Sinn gesucht, nicht gefunden: Orbit Buggingen

Joana Jäschke

Mitarbeiter des Freiburger Theaters boten unter dem Motto "Berge versetzen" am Freitag eine so genannte Sinnreise an. Pilgern nach Buggingen und dabei die existenziellen Fragen des Lebens beantworten, das klang vielversprechend. Warum dieses Versprechen nicht ganz eingelöst wurde, beschreibt Joana.



Station 0: Ausgangsfragen

Woher weiß ich, dass er der richtige ist? Warum ist es so schwer, Entscheidungen zu treffen? Und wer sagt mir, dass es die richtigen sind? Fragen, die mir bisher noch niemand beantworten konnte.

Und jetzt kommt das Freiburger Theater daher und bietet unter dem Motto „Berge versetzen“ eine Sinnreise an. Pilgern nach Buggingen und dabei die existenziellen Fragen des Lebens beantworten – klingt vielversprechend.

Pilgern war mir bis dato ungefähr so bekannt wie der Ort, an den es hingehen sollte: gar nicht. Das Hape-Kerkeling-Jakobsweg-Buch habe ich nach 100 Seiten zugeklappt und verschenkt, das Pro7-Promi-Pilgern hätte ich auch für viel Geld nicht eingeschaltet. Trotzdem: Sinnsuche in Buggingen? Einen Versuch ist es wert.

Der Weg zur angekündigten Erleuchtung beginnt vor dem Freiburger Theater mit der Besteigung eines weißen Reisebusses. Mit dem fahren wir erstmal 35 Kilometer nach Süden. Dort liegt, zwischen Müllheim und Freiburg, der kleine Ort Buggingen. Damit uns nicht langweilig wird, teilt die Reiseleitung eine Weglektüre aus: Die Bibel, den Koran, Nietzsche und Thomas von Aquin. Alles Suchende. Sie sollen uns anregen, über die wichtigen, uns umtreibenden Fragen des Lebens nachzudenken.



Station 1: Betberg

Es ist 17:40 Uhr. Wir halten in Betberg. Eine kleine Gemeinde im Markgräfler Land, nicht weit von Buggingen. Dem blau-weißen Wimpelchen der Führerin geht es nach in eine kleine, am Hügel gelegene Kirche. Aus der mit goldenen Schnörkeln verzierten Orgel klingt eine harmonische, ruhige Melodie in Endlosschleife. Nach einigen Minuten andächtigen Lauschens geht es wieder zurück in den Bus. Erleuchtet fühle ich mich noch nicht. Dafür habe ich jetzt einen Ohrwurm.

Station 2: Buggingen Ortsmitte

Wir drängen uns in die ehemalige Bergmannskneipe „Die Linde“. Es riecht nach abgestandenem Bier und kaltem Rauch. Um die braune Furnierholz-Theke rankt sich eine Jägermeister-Girlande, von der Decke baumeln bunte Luftballons. Hier stehen wir also Schulter an Schulter zwischen Daddel-Automaten und Dartscheiben und starren auf einen zu kleinen Fernseher.



Darin erzählen Ergan und Mithat, zwei kleine Männer mit starker Behaarung und Oberlippenbart, von ihrer Pilgerreise nach Mekka. Beim Pilgern gibt es eine strenge Kleiderordnung, lerne ich. Die Gewänder der Männer müssen weiß sein und dürfen nicht genäht, sondern nur gewickelt werden. Richtige Pilger dürfen auch nur offene Schuhe tragen. Ich bin wohl noch keiner von ihnen.

Mithat und Ergan sagen, das, was sie beim Pilgern erlebt und gesehen haben, sei ein so starkes Gefühl gewesen. Es lasse sich nicht in Worte fassen. Schwer nachzuvollziehen, finde ich. Während ich noch darüber nachdenke, ob mich jemals ein Ereignis sprachlos dastehen ließ, strömt unsere Pilgergruppe auch schon wieder an mir vorbei.

Wir laufen weiter, an der Hauptstraße entlang, bis zum Rathaus. Der Geruch von Bauernhof zwängt sich in meine Nase. Als wir im Garten des Rathauses stehenbleiben, weiß ich auch, warum. Da steht Bauer Orth mit Vroni und Vreni, die sich gerade daran machen, den einzigen blühenden Strauch kahl zu fressen. Die beiden sind zwei hellbraune Hinterwälder Kühe. Bauer Orth hat sie gerettet. So wie zahlreiche Meerschweinchen, Kaninchen und andere misshandelte Vierbeiner.



Auf seinem Bauernhof gibt er Tieren, die gequält wurden, ein neues Zuhause. Natürlich verdient er damit nichts. Der Mann in den schmuddeligen Jeans, ausgetretenen Gummistiefeln, stark Mundart sprechend, scheint seine Bestimmung gefunden zu haben. Am liebsten würde er sogar einschreiten, wenn jemand eine Mücke zerquetscht. „Kleine Tiere gelten oft nicht, dabei haben die auch ein Herz!“, sagt er empört.

Vroni düngt noch schnell den Rathausgarten, dann pilgern wir weiter. Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden in der Abenddämmerung des Markgräflerlands.

„Achtung, alle auf den Bürgersteig!“, schreit jemand. Ich springe zur Seite. In dem Moment brettern fünf bunte Seifenkisten an uns vorbei. Zufall? Zuerst bin ich davon überzeugt. Dann fällt mir ein, dass auch Bauer Orth wahrscheinlich nicht zufällig seine beiden Kühe im Rathausgarten Gassi geführt hat. Also eher Inszenierung, aber trotzdem überraschend.

Wie auch die nächste Begegnung: Es ist inzwischen nach 19 Uhr und dunkel. In der Mitte des schwach beleuchteten Fußballplatzes, an dem wir vorbeilaufen, sitzt auf einem Klappstuhl aus Plastik ein bärtiger junger Mann mit einer Gitarre auf dem Knie und rührt sich nicht. Als wir uns der absurden Szene nähern, beginnt er, aus dem „Into the Wild“ -Soundtrack zu spielen.

Da fällt mir der Titel der ganzen Pilger-Veranstaltung wieder ein: Sinnreise, Sinnsuche. Ich suche auch gerade nach dem Sinn. Aber nicht nach dem des Lebens, sondern nach dem Sinn dieser willkürlich aneinander geschnipselten, bunten Überraschungen. Ich frage mich, was wohl als nächstes kommt.



Station 3: Kalistollenmuseum

Dreimal Klingeln – „hängen“ heißt das bei den Bergmännern – und bedeutet, dass wir uns in die bedrückende Dunkelheit des Stollens wagen wollen. In Buggingen wurde von 1923 bis 1973 Kalisalz gefördert. Ob ich in diesen dunklen Schächten Erleuchtung finden kann?

In der mit Holz vertäfelten Stube, unter der heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergmänner, stimmen wir das Bergmannslied an. Wir singen von Silber, Gold und Arschledern, auf denen die Arbeiter früher in den Stollen rutschten. Fritz Siegwolf, der selbst 20 Jahre unter Tage gearbeitet hat und uns durch den Museumsstollen führt, lässt die Schnapspintchen herumgehen. „Glück auf und zum Wohl." Von der Dunkelheit des Stollens gelangen wir zurück ins Freie.



Station 4: Moschee Buggingen

Es ist kurz nach 20 Uhr. Schuhe aus, rein in die Moschee. Kunstvoll verschnörkelte Malereien in blau-türkis zieren die Wände; orientalische Teppiche, die die Gebetsrichtung vorgeben, den Boden. Unter der Kuppel hängt ein üppiger Kronleuchter aus Kristall und Gold.

Wir dürfen den Bugginger Muslimen nun beim Abendgebet zusehen. In der Ecke steht der Imam, der Vorbeter, und singt Verse aus dem Koran ins Mikrofon. Elf Männer mit dunklen Augen und Schnauzbärten knien mit dem Rücken zu uns. Sie stehen auf, verbeugen sich vor der Gebetsnische, legen die Stirn wieder auf den Teppich. Zwischendurch fliegt die Tür auf. Ein Junge in Sporthose rennt quer durch die Moschee zu seinen Freunden, die in der hinteren Ecke des Gebetshauses auf einer Art Podest beten. Die Jugendlichen kichern. Niemand stört sich daran. Ganz anders als in einer katholischen Kirche.



Das Kali-Bergwerk in Buggingen hat zu seiner stärksten Förderzeit 1200 Menschen beschäftigt, darunter viele Gastarbeiter aus der Türkei. Die meisten sind geblieben und hier heimisch geworden. Deshalb hat man hier 1995 eine Moschee gebaut.

Station 5: Monte Kalino

Um 20:53 Uhr erreichen wir die letzte Station unserer Pilgerreise, den Monte Kalino. Eine 66 Meter hohe Abraumhalde des ehemaligen Kalibergbaus. Rot angestrahlt sieht er aus wie ein Vulkan. Bei Tee und Glühwein sitzen wir dicht beieinander im Orbit, der mobilen Außenstation des Freiburger Theaters, die am Fuße des Monte Kalino „zwischengelandet“ ist.

Wie unterscheide ich richtig von falsch? Warum tut eine gute Tat so gut? Was wäre, wenn Gott eine Göttin wäre? Experten verschiedener Konfessionen beantworten die Fragen, die uns Pilger auf unserer Sinnreise beschäftigt haben. Ein Bergsteiger führt die Mutigen auf den matschigen Gipfel. Interessant, aber die Antwort zu meinen Fragen kenne ich immer noch nicht.

Bergbau und Bergsteigen, Moschee und Seifenkisten, einen roten Faden kann ich nicht erkennen. Der ganze Pilgerparcours durch Buggingen hat etwas Beliebiges. Wie eine Wundertüte, bei der man auch vorher nicht weiß, was man als nächstes herauszieht. Eine Sinnreise stelle ich mir anders vor.



Zurück im Bus, versuche ich wenigstens den Sinn unseres Ausflugs zu begreifen. Die großen Propheten, Moses, Mohammed, Zarathustra, die uns auf der Hinfahrt ausgeteilt wurden, kamen alle erleuchtet und schlauer vom Berg wieder runter.

Ich war auch oben, habe den Sinn aber immer noch nicht gefunden. So geht es auch anderen Pilgern. „Große Lebensfragen wurden nicht beantwortet. Aber ich habe viele Eindrücke mitgenommen, die ich von allein nicht gefunden hätte“, sagt Renate Lepach. „Anregungen und Inspiration hat die Reise gegeben, mehr nicht. Aber das reicht ja auch schon.“ sagt Brigitte Goecke.

Die Pilgerfahrt zum Orbit nach Buggingen war keine krampfhafte Suche nach dem Sinn des Lebens, sondern eher ein gemütlicher Ausflug aufs Land mit vielen bunten und überraschenden, wenn auch inszenierten Eindrücken. Mehr Beleuchtung als Erleuchtung. Aber wer Erleuchtung finden will, wird wahrscheinlich nicht in einem weißen Reisebus losfahren, um danach zu suchen.