich gerade die Rollschuhe. Sie bitten mich, in ihre Mitte zu kommen. Ich stemme die Hände in die Hüften. Gleich wird mich das Duo hochheben und im Kreis drehen – gut, dass ich vorher meine Brille abgelegt habe. Nach der ersten Runde ist mir schon etwas schwindelig. Einer der Artisten fragt mich: "Schneller?" – Ich weiß nicht, warum ich mit "ja" antworte. Wieder drehen mich die Artisten. Nach diesem Durchgang kann ich nicht gerade stehen, muss mich an Emanuel festhalten. Alles in meinem Kopf dreht sich.


Kaum habe ich die Plattform verlassen, wird die nächste Attraktion hereingerollt: eine Stahlkugel. Über eine Rampe kommen zwei Motorradfahrer in die Kugel, Benzingeruch macht sich breit. Einer der Fahrer winkt mir zu, zögerlich mache ich mich Richtung Kugel auf. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Einer der Artisten gibt mir noch Instruktionen, doch die Motoren sind so laut, ich verstehe kaum, was er sagt. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Fahrer, wie sie auf ihren Motorrädern vor und zurück wippen. Einer nickt mit dem Kopf und sie zischen los. Stetig flitzen die Artisten an mir vorbei, die Lautstärke der Motoren hat das Maximum erreicht. Mein Blick bleibt starr nach vorne gerichtet, ich traue mich nicht, meine Position auch nur um einen Millimeter zu verändern. Jedes Mal, wenn die Fahrer an mir vorbei rauschen, erzittert die Kugel.

Schweißausbrüche und Zittern lassen nicht lange auf sich warten

Schließlich halten die Zirkuskünstler an. Schweißgebadet und mit zitternden Knien erwidere ich die Faust, die mir einer der Fahrer grinsend entgegenstreckt– jetzt muss ich mich erstmal setzen. Als die Fahrer nach ein paar Minuten die Rampe herunter rollen, ergreife ich meine Chance und stoppe einen – ich will wissen, was da gerade passiert ist. "Ich bin 1,88 groß, so hoch sieht die Kugel für mich nicht aus, wie funktioniert das?", frage ich. Der Fahrer lacht und sagt: "Die Kugel hat einen Durchmesser von 4,20 Metern. Manchmal fahren wir mit sieben Bikern da drin." Während mir langsam die Kinnlade runter klappt, klopft mir der Artist auf die Schulter und rollt aus der Manege. Noch während ich ihm verdutzt hinterherschaue, wird die nächste Attraktion hereingebracht.



Es ist das Todesrad. Einer der Zirkusangestellten erklärt mir, was es damit auf sich hat. "Die Artisten bewegen sich innerhalb und außerhalb des Rads. Manchmal springen sie darin Seil." Für den Anfang würde es aber genügen, wenn ich mich festhalte und langsam im Rad laufe. Parallel läuft ein Artist in einem zweiten Rad – so bewegt sich die Konstruktion. Wieder beginnt mein Herz schneller zu schlagen. Einer der Artisten beobachtet mich die ganze Zeit, während ich mich immer weiter vom Boden entferne. Wenn ich den Oberkörper nur ein wenig krümme, ruft er: "Stay straight!" ("Steh gerade!"). Ich versuche, den Anweisungen zu folgen und drehe zwei Runden. Höhenangst habe ich nicht, dennoch traue ich mich kaum, nach unten zu schauen.

Am Ende überwiegt die Euphorie

Schließlich habe ich es überstanden, mir ist immer noch schlecht von der Rollschuh-Dreherei, aber die Euphorie überwiegt. Am Tag zuvor war ich unsicher, ob Mitmachen wirklich eine gute Idee ist. Jetzt bin ich froh, es probiert zu haben. Die Artisten lassen ihre Kunststücke so leicht aussehen, dass man schnell vergisst, wie viel Übung dahintersteckt. Zusammen mit dem BZ-Fotografen verlasse ich die Manege. Er fragt: "Fährst du direkt in die Redaktion ?" Ich sage: "Ich glaube, ich gehe erstmal duschen."

Der Zirkus Charles Knie gastiert noch bis Dienstag auf dem Freiburger Messegelände.
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