Sinead O´Connor hat mir einen Kuss geschenkt

Dirk Philippi

"Warum ist eigentlich alles so hübsch hier?" Dirk entlarvt in seiner Anekdoten-Kolumne das Leben als ein oft oberflächliches - eben hübsches. Seine Geschichten erzählen von den Momenten im Leben, die am Rande des Alltags passieren und die man aufschreiben muss, um sie nicht zu vergessen. [hübsch leben] heißt Dirks Anekdoten-Kolumne, ab sofort neu auf fudder.



SINEAD O´CONNOR HAT MIR EINEN KUSS GESCHENKT

Meine Eltern waren Ferienabonnenten. Liebevolle Helden spießbürgerlicher Kleingeistigkeit, die ihrem Spross die große, weite Welt zeigen wollten. Sechs Jahren Campingurlaub an der Costa Brava (gleicher Platz, gleiches Zelt, gleiche Nachbarn) folgten drei Jahre Hotelrumgeliege an der Adria (gleiches Hotel, gleiches Zimmer, gleiche Nachbarn). Dort, wo die Bademeister am Morgen mit dem Staubsauger zwischen den Liegestühlen verunreinte Sandkörner inhaftieren, dort, bei der letzten der eigentlich vollkommen unlustigen Italienexkursionen, sollte ich zum ersten Mal erfahren, wie hübsch das Leben doch sein kann.

Meine Lieblings-Unlust-Beschäftigung in diesen Urlauben bestand darin, dass ich meine Philips-CD-Maschine, die, die einmal irgendeinen Designpreis abgestaubt hatte, eine Dose Fanta Lemon, meine Sonnenbrille und mein Handtuch auf eine vollverspiegelte Luftmatraze legte und dann rund 300 Meter raus aufs offene Mittelmeer schwamm. Wie Treibholz mit Payback-Utensilien steuerte ich auf einen der künstlich aufgeschütteten Wellenbrecher zu, um mich dort in cooler Sicherheit wegbruzzeln zu lassen.



Noch immer bin ich heute stolz auf meine Musikauswahl bei diesen inszenierten Familienfluchten. Im Schweizer Fernsehen sah ich beim Zappen einmal versehentlich eine Kulturreportage über eine Frau, die sich ihre Haare komplett abgehobelt hatte und im britischen Untergrund für die Freiheit sang. Ich glaube, ich war damals der erste Deutsche überhaupt, der sich eine Sinead-O´Connor-CD gekauft hatte – jedenfalls der erste Deutsche auf einem Wellenbrecher im Dumpfkreis von Rimini. Schnell sollte ich bemerken, dass gute Musik von weniger bekannten Künstlern neben dem Hörgenuss noch einen weiteren Nebeneffekt hat: Interessante Klänge machen den Hörer interessanter als er eigentlich ist! Und sie locken weibliche Geschöpfe mit einem Hirn über Normalnull an wie ein Topf Honig einen ausgehungerten Bienenschwarm.

Ich kann beim besten Willen nicht behaupten, dass es der coolste Auftritt meines Lebens war, aber als diese langbeinige Lolita-Italienerin den lieblos aufgeschütteten Steinhaufen hinaufkletterte und ich vor Schreck, Scham und Begeisterung keinen Ton mehr heraus bekam, stattdessen aber Sinead „Fuck that fuckin´System“ trällerte, da muss ich schon echt locker gewirkt haben. Elizabetta stellte sich vor, wir tauschten kurz unsere Namen und sie erzählte mir in noch schlechterem Englisch als meinem ihre Kurzbiografie. Geboren in Bologna, 15 Jahre jung, Vater Hotelbesitzer und: „Wer ist denn diese so tolle Sängerin?“
Sinead hatte ihren Job gemacht! Wir verabredeten uns auf ein Eis am frühen Abend. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht mehr den geringsten Schimmer habe, wie Elizabetta und ich damals von cremefarbener Zabaione auf den rostroten Tennisplatz in Igea Marina gekommen sind, aber genau dort saßen wir auf der Spielerbank als sie ihre goldenen Locken in meinen Schoß hinabkuschelte. Ihren Kopf ließ sie den Locken folgen und die großen italienischen Augen himmelten mich an.



So eine Scheiße. Ich saß da, verkrampft wie eine Wurst im Presssack, wie Boris Becker vor dem entscheidenden Tie-Break - regungslos. Ich wusste nicht was tun. Sie fing an, mit ihrem Mund mir vollkommen fremdartige Zuckungen zu vollführen und sich ab und zu die Oberlippe abzulecken, was irgendwie sehr seltsam aussah, aber doch nicht ganz ohne Folgen auf meinen jungfräulichen Körper blieb. Elizabetta, die Prinzessin aus Bologna, lachte laut auf und erkundigte sich stilsicher bei mir nach meinem Wohlbefinden: „You are okay everysing? Ho, ho, ho (…) You want fuck se system? (…) Ho, ho, ho.” Danke, Du irische Untergrund-Ikone!

Dann ging alles ganz schnell. Lolita packte zu und weil ich nicht schreien wollte, gab ich Elizabetta den ersten Kuss, den ich einer nicht Oma-Mama-Tante-Frau gegeben hatte. Nach einigen wilden Knutschereien in Bademeisterkabinen und Diskotheken sowie auf verschiedenen Wellenbrechern versprachen wir uns zu schreiben. Elizabetta schickte außer ihrem ersten Brief keinen einzigen mehr. Dort schrieb sie wörtlich (dieser Brief existiert noch): „Du geiles deutschen Jüngling, ich wolle dich heuraten!“ Ich antwortete sechs Mal - vergeblich.

Meine Sinead-O´Connor-CDs habe ich Jahre später auf dem Flohmarkt verkauft und an der Adria war ich seitdem auch nie mehr.