Slime im Crash: Punk oder nicht?

Matthias Cromm

"Slime ist eine einflussreiche deutsche Punkband", erklärt uns die Wikipedia. "Sie bestand zunächst von 1979 bis zur Auflösung 1994. 2010 spielt die Gruppe zum 30-jährigen Bandjubiläum mehrere Auftritte." Einen davon gab's am Donnerstag im Crash. Für Matze war's nicht der erste Slime-Gig. Wie's war:



Erst wollte ich ja gar nicht hingehen.

Immerhin habe ich die Band vor Jahren schon gesehen, das muss so um die 'Schweineherbst'-Zeit gewesen sein. Klar fand ich das damals grandios, ich war zarte 16 Jahre alt, zwar kein glühender Slime-Fan, aber Punk mit Frisur und allem was dazu gehört.


Reunion-Touren
altgedienter Helden aus der Jugend bergen für mich immer die Gefahr der Zerstörung meiner Liebe und der schönen Erinnerungen. Slime birgt noch gleich zwei weitere Gefahren: Sind die alten Männer noch wütend genug? Und: inwiefern ist das Publikum durchsetzt mit Dummproll-Volk, das einfach schon immer zu gerne simple Parolen mitgegrölt hat?

Parolenhafte Einfachheit wirft man Slime ja heute gerne vor, aber 1979 und 82 sah Punk und die Welt einfach noch anders aus. Wir waren jung und wütend. Das war schön, wild und voll von Abenteuern. Aber eben auch voller Widersprüche und vielleicht nicht immer bis zum letzten theoretischen Ende gedacht. Scheissegal! Punk oder nicht! Das Räng mit seiner Soulshow lasse ich Soul sein, auf geht’s also zu Slime ins Crash.

Nach der Arbeit wird erstmal der Kleiderschrank durchwühlt, dem Anlass gemäss müsste da doch noch ein passendes T-Shirt drin sein. Mist, alles nur Postpunk, Posthardcore, Elektro, Rockabilly und Country-Band-Shirts. Das einzige was auftaucht ist ein altes Hosen-Shirt von der Horrorshowtour. Erstes Konzert im Leben, aber wer nicht weiss, dass das Ding von 88/89 sein muss, hält mich vielleicht für einen Riesenidioten. Schwarzer Kapuzenpulli? Fehlanzeige, nur noch Westernhemden im Schrank. Ich ziehe eins an und verstecke das Hosenshirt drunter. Nietengürtel und ab die Post noch schnell was futtern, ich entscheide mich für Sushi, beim Essen denke ich darüber nach wie weit ich denn noch Punk bin.

Um zehn stehe ich vor dem Crash, die Vorband habe ich verpasst. Was mir aber weitaus mehr fehlt sind Kinderpunker die Billigbier saufend mit batteriebetriebenen Kassettenrecordern Deutschpunktapes hören, Geld schnorren und rumpöbeln. Seltsamerweise sind überhaupt keine Kinderpunker da.

Dafür taucht eine gute Freundin auf, bunte Haare, beschmierte Lederjacke, Nieten, Aufnäher, iPhone in der Hand. Es fällt uns beiden gleichzeitig auf: Ich bin ja ein toller Punk, hier mit dem iPhone rumzufummeln, wann kommen die anderen? Genau jetzt, also nichts wie rein, an die Theke. Ganz vergessen wie hier das Bier war, seit dem Fall der Sperrstunde in Freiburg war ich nicht mehr im Crash.

Mit der Brühe im Plastikbecher komme ich gerade recht zum Showbeginn, "A.C.A.B." tönt es von der Bühne und aus dem reichlichen Ü-30 Publikum. Von gealterten Punks bis zu Typen im Sakko ist von allen Geschlechtern jede Lebenslage anwesend. Hinter mir unterhalten sich ein paar Sozpeds mit Lehrern über die Jugend von heute. Vor mir sind die Fäuste sind in der Luft und vor der Bühne bildet sich ruckzuck ein schöner Pogomob. Die Crashanlage ächzt am Maximum, eigentlich zu leise für Punkrock aber die Band steckt erfreulicherweise dermaßen voll Wut und Energie, dass der schmuddelige Keller vor Sound fast Überquillt.



Immerhin fehlen nur zwei der alten Bandriege, zu meinem Bedauern auch Stephan Mahler, der ab 1981 am Schlagzeug saß und die Band musikalisch entscheidend von relativ simplem, druckvollem Punk in Richtung wütendem Midtempo-Hardcore beeinflusst hat. Mahler ist für mich einer der spannendsten Musiker im Punkrock, unter seiner Mitwirkung entstanden nicht nur die 80er Jahre Legende "Torpedo Moskau" sondern auch weitere erste deutsche „prä-emocore“ Blaupausen wie "Das Moor" und "Angeschissen", die den Grundstein für ein neues Punkverständnis geschaffen hat. Bassist Eddi Räther ist ersetzt durch Nici von der Bremer Band "Die Mimis", ebenfalls eine altgediente Punkrockinstitution.

Lineup und Songauswahl lassen kaum Grund zur Klage, Sänger Elf steckt voller sympathischer Spielfreude und die Band präsentiert einen Querschnitt aus beiden Ären der Band, Punk von 79 bis 85, Kracher wie "Polizei/SA/SS", "Deutschland muss Sterben" und die neue Qualität von 90 bis 94 die im Meisterwerk Schweineherbst gipfelte. Damit war nach Meinung der Band alles gesagt und man löste die Band so richtig und erstmal für immer auf.

Aber jetzt sind sie noch mal da und das Publikum nimmt das Angebot begeistert an, denn obwohl die meisten Fans aus alten Tagen sind, sehen viele Slime heute zum ersten Mal. Gegen Ende des Konzertes gibt's sogar Songs vom Index und das grandiose "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Ich schaue in verschwitzt-glückliche Gesichter.

Ich bin auch zufrieden.

Viel besser als befürchtet, sogar viel besser als gehofft. Und in mir macht sich das Gefühl breit, dass Slime aktueller sind, als wir alle wahrhaben wollen, vieles keine Lösung hat, das Einfachste nicht immer das Falscheste ist und mehr als ein Körnchen Wahrheit in Slime steckt.

Also: Weg mit dem Scheisssystem! Fäuste hoch, Punk oder nicht?

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