Slam-Poesie: Wenn sich demenzkranke Menschen wieder an den schönsten Moment ihres Lebens erinnern

Maria-Xenia Hardt

Ein Poetry Slam in einem Altenpflegeheim in der Wiehre. Bühnenpoeten, die mit demenzkranken Menschen singen und Gedichte aufsagen. Alzpoetry nennt sicht das Konzept, mit dem der bekannte Poetry Slammer Lars Rippel nach Freiburg gekommen ist. Wie hat das funktioniert?

Sozialarbeiter, Altenpfleger, Praktikanten, Poeten – eine bunt gemischte Gruppe hat sich in der Wiehre im Heinrich-Hansjakobs-Haus (HHH) um einen Mann mit Mütze und großer Brille geschart: Lars Ruppel (25, mitte) ist einer der bekanntesten deutschen Poetry Slammer, meist auf größeren und kleineren Bühnen unterwegs – manchmal aber auch in Altersheimen. Dort verbreitet er das aus den USA importierte „Alzpoetry“-Konzept: Mit bekannten Gedichten, Volksliedern und Versen soll bei Demenzpatienten die Erinnerung angeregt werden.


Nach Freiburg hat ihn Simon Felix Geiger eingeladen, der selbst Poetry Slammer ist, zur Zeit im HHH arbeitet und die ganze Geschichte ins Laufen gebracht hat. Vor der eigentlichen Session im benachbarten Marienhaus gibt Lars Ruppel im kleinen Kreis einen Workshop – die Teilnehmer haben ganz unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen.

Annika
studiert Soziale Arbeit und absolviert ihr Praxissemester im HHH. Sie mag es, „wenn Leute sich gut ausdrücken können“, würde das selbst gern besser können und „hat richtig Bock auf den Workshop und die Session“.

Lars ist begeistert.

Die Mitarbeiter des Marienhauses
erzählen von Demenzkranken, die anfangen, Gedichte zu rezitieren, wenn man ihnen einen guten Morgen wünscht. Sie sind gespannt, welche Literaturschätze wohl noch so zu Tage kommen werden.

Lars ist begeistert.

Ein junger Mann
scheint nicht ganz so motiviert, erinnert sich nur an „langweilige Gedichte aus der Schule“.

Lars ist trotzdem weiterhin begeistert und verspricht: „Ich werde dir andere Texte zeigen und du wirst es lieben!“

Poesie macht Spaß!

Poesie, das ist die Botschaft, macht jede Menge Spaß. Poeten, Praktikanten und Pfleger machen Lars alles klaglos nach: das „kleine Gesicht“, das „große Gesicht“, locker Schütteln der Gesichtsmuskeln, Zählen von eins bis acht, während das Gefühl in der Stimme langsam von „mir ist alles egal“ zu „wütend“ und wieder zurück kippt und ein letzter Schlachtruf: „Ich bin scheiße, ich bin ein Pinguin und ich kann gar nichts.“


Kurz vor der Session werden dann noch einige Gedichte durchgegangen. „Ich fange recht gern mit Brechts `Erinnerung an die Maria A.´an“, sagt Lars, „weil es ein sehr ruhiges Gedicht ist, das eignet sich gut zum Einstieg.“

Klassische Gedichte und Abzählreime

In der Session mit acht Alzheimerpatienten sind solche klassischen Gedichte ebenso vertreten wie einfache Abzählreime. Immer wieder können die älteren Teilnehmer einzelne Teile oder Verse mitsprechen.

"Rhythmus ist etwas sehr Einprägsames“, erklärt Lars. „Mit Rhythmus können wir auch demenzkranke Menschen erreichen. Da reicht mitunter schon ein Vierzeiler." Die bekannten Zeilen wecken Erinnerungen. Ist die Schatztruhe einmal geöffnet, können manche auch Fragen nach der schönsten Sache in ihrem Leben beantworten, oder nach einem Ort, an den sie fliegen würden, wenn sie Flügel hätten.

Auch die, die auf die Fragen nichts zu sagen wissen, machen keinen abwesenden Eindruck. "Ich fand es auffällig, wie wach alle waren", sagt die Sozialarbeiterin Theresia Müller nach der einstündigen Sitzung. "Es gab wirklich eine permanente Aufmerksamkeit, auch bei denen, deren Krankheit schon fortgeschritten ist."

Wie viel jemand rezitieren kann, spielt keine große Rolle: "Jeder ist Teil des Ganzen", sagt Lars Ruppel. "Egal, wie viel er noch weiß. Durch die Wiederholungen können alle mitmachen, dieses Call-and-Response-Prinzip gibt allen das Gefühl, wirklich dabei zu sein. Mir eröffnet es außerdem die Möglichkeit, auch anspruchsvollere Gedichte einzubinden. Auch wenn sich die Patienten nicht explizit an diese Texte erinnern, werden sie durch das Nachsprechen wieder zu ihrem Gedicht.“

Simon Felix Geiger
will auch weiterhin mit Alzheimer-Patienten arbeiten, denn nach dem ersten Versuch in Freiburg waren alle Teilnehmer begeistert.

Lars sowieso.

Für Christoph Nestler, Pflegehelfer im Marienhaus, war die Alzpoetry-Session eine außergewöhnliche Erfahrung. Er mutmaßt, dass es den älteren Teilnehmern genauso ging: „Ich glaube, für die Demenzpatienten war das ein bisschen wie Ferienfreizeit. Wenn man sie aus dem Alltag herausholt, merkt man immer wieder, wie viele Erinnerungen doch noch da sind.“

Sei es nun an die Marie A. oder an ganz andere Dinge.

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