So fahren Blinde Auto

Konstantin Görlich

Lenkrad, Pedale, Schaltung: Das Gefühl, ein Auto selbst zu steuern, können Blinde und Sehbehinderte normalerweise nicht erfahren. Am Sonntag gab es aber eine solche Möglichkeit. Wir sind mitgefahren.

Bernhard Pfaff ist 64 Jahre alt und hat in seinen 35 Jahren als Fahrlehrer – die meisten davon bei der Polizei – schon vieles erlebt. Aber als sich Viktoria Tiselj, 51, aus Freiburg, am Sonntag an das Steuer seines Fahrschul-Golfs setzt, ist es auch für ihn eine Premiere – denn Viktoria ist blind.


Der Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden hatte für Sonntag nach vier Jahren Pause wieder eine Veranstaltung gemeinsam mit dem Fahrlehrerverband organisiert, bei der Blinde und Sehbehinderte erleben können, wie es ist, selbst ein Auto zu steuern. Solche Veranstaltungen sind selten, weil man ein großes, abgeschlossenes Gelände braucht – und viel ehrenamtliches Engagement, besonders von den Fahrlehrern, wie Michael Knebel, 44, der Geschäftsführer des Vereins, sagt. Mit mehr als 40 Teilnehmern – zuzüglich Begleitpersonen – war es zugleich ein Hock mit Kaffee, Kuchen und Grill.

Gekommen aber waren alle, um auf dem Gelände eines Kellereibedarfs im Gewerbepark Breisgau einige Runden im Auto zu drehen – entweder zum ersten Mal, oder endlich mal wieder, denn viele Teilnehmer konnten früher sehen und auch selbst Auto fahren.

Fast wie eine ganz normale Fahrstunde

Als Viktoria und Bernhard im Auto sitzen, beginnt im Grunde eine ganz normale erste Fahrstunde – nur mit dem Unterschied, dass er ihre Hand führt, um ihr zu zeigen, wo sich der Wählhebel des Automatik-Golfs befindet. Rückwärts, Neutral, Vorwärts. Die Hände auf die Positionen 3 und 9 Uhr ans Lenkrad, etwas Gas, und Viktoria fährt Auto. Die Ansagen des Fahrlehrers beziehen sich nicht auf die Umgebung, sondern aufs Lenkrad: Jetzt ein wenig nach links, jetzt ganz nach rechts, so bleiben, und wieder gerade.



Der Kurs führt an riesigen Stapeln leerer Weinflaschen vorbei, durch Pylonenreihen im Slalom, in einen Wendehammer und zurück an der Firmenhalle entlang. Fünf bis sechs Fahrschulautos sind gleichzeitig unterwegs. Brenzlige Situationen gibt es nicht, selbst Ausflüge auf die holprige Wiese neben der Strecke sind Absicht. Rekorde werden keine aufgestellt, aber nur im Standgas umhergerollt wird auch nicht. Auf 20, 30, 40 Kilometer pro Stunde bringen es einige, auch Vollbremsungen sind zu sehen. Manche davon mit Absicht, manche, weil die Dosierung der Bremse noch ungewohnt ist – wie in jeder anderen ersten Fahrstunde auch.

Der Selbstversuch

Auch Viktoria stoppt den Golf beherzt und präzise am Ende ihrer Fahrt – und ist so restlos begeistert, dass ihr helles Lachen die Umstehenden ansteckt. Man könnte jetzt sagen, dass ihre Freude nachvollziehbar ist – aber das wäre gelogen. Als Sehender kann man sich Blindheit nicht vorstellen, auch eine starke Sehbehinderung nicht. Aber darauf ist Michael Knebel vorbereitet, und rückt eine Spezialbrille raus, die 10 Prozent Restsehstärke simuliert.

Mit ihr ist nur das Lenkrad noch als solches zu erkennen. Alles vor und neben dem Auto verschwimmt zu farbigen Flächen, die ineinander verlaufen. Die Flaschenstapel haben die selbe Farbe wie die Schatten, die sie auf die Fahrbahn werfen. Wenn es nicht klirrt, war es nur der Schatten. Es klirrt nicht.

Dann taucht links eine kleine Fläche auf, die etwas Orange schimmert – nur um sofort wieder aus dem Sichtfeld zu verschwinden und dann neben dem Außenspiegel wieder aufzutauchen: Pylon verfehlt, aber nicht mit Absicht. Nur mit Streckenkenntnis und Pfaffs Anweisungen ist der Slalomkurs zu meistern, die Farbkontraste allein reichen nicht aus.

Orientierungslos über die Strecke

Als Bernhard Pfaff, begleitet von einem Fahrlehrerkollegen, die Brille selbst ausprobiert, verliert er sogar vollkommen die Orientierung, obwohl er bereits mehrere Stunden auf der Strecke unterwegs war. Sein Kollege lotst ihn zurück. "Jetzt Stopp!" Pfaff stoppt. "Und nun guck mal, wo wir sind." Pfaff nimmt die Brille ab – und ist sprachlos. Er steht nur wenige Meter vor den Palettenstapeln, die den Eingang markieren.

Hier wartet bereits Viktoria. Sie will noch mal fahren, aber diesmal einen Wagen mit manueller Schaltung. Wieder beginnt alles wie eine ganz normale Fahrstunde, die Erklärung dauert etwas länger als bei der Automatik – und dann rollt sie davon, erster Gang, zweiter Gang. "Besser als manche Fahrschüler, die wir sonst so haben", sagt Bernhard Pfaff.