Sigmar Gabriel bei Nachgefragt: Siggis Segelboot

Fabian Vögtle

"Nachgefragt" zeigte sich am Donnerstagabend im SWR-Studio von der besten Seite. Die Schüler-Talkshow des Rotteck-Gymnasiums hat immer wieder hochkarätige Gäste in ihren Sesseln sitzen. Diesmal war es der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Der Politiker durfte zwei Stunden mit den jungen Interviewern reden, segeln und musizieren und präsentierte er sich als Religionslehrer, Erzählonkel und mahnender Weltretter.

Es ist eine Wucht, die im geschmückten Schlossbergsaal des SWR-Studios vor der Bühne steht. Seine Zahnlücke dürfte auf die Leute allerdings zahm und irgendwie symphatisch wirken. Ist das wirklich der Choleriker oder nicht eher Erzengel Gabriel, der da vorne steht? „Das werden Sie gleich sehen“, entgegnet Sigmar Gabriel. Er weiß, wie er das Publikum schnell zum Lachen bringt.


Die anfangs noch etwas angespannten Moderatoren lockert er auf, stellt Gegenfragen, es scheint fast so als übernehme er das Ruder. Es geht um seine Patenschaft für den Eisbären Knut vor vier Jahren, seine Kindheit und den Schulalltag des kleinen „Sichmar“. Eine Schülerin, die dem Moderatoren-Duo zur Seite steht, präsentiert Gabriels Biografie märchenhaft und frech. Sein Leben anhand von Bildern. Als Kind habe er gerne mit der Eisenbahn gespielt, heißt es da. Als dazu ein Modell des neuen Stuttgarter Bahnhofs gezeigt wird klopft sich Gabriel ordentlich auf die Schenkel und lacht laut.

Apropos Stuttgart 21 – wie steht er dazu? „Ich warte noch drauf, dass es zum Projekt des Weltfriedens ausgerufen wird.“ Für ihn ist es unerklärlich, dass viele so tun als entscheide das Projekt über Wohl und Wehe Deutschlands. „Ich habe den Eindruck hier geht es um Leben oder Tod. „Mir ist es doch egal wie die den Bahnhof in Stuttgart bauen. Aber es muss endlich eine Entscheidung her. Das ist das Wichtigste“, findet der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen. Eine ziemlich deutliche Ansage, die sicherlich nicht bei allen in der baden-württembergischen SPD auf große Freude stößt.

Überhaupt spricht der SPD-Chef an diesem Abend viel über das Innenleben seiner Partei. Er erzählt vom Auf und Ab, den alten Mitgliedern, die ihre Parteifahnen noch vor den Nazis vergraben haben und erklärt was für ihn der Begriff links bedeutet. Gabriel versteht sich auszubreiten, er nimmt sich den Raum zum Erzählen. Die jungen Talkmaster hätten zumindest hier mal dazwischen funken sollen. Ansonsten machen Charlotte Saurbier und Adrian Furtwängler eine gute Figur. Die beiden Rotteck-Schüler haben sich nächtelang auf das Gespräch vorbereitet und gut recherchiert. Auch dafür bekommen sie von ihren Seminarkurs-Lehrern eine Note. Die 16jährige Charlotte hofft auf 15 Punkte.

Gabriel hatte in diesem Alter „Schiss vorm Gymnasium, der Sprachen wegen, denn da war ich schlecht.“ Beim Thema Schulpolitik wird er energisch. Er streckt seine Beine aus und poltert los. „Wir haben jährlich 70.000 junge Leute ohne Schulausbildung – das ist einer der größten Skandale in unserem Land, ärgert er sich. Und er hebt den Zeigefinger. Er findet, die Schüler würden zu oft abgekanzelt, für dumm erklärt. Potentiale blieben unentdeckt. Deshalb müsse man die Schüler mehr fordern. Das gelte für alle Parteien.

Positiv ist, dass Gabriel nicht den ganzen Abend auf der Bundesregierung rumhackt und sie laufend kritisiert. Zwar müsse er sich schon oft aufregen, aber die haben halt die Mehrheit. „Es nützt nichts sich jeden Abend traurig ins Bett zu legen weil Angie und Guido geheiratet haben“, scherzt er. Gabriel geht es um die Sache, das merkt jeder im hellen Raum.

Am längsten spricht er dabei über den Klimawandel, den Atommüll, die Fischerei und die Artenvielfalt. Kein Wunder, Gabriel war in der Großen Koalition vier Jahre Umweltminister. Er kennt sich also aus und schimpft auf seinen eigentlich Verbündeten Jürgen Trittin und dessen Grüne. „Sie waren super unehrlich in Gorleben“. Auf seinen Parteigenossen Thilo Sarrazin angesprochen, zeigt sich der SPD-Boss kontrolliert, schimpft sich dann aber doch in Rage: Sarrazins Thesengebräu sei „schlimm und super gefährlich“. Mit seinem Buch – das Gabriel gut gelesen hat – habe er der Integrationsdebatte geschadet. „Aus Ressentiments darf ich keine Politik machen“, mahnt er zum Ende seiner Sarrazin-Schelte.

Gabriels lehrreicher Exkurs nach Israel zeigt ihn als Kenner des Nahen Ostens. Dem Israel-Palästina Konflikt widmet er sich seit längerem persönlich: so unterstützt er Projekte mit Kindern. Mit ernstem Blick erzählt er von seinen zahlreichen Erlebnissen und der täglichen Gefahr der Menschen. Für den Niedersachsen ist die Region der kulturhistorisch interessanteste Teil der Erde. Man hat den Eindruck nicht nur die beiden Schüler auf der Bühne kleben an den Worten eines besseren Religions- oder Geschichtslehrer.



Die Bühne ist nicht einfach nur eine Bühne. Nein, die Organisatoren haben ein Segelboot mitgebracht und schmücken so den Raum. Das Ambiente passt, man fühlt sich fast wie im Sportmuseum oder Theater. Der Grund für das Boot: Gabriels Hobby Segeln. Auf dem Segelmast steht SPD und nachdem der Oppositionsführer das Segel erfolgreich gesetzt hat sitzt er ganz stolz mit den Schülern im Boot. Nur die XXL-Weste für ihn fehlt. Ganz egal: Gabriel fängt an zu philosophieren: „Es ist egal woher der Wind kommt. Sie müssen die Segel nur richtig stellen. Den Kurs kann man beibehalten.“ Er berichtet von seinen Lieblingsrouten und erklärt warum das Segeln sein Hobby ist: nämlich Entspannung von Geist und Seele.

Auch Musik ist Siggis Ding. Nicht umsonst war er lange Zeit der Popbeauftragte der SPD. Erst neulich war er bei einem Konzert von Peter Maffay, den er sehr verehrt und auch Udo Lindenberg ist für ihn Kult. Die Gastgeber präsentieren ihrem hochkarätigen Gast ein Akkordeon. Es ist der Höhepunkt des Abends. Zwar witzelt der Politiker: „Das ist nicht gut für die Leute hier.“ Doch während im Hintergrund die Internationale eingeblendet wird und textsichere Herren aus dem Publikum das Lied anstimmen, bietet Gabriel einige Töne auf dem Instrument, das er früher wohl beherrschte. Er musiziert mit großer Freude und lächelt wie ein fröhliches Kind mit seiner Zahnlücke durch den Raum.