Skype, Wii und Midi: Wie die Musikhochschule Freiburg neue Technik nutzt

Manuel Lorenz

Die Musikhochschule Freiburg ist längst in der Hightech-Gegenwart angekommen. Am Donnerstag zeigte Klavierprofessor Christoph Sischka dort, was Lehrer, Schüler, Forscher, Komponisten und Interpreten mit der Technik von heute bereits alles machen - und was in Zukunft noch möglich wäre.



Ding! Ding! Ding! Eine unsichtbare Hand drückt immer wieder dieselbe, hohe Taste hinunter, sodass der Student am Konzertflügel abrupt innehält. „Ein bisschen ruhiger. Und atmen Sie während des Spiels“, sagt eine Dame, deren Bild ein Beamer an die Wand wirft. Der Student protestiert: „Ich weiß, da steht ‚moderato’. Aber das ist erst im Nachhinein hinzugefügt worden.“ Links von ihm steht ein Laptop, schräg hinter ihm eine Webcam.


14:30 Uhr, Musikhochschule Freiburg, Raum 105. Zwanzig Studenten sind gekommen, um einer sogenannten Remote Lesson – einer Unterrichtsstunde aus der Ferne – beizuwohnen. Hier der Klavierstudent Dominik Stadler, der gerade die ersten Takte von Haydns Sonate F-Dur Hob. XVI/23 gespielt hat, dort, in einem Übungsraum der Musikhochschule Frankfurt, die Klavierprofessorin Irina Edelstein.



Skype sei Dank können sich beide hören und sehen. So weit, so unspektakulär. Das tun täglich Millionen von Menschen. Atemberaubend hingegen ist die Technik, welche die beiden Flügel miteinander verbindet – den in Frankfurt mit dem in Freiburg. Die beiden Disklaviere, um genau zu sein. Denn: Die Instrumente stellen den Ton zwar ganz normal – akustisch – her, Lichtschranken messen aber die Geschwindigkeit ihrer Hämmer und Tasten, sodass der Ton originalgetreu aufgenommen werden kann. Andersherum ermöglichen es Magnetspulen, den Ton dann wieder originalgetreu wiederzugeben. Gespeichert wird das Ganze in einer Midi-Datei – so klein, dass man sie problemlos als E-Mail durch die Gegend schicken kann.

Student Stadler setzt erneut an, spielt und bringt sowohl in Freiburg als auch in Frankfurt gleichzeitig zwei Flügel zum klingen. Ding! Ding! Ding! Nach wenigen Takten unterbricht ihn Professorin Edelstein ein zweites Mal. Sie sagt irgendetwas, aber das Internet zerhäckselt ihre Stimme, es kommen nur unverständliche Bruchstücke in Freiburg an. „Ich kann Sie nicht verstehen“, sagt Dominik Stadler, und alle lachen. Neue Technik ist immer gut für Slapstickmomente, das hat schon Charlie Chaplin in „Modern Times“ vor Augen geführt. Houston, we have a problem. Aber dann steht die Leitung wieder, und Irina Edelstein wiederholt ihre Anmerkung: „Ich habe immer noch Probleme mit Ihrem Rhythmus, aber vielleicht ist das auch der Computer.“ Gelächter.



„Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagt der Freiburger Klavierprofessor Christoph Sischka und zählt auf, was jene Technik alles ermöglicht. Interpretationen können festgehalten, visualisiert und bis ins kleinste Detail hinein auseinandergenommen werden. Das hilft Lehrern dabei, ihren Schülern noch deutlicher machen zu können, welchen Lauf sie schludrig genommen haben und wo sie unsauber gelandet sind. Wissenschaftler können unterschiedliche Interpretationen – Stichwort „Horowitz-Faktor“ – endlich auf einer seriösen Datenbasis miteinander vergleichen. Und Komponisten stehen dadurch ganz andere Klangmöglichkeiten zur Verfügung. Otfried Büsings Midi-Klavierstück „Orion“ hört sich zum Beispiel an, als ob der Boardcomputer HAL aus Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ musikalisch Amok läuft. Menschenhände wären dazu nie in der Lage. Zu viel, zu schnell, zu alles. „Wow!“, entfährt es einer chinesischen Studentin.

Dann steht die Gesangsstudentin Katharina Schwesinger vorne und hält – ja! Tatsächlich! – den Controller einer Nintendo Wii in der Hand. Auf ihr Kommando fängt der Flügel an, Lehárs Kunstlied „Einer wird kommen“ zu intonieren; nach ein paar Takten setzt die Sopranistin ein. Mit dem Wii-Controller steuert sie den Flügel. Dreht sie die Hand nach links, wird die Taste sanfter nach unten gedrückt, dreht sie sie nach vorne, schneller. Applaus, sowohl in Freiburg als auch in – immer noch zugeschaltet – Frankfurt. Sischka: „Damit wollen wir den Korrepetitor nicht arbeitslos machen, sondern Sängern ermöglichen, sich besser auf den Unterricht vorzubereiten.“



Eine gar nicht so abwegige Zukunftsvision: Der Starpianist Lang Lang spielt in der New Yorker Carnegie Hall ein Recital mit Werken von Bach, Schubert, Chopin and Liszt. Er hat sich dazu überreden lassen, auf einem Disklavier zu spielen. Dieses ist verbunden mit zig anderen Disklavieren weltweit: in anderen Konzertsälen und Theatern, in Kinosälen, in Schulen, in Wohnzimmern.

Lang Lang
betritt das Isaac Stern Auditorium. Full House. 2800 Zuschauer. Applaus. Er geht zum Flügel, verbeugt sich in Richtung des anwesenden Publikums – und in Richtung einer Webcam schräg hinter dem Flügel. Alle, die zugeschaltet haben, sehen ihn. In HD, 3D oder ähnlichem. Dann setzt er sich ans Disklavier, hält kurz inne und schlägt die ersten Töne der Partita I in B-Dur an. Wow! Und auf der ganzen Welt erklingt auf unzähligen Konzertflügeln dasselbe Lang-Lang’sche Bach-Präludium.

 

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[Bilder: Jürgen Leuchtner / Musikhochschule Freiburg]