So ein Zirkus

Philipp Aubreville

Der Zirkus Krone ist zur Zeit mit Elefanten, Löwen, Clowns und Akrobaten in Freiburg zu Gast. fudder-Praktikant Philip besuchte zum ersten Mal seit mindestens zehn Jahren eine Zirkusvorstellung und fragte sich: "Bin ich überhaupt im richtigen Zirkusalter?" Und "Kommt gleich Heino auf einem Nashorn in die Manege geritten?" Ein Erlebnisbericht.



Das Wort "Zirkus" weckt bei mir verschiedene Assoziationen.

Einerseits verbinde ich diffus-positive Kindheitserinnerungen damit, andererseits sehe ich das Ganze nicht unkritisch:  Mir ist schon klar, dass ein Elefant vermutlich lieber in der Savanne abhängen würde als in einer Manage, und mir ist ebenfalls bewusst, dass Kinder nicht unbedingt zwischen klischee-triefenden Aufführungen von Haremsdamen und Kamelen und dem Alltag im arabischen Raum differenzieren können.




Doch als mich fudder-Kollege David fragt, ob ich einer Vorstellung des Zirkus Krone beiwohnen möchte, lasse ich Dialektik Dialektik sein, nehme das Angebot an und sitze an einem Dienstagabend neben einer Freundin auf der rotbestuhlten Zuschauertribüne. Mein letzter Zirkusbesuch liegt mindestens zehn Jahre zurück und ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was mir als Kind so an Unterhaltung geboten wurde. Eins weiß ich sicher: "Frisches Popcorn! Eiskonfekt! Bitte sehr! Für wen darf es noch frisches Popcorn sein?" wurde auch schon damals durch die Gänge krakeelt.

Damals musste ich meine Mutter anbetteln, deren oftmals ablehnendes Verhalten im Licht der heutigen Popcornpreise mehr als verständlich erscheint. War der Süßkram damals eigentlich auch schon so teuer?



Rhythmisches Klatschen, wie man es vom zufälligen Reinzappen in den Musikantenstadl kennt, reißt mich aus meinem Nostalgie-Strudel: Die Vorstellung beginnt. Neben dem Applaus stellt eine knallende Peitsche den Soundtrack zu einer Choreographie aller Zirkusartisten; Es ist ein großes Tohuwabohu. Die erste Nummer: Truppe Cantana. Fünf Kerle stellen sich zu einem menschlichen Turm aufeinander, auf dessen Spitze ein Mädchen im knappen, gesäßbetonenden Kostüm nach einem Salto Mortale landet.
Diese und auch die weiteren halsbrecherische Einlagen beeindrucken das Publikum. Mich inklusive. Und das, obwohl ich zur MTV-Generation gehöre und spätestens seit Hulk Hogan den Bezug zu Verletzungsgefahren aufsehen erregender körperlicher Aktivitäten verloren habe.

Der nächste Act ist weniger spannend, auch wenn es den Leute vor mir (40 Jahre älter als ich) und hinter mir (2 Mal 15 Jahre älter, plus vier Mal dreizehn Jahre jünger als ich) zu gefallen scheint. Ich hingegen finde Pudel und Dalmatiner, die auf Ponys reiten einfach langweilig.

Der gelungene Gag, eines der Ponys zu "Smoke on the water" headbangen zu lassen, wird leider vom bereits erwähnten Taktklatschen des Publikums ruiniert. Überhaupt, Karl Moik& Kollegen sind nicht weit entfernt.
Als einige Teenager ihren Pennäler-Humor ausleben und Mister Dalmatin hinterherpfeifen, wechseln das ältere Paar vor uns zwischen empörtem Kopfschütteln und absuchenden Blickschweifen hin und her. Oh je, Klischee.



Während in der Manege mittlerweile Elefanten Ringelpietz mit Anfassen spielen, bin ich noch völlig fasziniert von der Geschwindigkeit des Umbau-Teams: Die sind so schnell, als ob ihnen jemand Aufputschmittel ins Prä-Vorstellungsbier gekippt hätte.



Faszinierend ist auch die Vorstellung der Shaolin Kung Fu-Truppe. Nagelbrett, Latten- und Ziegelbrechen, der Sprung durch einen brennenden Reifen - was hier geboten wird, ist klassisch, aber vielleicht gerade deswegen nicht schlecht.

Von mir aus hätte es nur etwas weniger Folklore sein dürfen; sogar der Geruchssinn wird mit Raucherstäbchen auf Fernost eingestimmt. Während wieder wie auf Speed umgebaut wird, betritt ein Pausenclown die Szenerie. Dieser Dirk Bach mit Haaren begeistert mich eher weniger, denn was bei Leslie Nielsen cool ist, kann bei jedem anderen trotzdem peinlich sein.



Danach kommt Akrobat Crazy Wilson in die Manage. Der gebürtige Kolumbianer ist mir zunächst sympathisch; Seine waghalsige Nummer auf einem rotierenden Riesenrad hat wirklich Stil.
Leider verwandelt sich der mutige Artist plötzlich in einen Animateur, wie man ihn aus All-Inclusive-Hotelburgen am Mittelmeer kennt, und bringt das Publikum wieder dazu, im Takt zu klatschen. Ich frage mich, ob als nächstes Heino auf einem Nashorn in die Manage geritten kommt und die Flippers auf dem Drahtseil „Die rote Sonne von Barbados“ performen. Das passiert leider nicht.

Spannender als die folgenden Tanz- und Pferdenummern, bei denen endlos im Kreis gelaufen und rumgehampelt wird, wäre es aber allemal gewesen.



Später demonstriert ein Dompteur, dass er selbst den König der Tiere und ein ganzes Rudel seiner Gespielinnen im Griff hat. Ich denke an Siegfried und Roy. Kann Roy eigentlich schon wieder laufen?

Richtig konzentrieren kann ich mich auf die Show nicht; mich beschäftigt die Frage, ob es bei meinem letzten Zirkusbesuch bereits Leinwände mit Werbespots und filmischer Einführung der Raubtiernummern über der Manege gab.

Auf einer dieser Leinwände läuft nun ein Filmchen über King Tonga, einen von weltweit 37 weißen Löwen. Dieser lebt, laut Film, auch im Zirkus Krone "im Einklang mit der Natur". Meine Theorie, hier übe man sich in Selbstironie, wird auch dadurch nicht widerlegt, dass statt des klassischen Sprungs durch den brennenden Reifen ein dressurloses Rumsitzen in der Manege stattfindet.



Die Rückkehr des Dirk Bach-Pausenclowns leitet leider nur den Auftritt eines noch nervigeren Artgenossen ein, der sämtliche Witze ausreizt – von endlosen Tiergeräuschen bis zum wiederholten Ärgern einer Musikerin, deren Musizier-Versuche wieder und wieder von ihm unterbrochen werden.

Als er den Ausruf "Ahoi!" in ein Call and Response-Schema einbaut und nun abwechselnd "Mami" und "Papi" zum Mitmachen auffordert, wird mir schmerzlich klar, dass ich wirklich nicht im Alter der typischen Zirkuszielgruppe bin: Seniorenapplaus und Kinderlachen zeugen davon, dass ich ganz klar zur Minorität der Zuschauer gehöre, bei der dieser Auftritt körperliches Unwohlsein auslöst.

Als später das Licht angeht und so etwas wie Erleichterung in mir aufsteigt, muss ich feststellen: Ich bin zu alt für den Zirkus. Ich bin zu jung für den Zirkus.



Mehr dazu:

Zirkus Krone: WebsiteWas: Zirkus Krone
Wann: bis zum 17.06.2007; werktags um 15:30 und 20 Uhr; an Sonn- und Feiertagen 14 Uhr und 18 Uhr
Wo: An der neuen Messe