Smartphone am Steuer: Verlockung versus Vernunft

Miriam Jaeneke

Seit 2004 ist es verboten, das Handy während dem Autofahren am Ohr zu haben. Vor zwei Jahren wurde das Bußgeld auf 40 Euro verdoppelt, seitdem gibt’s auch einen Punkt in Flensburg. Verboten ist es aber bereits, ein Handy überhaupt in der Hand zu halten – und das macht Sinn, sagt Hartmut Sprich von der Freiburger Polizei.



„Wenn die Kollegen vor Ort sehen, der Autofahrer hat ein Handy in der Hand, dann können sie schlecht nachweisen, dass er tatsächlich telefoniert hat. Deshalb reicht es aus, wenn er das Telefon in der Hand hält“, sagt Hartmut Sprich, Sachbearbeiter im Sachbereich Verkehr der Polizeidirektion Freiburg.


Und er erläutert den Hintergrund der verschärften Ahndung: „Das Bußgeld wurde verdoppelt und es gibt den Punkt dazu, weil man die Gefährlichkeit, die Ablenkung der Fahrzeugführer erkannt hat und dass hiervon eine Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer ausgeht. Der Fahrzeugführer ist einfach abgelenkt, wenn er SMS schreibt oder einen Anruf entgegennimmt." Laut einem Forscherteam am Virginia Tech Transportation Institute erhöht sich das Unfallrisiko durch SMS-Schreiben während des Autofahrens um das 23-Fache.

„Bei einem Unfall kommt zum Telefonieren mit dem Handy meistens noch eine andere Ursache dazu, sei es überhöhte Geschwindigkeit, sei es Vorfahrtsverletzung oder seien es Abstandsverstöße“, sagt Sprich. Diese andere Ursache entsteht nach Meinung von Fahrlehrer Sascha Fiek aber gerade erst durch das Handy am Ohr oder in der Hand:

„Eigentlich alle Unfalltypen können mit der Handynutzung zu tun haben, dass man beispielsweise die Geschwindigkeit nicht mehr so sehr beachtet, weil man abgelenkt ist und plötzlich in eine Situation kommt, wo man aufgrund von überhöhter Geschwindigkeit in einen Unfall kommt. Auffahrunfälle, kleine Vorfahrtsverletzungen, aber auch Fehlverhalten, dass man dann plötzlich mal gegen die Einbahnstraße fährt, sind alles Dinge, wo man aufgrund dieser kleinen Ablenkung nicht mehr reagiert.“

Statistische Unfalldaten hat Sprich keine. „Man bekommt keine Zahlen, die die Gefahrenlage darstellen würde, weil eben meistens noch andere Ursachen dazukommen. Und gehen wir mal davon aus, dass viele Unfallbeteiligte auch nicht zugeben, dass sie das Handy benutzt haben. Da kommt noch die Beweispflicht dazu, die wir dem Fahrzeugführer gegenüber haben, dass wir ihm nachweisen müssen, dass er vor oder während dem Unfall das Handy bedient hat.“

Indessen meldet das Kraftfahrt-Bundesamt einen kontinuierlichen Anstieg der Verstöße gegen Paragraph 23, Absatz 1 a der Straßenverkehrsordnung: 2011 wurden insgesamt 450.000 Autofahrer mit Handy am Steuer ertappt. Meist sind es Männer, doch der Frauenanteil wächst stetig – 2011 lag er bei 27 Prozent. Hartmut Sprich geht davon aus, dass die Verstöße weiter zunehmen werden, da sowohl die Zahl der zugelassenen Autos steigt als auch nach wie vor mehr Handys in Umlauf gehen.

Dass die Polizei dieser Entwicklung mit Kontrollen an mobilen Kontrollstellen begegnet, bekam auch ein Autofahrer zu spüren, der gerade erst bei der Fahrschule Fiek seinen Führerschein gemacht hatte: Als er von Freiburg in Richtung Tiengen fuhr und am Thermalbad vorbeikam, wurde er herausgewunken - mit Handy am Ohr. Zur Anzeige, den 40 Euro Bußgeld und dem Punkt in Flensburg kam ein so genannter B-Verstoß als Fahranfänger.

„Dann fährt der Junge zwei Stunden später zurück von Tiengen. Die Polizei hatte den Parkplatz gewechselt und stand auf der anderen Seite, hat ihn wieder angehalten, erneut mit Handy am Ohr.“ Fahrlehrerin Brida Fiek zählt auf: zwei Anzeigen in zwei Stunden, zwei B-Verstöße, das bedeutet einen A-Verstoß und damit eine Nachschulung und die Verlängerung der Probezeit von zwei auf vier Jahre.

„298,50 Euro, zwei Wochen Intensivkurs: ein Riesenzeitaufwand und sehr viel Geld, nur weil er nicht in der Lage war, sich eine Freisprechanlage oder ein Headset zuzulegen.“
Und das, obwohl das Thema im Unterricht ausführlich behandelt wird, sagt Sascha Fiek. „Die Notwendigkeit einer Freisprecheinrichtung erkennt eigentlich jeder, aber wenn's dann zum Schwur in der Realität kommt, sieht es oft anders aus.“

Das liegt nach Ansicht von Brida Fiek auch am schlechten Beispiel vieler älterer Autofahrer: „So nach dem Motto, das macht doch jeder. Die Alten machen es vor und die Jungen machen es halt nach. Wenn Sie durch Freiburg fahren, dann sind das in der Mehrzahl ältere Leute, die das Handy am Ohr haben, und zwar ganz ungeniert, nach dem Motto: Ach, das eine Pünktchen, wenn sie mich dann doch mal erwischen, wird mein Konto schon noch ertragen. Ich will die Jungen nicht in Schutz nehmen, aber es ist einfach auch die Vorbildfunktion, die fehlt.“

Dabei müsse man in Freisprechanlage oder Headset ja kein Vermögen investieren, sagt Brida Fiek. Sie muss es wissen, denn in diesem Moment ist sie im Auto unterwegs – mit Knopf im Ohr. „Das ist auch eine Ablenkung“, gibt Hartmut Sprich zu. „Aber die wird momentan noch toleriert.“

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