Sinnkrise eines angehenden Lehrers

Markus Steidl

Markus Steidl studiert Deutsch und Geschichte auf Lehramt. Mittlerweile ist er sich nicht mehr ganz sicher, ob dies eine gute Entscheidung war. In dieser Abhandlung erzählt Markus sprunghaft und prägnant zugleich, warum er zweifelt. Ein Essay über die Leckmich-Haltung, Abtackern von Anwesenheitspflicht und Referate mit dem Verständnispresslufthammer.



Mediale Verbreitung von Literatur. Vorlesung über Arbeitsfelder neuerer deutscher Literaturwissenschaft. Es ist interessant, nur leider nicht meine Uni, sondern die HU Berlin. Der Dozent, ein älterer Mann namens Schütz, macht oft Zerstreutheitspausen und erzählt und erzählt und erzählt. Gerade ist er beim in Marbach befindlichen Nachlass von Hans Blumberg angekommen, vor einigen Sekunden hat er noch einen Querverweis auf die deutsch-französische Geschichte getätigt.


Warum der Mann soviel weiß, ist nicht ersichtlich, und genauso wenig schafft er es, sein Wissen zu vermitteln. Einfach weil er so vom Gefühl her eher an Emmett Brown aus „Zurück in die Zukunft“ erinnert. Würde mich nicht wundern, wenn er jetzt anfangen würde, von Fluxkompensatoren und Marty McFlys Eltern zu babbeln.

Vor mir sitzt eine etwas dickbeinige, rothaarige, zukünftige Deutschlehrerin mit verschiedenfarbigen Textmarkern. Rein zufällig hat die Frau Karl Philipp Moritzens „Anton Reiser“ auf dem Tisch liegen. Genau das musste ich in den Semesterferien lesen, als Vorbereitung auf ein NDL-Seminar in Freiburg. Das Buch ist ein knapp 500 Seiten dicker Entwicklungsroman vom Ende des 18. Jahrhunderts, in dem die Gesamtheit des Lebensabschnittes von Geburt bis zu einem wichtigen Einschnitt in der Laufbahn des jungen Anton Reiser erzählt wird.

Jede einzelne psychische Wendung, jede, wirklich jede Gefühlsregung dieses jungen Menschen, wird haarklein beschrieben, und jede dieser Regungen bedingt andere Regungen, die im Übrigen fast ausnahmslos in Depression enden. Insgesamt liest man sich durch vier große und etwa vierhundert kleine depressive Phasen des Hauptdarstellers, bevor er zum Schluss eine weitere, keine finale, nur irgendeine, weitere Enttäuschung erlebt. Und aus ist. Ein wichtiges Werk. Unbedingt. Leider einfach sehr langweilig.

Lehramtsstudent bin ich auch. Seit nunmehr einem Jahr versuche ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, irgendwann vor Kindern und Jugendlichen zu stehen und ihnen vorzugaukeln, dass das, was ich mit großer, sagen wir, Zurückhaltung, lese und mir zwanghaft aneignen muss, für ihre Zukunft kreuzwichtig sei.

Obwohl. Habe ich „Anton Reiser“ in der Schule gelesen? Habe ich den Agathon von Chr. M. Wieland in der Schule gelesen? Habe ich nicht. Werden Schüler vielleicht auch nie. Es ist mir völlig klar, dass man in den Fachseminaren keine Unterscheidung zwischen den Abschlusszielen der Studenten treffen kann, alle müssen ja in allem ausgebildet sein.

Aber irgendwann hätte ich schon gern mehr als insgesamt zwei Pädagogik-Seminare, aufs ganze Studium gesehen, erlebt. Dass ein zwei Jahre dauerndes Referendariat einen bereits fertig studierten Lehrer genügend darauf vorbereiten kann, 20-40 Jahre lang Kinder zu unterrichten, kann ich noch nicht wirklich nachvollziehen.



Entweder ist man gut und wird entsprechend bewertet, oder man ist raus. Ich erinnere mich gern meines Mathematiklehrers. Ich habe keine Ahnung von Mathe, bin vermutlich auch der einzige Mensch, der es geschafft hat, in diesem Fach 0 Punkte aus der mündlichen Abi-Prüfung mit nach Hause zu nehmen.

Allerdings kann ich mir durchaus vorstellen, dass der gute Mann in seinen Erziehungswissenschaftsseminaren geschlafen haben muss, oder entschieden hat, das sei alles Blödsinn. Wahrscheinlicher ist aber, dass er schon kurz nach seiner Referendarszeit vergessen oder verdrängt hat, dass es komplexere Wege und Begriffe davon gibt, wie mit Schülern umzugehen ist, als ein schlichtes „Mach jetzt, was ich dir sage, oder du machst das Doppelte daheim“.

Aber das Für und Wieder von der Verbeamtung von Lehrern zu besprechen, hat jetzt noch nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden (und auch nicht den richtigen Beurteiler).

Etwas anderes: Studenten. Der Stift schwankt vor Kontrollverlust und schlafen kann ich auch nicht, wenn ich daran denke (ich habe Zitate von Oscar Wilde und Bertolt Brecht aufs Brutalste vermischt, wie Sie sehen können). Studenten sind wohl die heterogenste Gruppe von Menschen, auf die man Zeit seines Lebens stoßen kann, das können Sie mir getrost von den Lippen weg glauben. Autofahrer sind beispielsweise auch eine große Gemeinschaft, aber beim Autofahren sind sie alle gleich. Ich weiß das. Ich bin Mitfahrgelegenheits-Poweruser.

Beim Studieren sind Studierende aber keinesfalls auch nur annähernd verwechselbar miteinander, sondern, und jetzt kommt der springende Punkt, auf eine Menge von kleinen Schnittstellen angewiesen, von denen sie ihre Sozialisierung abhängig machen. Steile These, ich weiß, aber durchaus logisch nachvollziehbar.

Der kleinste und hervorstechendste gemeinsame Nenner von Studenten ist natürlich das jeweilige Fach. Die marxistische Behauptung „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ ist etwas, das hier, meiner bescheidenen Meinung nach, größtenteils greift, in der folgenden abgewandelten Form: „Das Studienfach bestimmt das Verhalten und die Leben- und Arbeitsweise eines Studenten“.



Wie bereits gesagt, gibt es natürlich Ausnahmen, sonst hätte sich die gesamte juristische Fakultät der Uni Freiburg vermutlich schon vor Jahren gegenseitig zerfleischt oder hätte zumindest nur noch völlig zerrissene oder geschwärzte Bücher in der Bibliothek stehen. Aber folgende Beispiele werden die Regelhaftigkeit meiner Behauptung bis zur Maxime stützen und verständlich machen.

Eines schönen Junimorgens beschließt ein junger Herr namens Georg, der gerade in Wien seine österreichische Matura gemacht hat, Soziologie zu studieren. Ja! Da wird schon geschrien: „Klischeereiterei!“ Aber ich betrachte die Soziologie keinesfalls als ein totes Tier, das für jegliche Späße aufnahmefähig wäre. Es werden auch noch weniger klischeehafte Aussagen kommen, ich gelobe! Also: Georg will Soziologe werden.

Er bewirbt sich und wird an der Uni Freiburg schließlich genommen. Georg bemerkt, pro Woche nur 12 Stunden in Vorlesungen und Seminare gehen zu müssen, von denen sein Beifach Alte Geschichte sogar nur vier einnimmt. Gut, denkt Georg. Fange ich halt an zu kiffen, das kostet viel ungeliebte Freizeit, und hinterher gibt es noch mindestens eine Stunde spannende Alltagsbetrachtungen im Kopf, die ich dann an die Wände meines Zimmers schreiben oder morgens in „Urbanes Leben“ in Bruchstücken vortragen kann.

Flugs wird Georg unhygienisch, lässt sich die Haare wachsen, bekommt von ganz alleine Dreadlocks und spielt Gitarre auf dem Augustinerplatz. Sie sehen, das geht ganz ohne Motivation. Im nächsten Schritt wird es sogar noch leichter.

Georg lernt in seinem zweiten Semester die hübsche Erstsemesterin Martina kennen. Er nimmt sie ein oder zwei Mal auf Goa-Parties in irgendeinem Waldstück mit. Dort werden ihre guten Sportschuhe natürlich wahnsinnig matschig, weswegen sie sich schon so früh angewöhnt, auch in unwegsamem Gelände barfuß zu gehen, weil man einen schmutzigen Fuß leichter abwaschen kann als einen schmutzigen Schuh.

Wie das aber mit Schmutz so ist: er kommt wieder, und so hat es auch bei Martina bald ein Ende mit der gemeinen täglichen Duscherei, die Bequemlichkeit der Kleidung wird dem Design vorgezogen, die Haare werden immer länger, überall, und bald kann man Martina, die sich wegen ähnlicher, aber nicht der gleichen Zufälle mittlerweile Aurora nennt, kaum mehr von Georg unterscheiden.



So geht das zweifellos auch in anderen Fächern vonstatten, aber vor allem: ewig so weiter. Da kann man überhaupt nichts gegen machen, obwohl das jetzt ja (huch!) viel klischeehafter geklungen haben muss als ursprünglich geplant. Ich hoffe, dass jetzt zumindest grundsätzlich ersichtlich wurde, warum Freunde, die anfangen, Medizin zu studieren, immer schicker und schicker werden, Prada-Taschen und Stöckelschuhe tragen (auch die Männer!) und den von jeher übernommenen Glauben nach außen tragen, Naturwissenschaften UND VOR ALLEN DINGEN die Medizin seien ja die einzig „richtigen“ Fächer, die es gibt, und Deutsch oder Geschichte seien grundständige Lächerlichkeiten und gehörten standrechtlich ausgelacht.

Wir sehen, wenn niemand mehr der Herren und Damen Lehrbücher korrekturliest oder für sie und andere historisch festhält, dass die Sache, Homosexualität als Krankheit zu betrachten, vor Jahren schon einmal ein paar Leuten in den Kopf gekommen ist, das ganze aber, o Wunder, ein gesellschaftlicher Griff in eine sehr tiefe Kloschüssel war.

Übrigens auch ein Stilgriff, den man richtig als „Hyperbel“ benennen kann, wenn man Germanist ist. Als Biologe ist man da ziemlich angeschissen, zumindest, wenn man seine Schulbildung nicht in spätere Lebensphasen mitgenommen hat.

Ich studiere, wie bereits erwähnt, Deutsch, außerdem Geschichte, beides im Hauptfach. Während sich, glaube ich, in Geschichte niemand so wirklich sicher ist, welchem Klischee er sich anpassen soll, weil es, seien wir ehrlich, für Geschichte einfach nicht genügend Vorurteile gibt, ist das bei den Germanisten schon etwas anderes. Hier gibt es drei bis vier verschiedene Möglichkeiten, sich einer Gruppe anzuschließen, die in Form und Farbe einander gleich ist. Wenn man blond und weiblich ist, kann man sich beispielsweise eine Jeansjacke mit lavendelfarbenen Nähten kaufen, schlichte Hosen und weiße Nike-Sneakers und sich so in die „Frische-Abiturientinnen-mit-erster-Studentenwohnheim-WG“-Gruppe eintun, in der man unter anderem viel Spaß hat.

Unter Umständen und unter anderem. Fast wäre das jetzt ein Satz aus Alliterationen geworden, aber „anderem“ muss einem ja jetzt unbedingt den Spaß verderben. So ist eben das harte Leben der in der deutschen Sprache sich Vertrottelnden.



Eine zweite Germanistenfraktion ist die metweintrinkende In-Extremo-hörende, schwarze Lederkluften herzeigende Langhaarigengemeinschaft, die man vorzugsweise in Seminaren zu mittelalterlicher Literatur antrifft. Die gibt’s übrigens auch bei den Historikern, aber gefährlich scheinen sie nicht zu sein. Wenn sie einem auch viel zu häufig Einladungen zu Pen&Paper-Rollenspielen aufdrängen.

Das Perverseste (und ich benutze diesen Ausdruck in seiner pathologisch ungebräuchlichsten Bedeutung) sind aber leider trotz allem erfahrenere Studierende, die wohl schon irgendwo irgendein fruchtloses Studium der klassischen Archäologie, oder noch besser, BWL, absolviert, und sich dann aber noch in den letzten Zügen ihrer Jugend, also, bevor sie 30 werden, entschließen, nochmal einen Magister in „irgendwas Allgemeinbildungsmäßigerem“ zu machen.

Das Schlimme an diesen notorischen Kleinredern ist, dass sie aufgrund ihrer Erfahrung mit dem Verwaltungsapparat von Universitäten derartig geringschätzig und mit einer Leckmich-Haltung unbeschreiblichen Formats an ihr Zweitstudium herangehen, dass es einem schon den Tag versauen kann, daran zu denken, dass man sich gleich wieder einer dieser arroganten Nasen gegenübersitzen sieht, verzeihen Sie die Wallungen.

Es wird ge-pff-t, wenn die Seminaranforderungen mitgeteilt werden, süffisantes Lächeln und eine Gewissheit der Nichterfüllung bzw. schludriger Erarbeitung der Hausarbeitsthemen zeichnen sich in den Gesichtern ab. Schlimm nur: Diese Arbeitshaltung ist eben erfahrungsgemäß ebenso effizient wie hingebungsvolles Pflichtbewusstsein.

Den Schein kriegen ja meistens alle, die sich nicht blöd anstellen, was selten synonym mit „mitarbeiten“ ist. Den Dozenten ist das bekannt, natürlich, und so werden die Uni-Stunden zu einem moralfreien Abtackern von Anwesenheitspflicht, obwohl man meist ähnlich viel mitgenommen hätte, wenn man zuhause im Bett von Piraten und Drachen geträumt hätte.

Die Schuld dafür liegt teilweise natürlich bei den Seminarteilnehmern, mindestens genauso sehr allerdings an den Dozenten selbst, die Sanktionen für Faulheit vermutlich als Zeitverschwendung betrachten. So kommt eins zum anderen und aus evolutionären Gründen, die nicht näher zu erklären sind, entsteht ein Produkt allseitigen Minimalaufwands, das man einfach getrost abschaffen könnte. Das Referat!

Gefährliches Halbwissen, gepaart mit Lustlosigkeit und Nervosität, und schlichte Wiedergabe der Sekundärliteratur gebären studentische Vorträge, die zu Recht auf höchstens 6 offene Ohren stoßen, von denen im seltensten Fall einmal zwei am Kopf des Profs gewachsen sind, und die selbst auch nach spätestens 10 Minuten aus Aufmerksamkeitsschwund in einen tiefen, merkbefreiten Schlaf fallen.

Mit ein Bisschen Mut kann man das ein oder andere Referat also durchaus als philosophisch nichtexistent bezeichnen, da sie die universitäre Version der Frage sind, ob ein Baum, dessen Fall niemand gehört oder bezeugt hat, überhaupt ein Geräusch von sich gegeben hat. Diese Menschen sind die zukünftigen Erzieher Ihrer und meiner Kinder.

Meine Vermutung ist fast, dass diese Verhältnisse nie besser, sondern eher finsterer waren, weiß man schließlich, dass Universitäten in den 60er Jahren eher Diskutier- oder linke Demonstrierklubs waren, in denen auch ordentlich was weggequarzt wurde. Zumindest ereilt mich dieser Verdacht manchmal.

Es gab in meiner Schulzeit übrigens durchaus Lehrkörper, die wahre Kapazitäten waren und immer noch von mir hochgeschätzt werden, nicht, dass das jemand falsch versteht. Ich kann nur nicht glauben, dass die meisten Lehramtsstudenten, die ich kenne, irgendwann richtig gute Lehrer werden, wobei es natürlich auch Ausnahmen gibt.

Schon in meinem Bekanntenkreis existiert ein Student, der, wie ich behaupte, ein meisterhafter Pädagoge und Geschichtslehrer werden wird, aufgrund seines Interesses für das Fach und den Beruf, den er damit anstrebt, und seiner Neigung zum Befehlen und Lehren.

Dass der Mann zusätzlich Marineoffizier ist und trotzdem noch ein geistiges Interesse an der Welt hat, in der er lebt, schreibt ihn letztendlich sowieso von jedem Klischee frei. Ich befürchte aber, dass er nicht an eine Schule, sondern an eine Universität gehen wird, um sein Wissen zu vermitteln. Genau das könnte das Problem sein: die richtig guten Pädagogen lehren an den Unis Pädagogik.



Man sollte diese Leute bitten, einen Nebenjob als Lehrer anzunehmen. Alle Probleme wären gelöst (wirklich, alle!): Schlaue, verständige Kinder, kein Studentenüberschuss mehr, kleinere Hörsäle, weniger Studiengebühren, mehr Platz in der Straßenbahn, oder auch Lehrer, die keine Esoteriker-Ömchen sind, die nach dem hinterhergeworfenen PH-Abschluss (oh oh!) als Berufsvorbereitung ein Jahr nach Zentralafrika oder Indien gegangen sind, um wahre Nächstenliebe und Erleuchtung zu finden.

Das war natürlich jetzt viel zu böse, aber es geht ja nur um den Verständnispresslufthammer. Im Übrigen werden viele bemerkt haben, dass ich mich selbst nicht ausnehme aus der Menge der Studierverdrossenen.

Ich habe durchaus das eine oder andere Talent, beispielsweise bin ich sicher, dass ich nur vermittels meiner Nase den Chicken-Time-Döner in der Merzhauser Straße auf einen Kilometer Entfernung sicher lokalisieren kann (oder auch Berliner U-Bahnhofsschächte, for that matter), aber ob ich für den Lehrberuf geschaffen bin, kann ich nicht mehr mit der ursprünglichen elanbedingten Gewissheit sagen.

Und ich möchte nicht den Fehler begehen, die Sinnfrage erst im Referendariat zu stellen. Das wäre, untertrieben gesprochen, zu kurzfristig.

Übrigens ist es ziemlich cool, von Piraten zu träumen, weil die im Traum sicher nicht so arg stinken wie in der realen Vergangenheit und außerdem ganz schön abgefahrenes Zeug daherreden.

Drachen allerdings sind keine Freude, auch nicht im Traum.