Singen mit dem Bundesadler: Kleine Historie der WM-Songs

Anna-Lena Zehendner

Am Freitag beginnt die WM und wir starten unseren WM Blog 2010 mit einem Potpourri deutscher Kickergesänge: Fußball ist unser Leben, Buenas dias, Argentina, Wir sind schon auf dem Brenner und weitere WM-Hits, die unter Leitung von Udo Jürgens, Michael Schanze und Kollegen dargeboten wurden. Alles immer noch besser als Anastacia.



Seit Kaiser Franz 1966 in milder Lethargie „Gute Freunde kann niemand trennen“ einträllerte, hat in Deutschland Fußballmusik Tradition. Seither werden wir zu jeder Weltmeisterschaft mit offiziellen und inoffiziellen WM-Songs konfrontiert. Dass viele dieser Hits zwar erfolgreich, jedoch selten originell sind, zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

Dass Fußball und Musik eine lukrative Kombination ist, hatte der DFB früh erkannt und bereits 1974, anlässlich der WM im eigenen Land, das erste offizielle Fußballlied herausgebracht – Fußball ist unser Leben. Jack White komponierte und produzierte die Nummer, die seither dem allgemeinen Deutschen Sportliedgut zählt.

Das Lied wurde ein Hit und von da an beschloss der DFB, zu jeder neuen WM einen weiteren Song auf den Markt zu werfen. Gesungen wurden die Lieder weiterhin von den Spielern der deutschen Nationalmannschaft. Jedoch jault bereits 1978 der semiprofessionelle Männerchor nur noch im Hintergrund. Den Hauptpart übernahm damals Bademantelbarde Udo Jürgens. „Buenos dias, Argentina“ wurde immerhin zum größten musikalischen Erfolg einer deutschen Nationalmannschaft.

Nicht zu verachten aber auch Michael Schanzes ("Eins, zwei oder drei") Frontalangriff auf die Ohren der deutschen Fans: Das Video zu "Olé Espania" wartet 1982 mit einem mitreißenden Groove auf und Felix Magath kommt rüber wie ein verschlafener Atari-Nerd.



In den 90er Jahren dämmerte es den DFB-Funktionären, dass mit dem guten, alten deutschen Schlager nicht mehr die gewünschten Erfolge und Umsätze erzielt werden konnten. Außerdem hatte man wohl auch bemerkt, dass die deutsche Nationalmannschaft besser mit dem Ball als mit der Stimme umging. Allerdings engagierte man 1990 abermals Udo Jürgens, der mit den Bald-Weltmeistern Brehme, Matthäus und Pierre Littbarski an der Playback-Gitarre einen gar meisterlichen Song einspielte: "Wir sind schon auf dem Brenner". Den Titel hat man im Gastgeberland Italien wohl zurecht als Drohung interpretiert, musikalisch ist es jedenfalls eine. Immerhin werden die schmucken 90er-Trikots der DFB-Auswahl inzwischen für 70 € aufwärts in den Trendboutiquen des Landes verhökert.



1990 war man auch bei der FIFA auf den Trichter mit der WM-Trällerei gekommen. Die beiden italienischen Softrocker Gianna Nannini und Edoardo Bennato lieferten den ersten offiziellen WM-Song Un‘ Estate Italiana. Er erreichte Platz 2 in den deutschen Charts. Der Startschuss für alle vier Jahre wiederkehrende, anspruchslose Mitgrölmucke war abgefeuert: simpler Text mit möglichst vielen Wiederholungen und einer Melodie, die sich wie ein Furunkel im Ohr festsetzt. Gesangstalent ist dabei von schwindender Bedeutung. So versucht es beispielsweise Oliver Pocher bereits zum zweiten Mal, sich in Deutschlands Fankurven musikalisch anzubiedern.

Das WM-Lied von 2002 hat gezeigt, dass nicht jeder offizielle Song automatisch zum Hit wird. In den deutschen Charts kletterte das stupide „Boom“ von Sonnenbrillenfetischistin Anastacia nur auf Platz 35. Schlechter schnitt lediglich Daryl Halls Gloryland von der 1994er-Weltmeisterschaft in den USA ab. Der Song war hierzulande nicht einmal platziert. Dafür haben inoffzielle WM-Songs immer mehr Erfolg und es wird immer undurchsichtiger, welches nun der offizielle und welches der inoffizielle Song ist.  



Bei der WM 2006 in Deutschland wurde auf der Eröffnungsfeier "Time Of Our Lives" vom längst vergessenen Gesangsquartett Il Divo als offizieller WM-Song präsentiert. Die deutlich bekanntere Hymne dieser WM wurde Zeit das sich was dreht von Herbert Grönemeyer. Der Unterschied zwischen Song und Hymne ist dabei absolut unklar. Klar ist nur: es muss inzwischen beide geben. Das gilt auch für die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft. Der offizielle FIFA-Song mit dem einfältigen Titel Waka Waka wird mal wieder von Shakira mit der afrikanischen Band Freshlyground bei der Eröffnungsfeier zum Besten gegeben.

Derweil versuchen Radio-DJs vergeblich, den WM-Hungrigen einen weiteren Song unterzujubeln: Die WM-Hymne Waving Flag von K’Naan und David Bisbal. Wirkt wie ein Colawerbespot.

Welcher Song die kommende Weltmeisterschaft tatsächlich prägen wird, ist noch unklar. Sicher ist hingegen: Man entkommt den Ohrwürmern nur schwer. Sie werden uns täglich entgegenschallen, bis wir sie schließlich alle, zumindest im Refrain, mitgrölen. Und vielleicht singen wir schon bald in alter Sporti-Manier: 54 74 90 2010

[Fotos: dpa]  

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