Snowkiten - Die Luft ist ihre Spielwiese

Sophie Guggenberger

In rasanter Geschwindigkeit über Schneefelder fegen, abheben und hoch empor durch die Lüfte gleiten - Adrenalin pur! Sie lieben das Spiel mit den Naturelementen. Die Rede ist von den Anhängern der exotischen Extremsportart Snowkiten. fudder-Autorin Sophie unterhielt sich mit der leidenschaftlichen Snowkiterin Nadine Kaiser aus Freiburg über ihre Passion, über die Entstehung und Geschichte des Snowkitens und über die erste Snowkiteschule auf dem Schauinsland.



Die Idee des Snowkitens, also nicht nur im Sommer auf dem Wasser zu kiten, sondern auch im Winter das Gefühl von Geschwindigkeit und Adrenalin zu verspüren, wurde in den neunziger Jahren erstmals auf dem Schnee praktiziert. Das Anstellen am Lift entfällt und Einschränkungen im Gelände gibt es beim Snowkiten auch nicht mehr. Wintersport ist nicht mehr nur talabwärts möglich, sondern dank eines Kites auch bergauf. Nadine Kaiser (26) hat in Freiburg Lehramt studiert und arbeitet für das Online-Magazin "Powderguide" sowie für das Sportgeschäft "Powdersports" in Freiburg. Nadine kitet seit fünf Jahren und hat gemeinsam mit Malte Herms die erste Snowkiteschule am Schauinsland initiiert.


Was ist Snowkiten?

Nadine: Stell Dir vor, Du bist ein kleines Kind und hast einen Lenkdrachen in der Hand. Den stellst Du Dir jetzt überdimensional groß vor. Der Drachen entwickelt einen enormen Zug und dann funktioniert das wie beim Segeln oder Windsurfen. Durch den Zug kannst Du Dich auf einem gleitenden Untersatz von A nach B bewegen. Die Möglichkeiten sind beim Snowkiten unbegrenzt: gemütliches Cruisen durch den Pulverschnee, steilste Berghänge hinauf brettern, aber auch Sprünge bis zu 200 Meter weit und 20 Meter hoch sind möglich. Auf gerader Strecke erreicht man sogar bis zu 80 Stundenkilometer.

Was benötigt man zum Snowkiten?

Nadine: Im Prinzip braucht man einen Kite, also den Drachen, und die Leinen dazu, die sind meistens zwischen 20 und 30 Metern lang. Dann eine Bar, das ist eine Stange, die der Kitesteuerung und der Kitekontrolle in Bezug auf Richtung und Kraftentwicklung dient. Desweiteren braucht man noch ein Trapez, das man um die Hüften hat – das sieht aus wie eine Windel – damit hängt man sich mit einem Hacken an der Bar ein, damit diese nicht davon fliegen kann. Ansonsten braucht man nur noch ein Sportgerät unter den Füßen, da ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt – vom Snowboard, über Skiern bis hin zu Snowblades.



Das hört sich nach einer Menge Equipment an. Was wiegt denn eine komplette Ausrüstung im Durchschnitt?

Nadine: Eigentlich wiegt es gar nicht so viel, denn der Schirm ist sehr leicht. Schirm, Bar und Trapez bringen zusammen etwa vier Kilogramm auf die Waage, mehr nicht. Dagegen ist das Windsurfmaterial deutlich schwerer.

Wieviel Geld muss man für eine komplette Ausrüstung einplanen?

Nadine: Die Anschaffung ist recht teuer. Ein einziger Kite reicht meistens nicht aus, da man die unterschiedlichen Windbereiche abdecken muss: Für wenig Wind braucht man einen großen Kite und für viel Wind einen kleineren. Ich selbst habe drei Kites in verschiedenen Größen: für viel, mittel und wenig Wind. Ein Kite kostet als Auslaufmodell zwischen 700 und 800 Euro und neu zwischen 1000 und 1500 Euro – und dann hat man erst den Drachen.

Wie lange dauert's bis zum ersten Erfolgserlebnis?

Nadine: Ein Basiskurs, den wir anbieten, dauert ein Wochenende lang, jeweils viereinhalb Stunden am Tag. Nach meiner Erfahrung wird man nach dem Basiskurs seine ersten Erfolgserlebnisse gemacht haben. Nach einem Wochenende kann man sicher schon nach links und nach rechts fahren, starten und landen, vielleicht schafft man sogar schon eine Wende. Aber am zweiten Tag zu wissen 'Ich fahre schon' ist ein tolles Gefühl für jeden Einsteiger.



Sollten Angfänger Skills aus anderen Wintersportarten mitbringen?

Nadine: Da haben wir lange hin und her überlegt, aber wir haben uns entschieden, dass die Kursteilnehmer bei uns ihr Sportgerät beherrschen müssen. Wer sicher auf Skiern oder Snowboard steht, wird auch mit dem Snowkiten keine großen Probleme bekommen. Dadurch können sich die Kiteanfänger wirklich voll und ganz aufs Kiten konzentrieren, auf das, was mit dem Drachen passiert, und müssen sich nicht zusätzlich auf ein ungewohntes Sportgerät unter den Füßen einstellen.

Kann man alleine Kiten?

Nadine: Wenn man gut ist, kann man es theoretisch auch alleine, aber meiner Ansicht nach, sollte man immer zu zweit Kiten gehen, denn auch wenn man gut ist, kann immer etwas passieren. Ich lege es jedem ans Herz, immer einen Partner dabei zu haben, denn es macht ja auch viel mehr Spaß mit anderen Leuten gemeinsam zu kiten. Aber ausschlaggebend ist natürlich der Sicherheitsfaktor. Anfänger sollten auf gar keinen Fall versuchen, alleine erste Erfahrungen zu sammeln. Es gilt nicht nur, einen Kite technisch zu beherrschen, sondern auch ein Gefühl der Selbsteinschätzung und Eigenverantwortung zu entwickeln.



Wie kamst Du darauf eine Snowkiteschule aufzumachen?

Nadine: Entstanden ist die ganze Idee aus einem Hirngespinst. Irgendwann im Spätfrühling hatte ich mich mit einem Kollegen von der Powdersports-Schule zusammengesetzt und den Entschluss gefasst, doch endlich etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Wir wollten nicht immer nur für andere ackern, sondern unser eigenes Ding aufziehen. Nach einigem Hin und Her, kamen wir darauf, eine Snowkiteschule aufzubauen. Inzwischen sind wir eine feste Gruppe von sechs Leuten, die sich um die Snowkiteschule am Schauinsland kümmert.

Warum zieht ihr die Snowkiteschule am Schauinsland und nicht am Feldberg auf?

Nadine: Powdersports hat schon immer eine Ski- und Snowboardschule am Schauinsland und dort – als einzige Schneesportschule – so etwas wie ein kleines Imperium. Dort haben wir einen guten Draht zum Bürgermeister und die Unterstützung der Liftleute. Aus dem Grund bietet es sich natürlich an, die Snowkiteschule auch auf dem Schauinsland zu etablieren. Die besten Snowkite-Spots im Schwarzwald hat auch der Schauinsland, da der Wind auf dem Feldberg viel böiger ist.

Wie sieht die Snowkite-Szene im Schwarzwald aus?

Nadine: Eine richtige Szene hat sich noch nicht entwickelt, es sind eher einzelne Grüppchen, die sich spontan zusammenfinden. Eine Szene, wie man es vom Snowboarden her kennt, gibt es in der Form noch nicht.

Wie gefährlich ist Snowkiten?

Nadine: Kiten ist nur dann gefährlich, wenn man nicht genug darüber weiß. Wenn man beispielsweise den Wind oder sein Material nicht richtig einschätzen kann oder wenn man sich leichtsinnig verhält. Eine Helmpflicht gehört genauso dazu wie das Verbot, in der Nähe von Stromleitungen oder Brücken und Bäumen zu kiten. Ansonsten ist das Snowkiten einfach eine Risikosportart wie jede andere Extremsportart auch.

Gibt’s für Anfänger im Snowkitebereich eine Altersbeschränkung?

Nadine: Die Leute, die bei uns anfangen zu Kiten, müssen volljährig sein, da es eben doch eine Extremsportart ist. Mit Gewicht und Größe hat es zwar nichts zu tun, aber wir sind einfach auf der sicheren Seite, wenn die Kursteilnehmer volljährig sind. Unter den internationalen Profis gibt’s natürlich viele, die deutlich jünger sind, also früh genug anfangen ist erlaubt, da gibt es keine Alterbeschränkung.

Was macht mehr Spaß: Snowkiten oder Kitesurfen?

Nadine: Snowkiten hat einige Vorteile gegenüber dem Kitesurfen: Kiten auf Schnee ist leichter als auf der Wasseroberfläche, da die geringere Reibung schon bei schwachem Wind ein rasantes Tempo ermöglicht. Unbequeme Wasserstarts fallen ganz weg. Und oft reicht schon das kleinste Lüftchen, um den Kiter in Bewegung zu setzen. In der Bergnähe hebt allein schon das Absinken der kalten Luftmassen am Morgen den Drachen in die Höhe.





Was:
Snowkiteschule Powdersports, Schauinsland
Kursangebot: Ein Einsteigerwochenende gibt’s schon für 140 Euro. Es besteht aus 2 Tagen Kurs (Theorie- und Praxisteil) inkl. Leihmaterial
Ansprechpartner: Nadine Kaiser
Web: Powdersports Schule

YouTube-Clips: Flysurfer / Tripleloop / Ozone Snowkiten



Zur Geschichte des Kitens

Der Ursprung des Kitens lässt sich auf verschiedene Sportdisziplinen zurückführen. Man findet im Kiten, als Mutter des Snowkitens, Elemente aus dem Kite-Buggyfahren, dem Wellenreiten, Windsurfen, Skateboarden, Snowboarden und dem Wakeboarden. Dies ist unter anderem auch der Grund dafür, dass sich viele Sportler der erwähnten Sportarten nicht nur für das Kiten interessieren, sondern auch ihr gesammeltes Wissen und ihre Bewegungserfahrungen in die Entwicklung dieser Sportart mit einbringen.

Die Idee, durch Drachen Gegenstände und Personen zu bewegen, ist so alt wie der Flug-Drachen selbst. Als den Vater des 'Traction-Kites' kann man den Engländer George Pocock bezeichnen. Ihm gelang es 1826 mit dem 'Char-Volant', einer Kutsche, die mit zwei von ihm entwickelten und patentierten vierleinigen Drachen gezogen wurde, sich mit einer Geschwindigkeit bis zu 20 km/h fortzubewegen und sogar gegen den Wind zu kreuzen.

Im Laufe der neuzehnhundertachtziger Jahre gab es mehr oder weniger erfolgreiche Versuche sich mit Kanus, Schlittschuhen, Wasserski, Alpinski, Rollerskates, etc. ziehen zu lassen. Der eigentliche Durchbruch des 'Traction-Kites' kam erst 1990 mit der Entwicklung des Kite-Buggys. Die Entwicklung des Kite-Buggyfahrens hatte einen großen Einfluß auf das Kitesurfen, da die Umsetzung vom Zug eines Drachens in Geschwindigkeit sowohl auf dem Land, wie auch auf dem Wasser ähnlich funktioniert.

Die Kombination von Drachen- und Boardsportarten führte zur Entwicklung des Kitesurfens. Ähnliche, teilweise auch identische, bewegungstechnische und koordinative Fähigkeiten, als auch materialtechnische Komponenten lassen sich in den oben genannten Boardsportarten ausmachen.

Seit 1998 kann man Kitesurfen als ernsthafte (Extrem-)Sportart betrachten. In diesem Jahr gelang es einigen Fahrern Höhe zu laufen bzw. hart am Wind zu fahren. Die ersten Kitesurf-Schulen wurden auf Hawaii eröffnet und es gab den ersten offiziellen Wettkampf auf Maui. In Deutschland schaffte der Sport 1999 seinen Durchbruch. Der VDWS (Verband Deutscher Windsurf- und Wassersportschulen) nahm sich dieser Sportart an, begann eine Lobby in Politik und Industrie aufzubauen und entwickelte ein Ausbildungskonzept. Man geht in Deutschland derzeit von ca. 10.000 Kitesurfern bzw. kitesurfinteressierten Menschen aus.

Das Kiten hat sich bereits in der Wassersportszene etabliert und sich seinen Platz in der Reihe der neuen Board- und Extremsportarten gesichert. Stetige Verbesserungen und Neuentwicklungen beim Material und bei den Lehrmethoden werden dazu führen, dass Kiten immer einfacher und vor allem sicherer zu erlernen sein wird.