Siebter Prozesstag

Pflegevater sagt aus, Hussein K. habe nach der Tat in den Iran reisen wollen

Joachim Röderer

Am siebten Prozesstag saßen Kumpel von Hussein K. im Zeugenstand sowie eine Frau, der er am Tagabend in der Tram begegnete. Sein Pflegevater sagte aus, K. habe im November 2016 in den Iran reisen wollen. Wollte er fliehen?

16.40 Uhr

Das war unsere zusammenfassende Berichterstattung vom siebten Verhandlungstag im Prozess gegen Hussein K. Der Prozess wird am Dienstag, 24. Oktober, fortgesetzt.

16.35 Uhr

Das war es mit den Zeugenaussagen für heute. Die Richterin blickt auf die kommende Prozesstage voraus. Und da wird es international. Das Gericht, so teilt sie mit, wird vier griechische Kriminalbeamte nach Freiburg laden, die damals 2013 nach dem Mordversuch auf Korfu gegen den Angeklagten ermittelt und diesen festgenommen haben. Es wird auch versucht, dass die Studentin aussagt, die damals Opfer von Hussein K wurde und schwer verletzt überlebte. Allerdings sei es bislang noch nicht gelungen, sie ausfindig zu machen.

Verteidiger Glathe wiederum schlägt ein ergänzendendes Gutachten über Hussein K. vor. "Es gibt dafür Anknüpfungstatsachen", so Glathe. Der Sachverständige, der den Prozess begleitet, bietet an, die Gesundheitsakte noch einmal anzuschauen. Ein zusätzliches Gutachten hält er nicht für notwendig.



16.29 Uhr

Es geht weiter. Der Zeuge erklärt auf die Frage des Verteidigers: "Vielleicht habe ich auch auf Facebook gesehen, dass das Mädchen ermordet worden ist." Er sei darüber sehr traurig geworden, als er gehört habe, dass ein Afghane der Täter sei.

Insgesamt sagt er zur Situation Hussein K., dass dieser über die Unterbringung in der Familie in Ebnet glücklich gewesen sei. Er habe immer mal wieder auch im Garten geholfen. Zuvor in der Unterbringung in Münstertal habe man nie zusammen Alkohol getrunken. In Freiburg dann schon, etwa auch im Colombipark. Der Zeuge wirkt immer verunsicherter. Er stehe unter Stress, weil er so eine Situation noch nie erlebt habe, sagt er. Ähnlich sei es auch bei seiner Aussage vor der Polizei gewesen. Er kann nicht sagen, welche Droge seine Kumpels geraucht haben und wie betrunken sie gewesen sind.

Der Verteidiger hakt weiter nach: Habe es bei Hussein K. körperliche Anzeichen gegeben, die auf eine starke Alkoholisierung schließen ließen? Nein, sagt der Zeuge. Bei der Polizei wiederum hat er im Dezember ausgesagt, als der Angeklagte dann aber aufgestanden sei, habe man bemerkt, dass er betrunken war. Vom Zeugen gibt es keine klärende Antwort. Noch eine Frage: Ob sich der Zeuge vorstellen kann, dass sich der Angeklagte prostituiert? "Nein, das Gefühl hatte ich nicht."

Oberstaatsanwalt Berger will wissen, wie viel Alkohol in der Wohngruppe des Trägers Wiese in Münstertal konsumiert worden sei. Eine Flasche Wein, so die Antwort, habe man dort zu dritt oder viert getrunken. Dann hat es der Zeuge geschafft und kann den Gerichtssaal verlassen.

15.45 Uhr

Nebenklageanwalt Bernhard Kramer fragt noch einmal nach Hussein K.s Alkoholkonsum. Der Zeuge hatte davor gesagt, Hussein K. konnte viel Alkohol trinken, ohne betrunken zu werden. Er habe dann immer noch normal laufen und sprechen können.

"Waren Sie Freunde oder nur Bekannte?" will Verteidiger Glathe wissen. Die Antwort des Zeugen "Es war Freundschaft." Der Anwalt fragt, ob sich die Flüchtlinge in Münstertal gut aufgehoben gefühlt hätten. Darüber habe man nicht gesprochen, so der junge Mann im Zeugenstand. Hussein K. sagte, er wolle nach Freiburg in eine Wohnung kommen, das sei besser für ihn.

Auch bei diesem Zeugen gibt es Widersprüche in Aussagen, wie der Verteidiger herausarbeitet. So hatte der Zeuge bei der Polizei im vergangenen Dezember ausgesagt, er habe vom Mord an Maria L. erst nach der Verhaftung seines tatverdächtigen Freundes mitbekommen. Jetzt im Gericht sagt er, er habe von der Gewalttat schon vorher erfahren. Der Zeuge bittet daraufhin um eine Pause.

15.16 Uhr

Ein bisschen verwirrend für das Gericht ist, dass es mehrere Abende im Seepark mit Grillen und Alkohol gegeben hat - teils mit unterschiedlichen Teilnehmern. Durch detailliertes Nachfragen versucht Richterin Schenk herauszubekommen, bei welchem Abend es sich um den Abend vor der Tat gehandelt hat. Die Aussagen sind wichtig, wenn der Grad der Alkoholisierung beurteilt werden muss.

Gefragt wird auch, ob es Gespräche über Religion gegeben habe. Hussein K., so der Zeuge, habe einmal eine Kette mit einem christlichen Kreuz getragen. Ob Hussein K. ihm einmal erzählt hätte, dass er in Griechenland zum Christentum konvertiert sei? Erst bejaht der Zeuge die Frage, nimmt aber seine Aussage gleich wieder zurück.

Wie schätzt er Hussein K. insgesamt ein? "Ich denke, er war nicht oft zuhause," sagt er. Außerdem habe er Alkohol getrunken und auch gekifft.

14.52 Uhr

Als weiteren Zeugen hört das Gericht am Nachmittag einen Bekannten des Angeklagten, der mit ihm ab Ende 2015 für drei Monate zusammen in einer Wohngruppe in Münstertal lebte. Die Flüchtlinge hatten untereinander auch noch Kontakt, als der Zeuge nach Umkirch umgezogen war und Hussein K. bei seiner Pflegefamilie in Ebnet lebte. Sie besuchten auch die gleiche Schule in Freiburg. Umkirch hat er bald wieder verlassen: "Ich habe ein bisschen Stress mit den Jungs bekommen - und die Jungs natürlich auch mit mir." Es war eine betreute Wohngruppe. Betreuer seien jeden Tag zwei bis drei Stunden da gewesen.

"Ich denke, dass er schon besoffen war. Mehr kann ich nicht sagen." Zeuge, der Hussein K. am Tatabend traf
Bei den Besuchen in Ebnet, meist an Wochenenden, habe man gekocht. Die Familie habe sein Essen auch sehr gemocht - er habe immer etwas davon zu ihnen hochgebracht. Später zog der Zeuge nach Breisach, dann sei der Kontakt abgerissen.

Dem Zeugen hat Hussein K. berichtet, dass er längere Zeit im Iran gelebt habe und dass er dann nach Griechenland geflohen sei. Dort habe es einen Streit mit anderen Jungs mit einem Messer gegeben; Deswegen sei er für zwei Jahre im Gefängnis gelandet.

Er habe ihm gesagt, dass er Deutsch lerne und gerne eine Freundin haben würde, so der Zeuge. Wenn der Angeklagte betrunken gewesen sei, habe er immer mal wieder Frauen angehalten und gefragt, ob sie mit ihm eine Beziehung haben wollten. "Und wie haben die Frauen reagiert?" fragt die Richterin. Der Zeuge: "Sie haben es verneint."

Ihm gegenüber habe sich Hussein K. immer gut benommen, so der Zeuge. Zweimal habe man im Seepark Alkohol getrunken. Der junge Flüchtling war auch bei jenem Treffen am Tatabend im Seepark mit dabei, als gegrillt und getrunken wurde. Es gab für die zunächst vier Leute zwei, drei Flaschen Alkohol - auch Whisky und Wodka. Hussein K. habe eine halbe Flasche Whisky und eine Flasche Wodka getrunken. Der Angeklagte habe sich dann mit einem anderen Teilnehmer noch einen Joint angezündet. Wie war der Zustand des Angeklagten? "Ich denke, dass er schon besoffen war. Mehr kann ich nicht sagen", so der Zeuge.
Mittagspause bis 14.15 Uhr

12.59 Uhr

Auf Nachfrage des Sachverständigen sagt der Arzt, Hussein K. sei immer distanziert gewesen - vor allem, wenn es um persönliche Fragen gegangen sei. Einmal habe er gesagt, er sei traurig, weil er lange nichts mehr von seiner zuckerkranken Mutter gehört habe. Anfang oder Mitte November 2016 - also kurz nach der Tat - habe der Angeklagte den Wunsch geäußert, zu ihr in den Iran zu reisen. Das sei dann aber an den fehlenden Papieren gescheitert. Davor habe er so einen Wunsch nie kundgetan, so der Arzt auf Nachfrage von Nebenklageanwalt Bernhard Kramer.

Verteidiger Glathe will wissen, ob der Zeuge den Eindruck hatte, dass seine Frau mit der Betreuung der Flüchtlinge überfordert war. Nein, sagt er. Es habe die Zusammenarbeit mit Wiese gegeben. "Und sie hat das ja gerne gemacht", so Dr. S. Und sie habe versucht, den beiden Flüchtlingen im Haus das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

Die Befragung des Pflegevaters ist damit beendet. Das Gericht verabschiedet sich in die Mittagspause. Um 14.15 Uhr geht es weiter.

12.40 Uhr

Jetzt geht es mit den Fragen von Verteidiger Sebastian Glathe weiter. Er will von Dr. S. wissen, wie ihm seine Frau Hussein K. vor dessen Einzug angekündigt habe.
"Wir hatten den Platz und meine Frau hat sich das gewünscht." Pflegevater von Hussein K.
Sie habe gesagt, für seine Selbstständigkeit und seine Integration sei es besser, wenn K. in die Wohnung ziehen könne, sagt der Kinderarzt. Zuvor seien andere Optionen für den Flüchtling gescheitert. "Wir hatten den Platz und meine Frau hat sich das gewünscht – Sie wissen, wie das nach 33 Jahren Ehe ist", sagt der Zeuge.

Glathe fragt weiter: Wer hat die Unterbringung finanziert? Wer hat das überprüft, ob sie als Gasteltern geeignet sind? "Das ist über die Kinder- und Jugendhilfe Wiese gelaufen." Er selbst, so Dr. S., sei an dem bürokratischen Prozedere nicht beteiligt gewesen. Und es geht noch einmal um die griechischen Sprachkenntnisse, die Hussein K. angeblich im Iran erworben haben will. Ob er da nicht skeptisch geworden sei, fragt der Verteidiger. Dem Pflegevater kamen die Aussagen des Flüchtlings plausibel vor. "Sie können im Iran viele Sprachen lernen – auch Chinesisch", antwortet er. "Aber klar," fügt er hinzu. "Hinterher ist man immer schlauer."

Haben die Pflegeeltern nicht gemerkt, dass sie von und über Hussein K. nicht immer die Wahrheit erfahren haben? Die Freunde hätten dichtgehalten, nichts Negatives erzählt, so Dr. S. Seine Frau habe aber immer bei den Freunden nachgefragt und kontrolliert, wo sich Hussein K. befinde.

Glathe fragt noch einmal nach der angeblich zehntägigen Abwesenheit? "Mir ist das nicht aufgefallen, es kann eigentlich nicht sein", antwortet der Zeuge. Der Mitbewohner hatte vor Gericht auch gesagt, der Angeklagte sei öfter weg als da gewesen. Auch das könne er nicht bestätigen, so der Pflegevater. Er weiß aber zu berichten, dass der Mitbewohner immer auf Hussein K. gewartet habe: "Er war ihm hörig."

Der Verteidiger fragt nach einem Streit wegen einer Shisha. Da habe Hussein K. mit einem Freund im Garten Wasserpfeife rauchen und Musik hören wollen. Das habe ihm der Pflegevater verboten. Sonst habe Hussein K. immer Zigaretten geraucht – davon habe er ihm jedoch wegen seines Asthmas immer dringend abgeraten.

Auf dem gesamten Areal der Villa in Ebnet gebe es ein Alkoholverbot- auch weil sich eine Pädagogikeinrichtung auf dem Gelände befinde. Dass Hussein K. Kirschwein keltern habe wollen und einen Eimer im Schrank gehabt habe, wie der Mitbewohner berichtete, davon weiß der Pflegevater nichts: "Aber ich hatte ja keinen Durchsuchungsbefehl." Auch auf Drogenkonsum oder eine Abhängigkeit davon habe es keine Hinweise gegeben: "Wenn ich mit ihm gesprochen habe, war sein Bewusstsein klar."

Nach seiner Kenntnis habe der Angeklagte 400 Euro pro Monat zur Verfügung gehabt, inklusive aller Ausgaben für Essen und Kleidung. Was noch auffiel: Dass Hussein K. oft seine Frisur wechsle – bis zu zwei Mal im Monat. Darauf hat ihn der Pflegevater auch einmal angesprochen, auch weil er wusste, dass das Geld kostet. Die Antwort des Angeklagte habe gelautet, dass ein andere Flüchtling ihm die Haare für 3 Euro schneide.

12.02 Uhr

Frage des Gerichts: Hat er ab Mitte Oktober 2016 Veränderungen beim Angeklagten bemerkt? Hussein K. habe darüber geklagt, dass er zeitweise Kopfschmerzen habe und unter Müdigkeit leide, erinnert sich der Pflegevater. Der Staatsanwalt fragt noch einmal nach Abwesenheiten von Hussein K. Der Kinderarzt wiederholt: "Wäre er länger am Stück weggewesen, wäre mir das aufgefallen." Zur Erinnerung: Hussein K.s Mitbewohner hatte vergangene Woche ausgesagt, der Angeklagte sei einmal zehn Tage am Stück nicht in der Wohnung gewesen.

Was der Arzt sagt: Immer wieder habe der Angeklagte mit Wissen der Pflegeeltern das Wochenende außerhalb bei Freunden verbracht – etwa in Breisach. Er sei dann montags direkt von dort zur Schule gegangen. Der Zeuge berichtet auf Nachfrage auch, dass er in einer Nacht einmal aus dem Bett geklingelt wurde, weil Hussein K.s Mitbewohner seinen Schlüssel vergessen hatte. Ob es wirklich die Tatnacht war, wie der Angeklagte glaubt, bezweifelt der Arzt. Jedenfalls war auch ein Freund des Mitbewohners mit dabei und übernachtete in jener Nacht in der Einliegerwohnung.

Es gab in der Wohnung auch noch ein Wohnzimmer, in dem Gäste schlafen konnten. Die Rückkehr von Hussein K. am frühen Morgen hat der Arzt nicht mitbekommen: "Ich bin auch davon ausgegangen ist, dass er in Breisach ist." Er habe den Angeklagten an jenem Wochenende nicht mehr gesehen.

Die Befragung wird auf Antrag von Verteidiger Sebastian Glathe unterbrochen.

11.37 Uhr

Dr. S. bestätigt, dass Hussein K. oft auswärts bei Freunden übernachtet habe. Drei, vier Tage sei er schon einmal weggewesen, nie aber für mehrere Wochen.

"Was waren die Hobbys des Angeklagten?", fragt die Richterin. Hussein K. habe gerne musiziert - und sogar nach einem Raum zum Proben gefragt. "Er hat sehr gerne gesungen", so der Pflegevater. Der Angeklagte habe auch Fußball gespielt. In diesem Zusammenhang habe es eine Schlägerei mit anderen Flüchtlingen gegeben. Hussein K. sei aber nicht schuld daran gewesen. Er hatte eine Gehirnerschütterung erlitten. Anzeige habe er aber nicht erstatten wollen: "Er wollte mit der Polizei nichts zu tun haben", so der Pflegevater.

Der Kinderarzt hat Hussein K. nach eigener Ausgabe einmal auch wegen Husten und Gelenkschmerzen untersucht und dabei abgehört. Er entdeckte dabei auch die Tätowierungen, die der Angeklagte wieder entfernen hatte lassen. Die Tätowierungen habe er sich im Iran stechen lassen, habe der Angeklagte gesagt, so der Arzt. Auch Rauchen habe er ihn gesehen - aber nie, dass er Alkohol trinkt. Er habe auch in der Wohnung nichts festgestellt - und dabei auch bewusst den Müll auf leere Flaschen kontrolliert: "Wir hatten keine Informationen, dass er Gewohnheiten mit Alkohol und anderen Drogen hatte." Er sei immer bewusstseinsklar und orientiert gewesen, seine Sprache sei immer in Ordnung gewesen.

Auch über seine Zukunft hat er mit dem Flüchtling gesprochen. "Er hat viele Ideen gehabt, was er werden könnte." Tischler, kaufmännischer Angestellter, Gärtner oder Flugbegleiter - das alles sei diskutiert worden. Am Ende habe Hussein K. dann gesagt, er wolle selbstständig werden und einen Kiosk eröffnen. "Erst einmal ist der Schulabschluss wichtig", habe er seinem Schützling geraten, so der Pflegevater. Er habe sich mit Hussein K. anfangs auf Persisch, später dann vorwiegend auf Deutsch unterhalten.

"Für mich war er wie ein erwachsener junger Mann." Pflegevater von Hussein K.
"Kann es sein, dass Hussein K., wie er selbst gesagt, oft schon morgens vor der Schule Alkohol getrunken oder Haschisch geraucht habe?", fragt die Richterin. "Nein, das kann nicht sein," antwortet der Arzt. Er habe in der Wohnung auch nie Marihuana gerochen.

Von welchem Alter ist der Kinderarzt bei Hussein K. ausgegangen? Das Alter sei durch Wiese vorgeben. "Wenn Sie mich fragen: Für mich, war er ein gestandener junger Mann." Er habe sich gut auf Persisch ausdrücken können. Und er habe immer seine Freunde dirigiert. Seine Frau, die Erfahrung mit Flüchtlingen habe, habe ihn vorgewarnt und gesagt: Die Frage nach dem Alter werde nie richtig beantwortet werden. Altersbestimmungen seien schwierig: "Ich beneide die Entscheider nicht, die das machen müssen." Und er wiederholt auf Nachfragen des Gerichts: "Für mich war er wie ein erwachsener junger Mann."

11.17 Uhr

Auf dem Zeugenstuhl im Saal VI hat jetzt Dr. S. Platz genommen. Im Haus des Kinderarztes, der aus Afghanistan stammt, hat Hussein K. für einige Monate gelebt. Richterin Schenk sagt dem Zeugen zu Beginn das Gleiche wie dessen Frau eine Woche davor: "Ich sehe bei Ihnen keine Anzeichen für ein strafbares Verhalten."

"Er blieb sehr distanziert, wollte nicht über seine Vergangenheit sprechen." Pflegevater von Hussein K.
Er habe Hussein K. erst beim Einzug kennengelernt. Seine Frau habe den Angeklagten über die private Jugendhilfeeinrichtung Wiese kennengelernt. Ende April 2016 zog Hussein K. dann in die Einliegerwohnung am Rande von Ebnet. Die Wohnung habe eine eigene Küche, eigenes Bad und zwei Räume. Seine Frau, so Dr. S., habe angeboten, dass Hussein K. auch oben bei der Familie Essen könne. "Er hat von Anfang an den Wunsch gehabt, sich selbstständig zu versorgen", berichtet der 61-Jährige. Ein Ziel sei ja auch gewesen, dass die Selbstständigkeit des Flüchtlings gestärkt werden. S. selbst hatte nie Kontakt mit dem Jugendamt.

Etwa drei Mal in der Woche habe er Hussein K. gesehen, antwortet der Arzt auf die Frage der Richterin. Er habe manchmal morgens oder abends an der Tür geklopft und sich erkundigt, wie es geht. Aber das sei nicht regelmäßig geschehen. In den Schulferien habe er ihn öfter im Garten gesehen, wo der Angeklagte auch immer mal gerne mitgeholfen habe. Dr S. sagt, er habe versucht, Kontakt zum Pflegekind aufzubauen. "Er blieb aber sehr distanziert, er wollte nicht über seine Vergangenheit sprechen", so der Zeuge.

Der Arzt hatte auch gehört, dass der Flüchtling aus Afghanistan gut Griechisch spreche. Er habe gefragt, wo er das gelernt habe. "In Persien", habe er als Antwort bekommen. Dass er öfter mal später als verabredet heimkam, hielt er nicht für ungewöhnlich: "Ich dachte, das ist halt die junge Generation." Sonst sah er keine Auffälligkeiten bei K. Er sei fröhlich gewesen, habe oft Musik gehört.

Die Abmachung, wo er hingehe und wann er nachhause komme, habe er mit seiner Frau getroffen, so der Zeuge. Trotzdem habe er ihn manchmal im Auftrag seiner Frau auf dem Handy angerufen - wenn etwa Termine angestanden hätten. Hussein K. habe oft die Handynummern gewechselt, weil er immer wieder neue Prepaid-Karten mit entsprechendem Guthaben gekauft habe.

10.56 Uhr

Die Zeugin hat sich am Freitag per Mail an das Gericht gewandt. Eigentlich sollte sie an diesem Dienstag in der Verhandlung aussagen. Sie hält sich wegen einer Operation jedoch derzeit in Korea auf. Wann sie wieder nach Deutschland kommt, sei offen, so Richterin Schenk.

10.46 Uhr

Das Gericht betrachtet nun noch ein weiteres Videoband aus der Linie 1. Der Angeklagte selbst hatte Freunden nach diesem Abend erzählt, dass er in der Straßenbahn eine "Chinesin" getroffen habe, die er habe vergewaltigen wollen.

Kurios: Die junge Frau ist an dem Abend eigentlich schon mit einer früheren Bahn Richtung Freiburger Osten gefahren, wo sie damals gewohnt hat. Dabei schlief sie jedoch ein - und hat deswegen eine "Ehrenrunde" durch die Stadt gedreht: nämlich wieder den ganzen Weg zurück bis nach Landwasser im Westen - und dann wieder Richtung Endhaltestelle Lassbergstraße. Anhand der Auswertung von Handydaten konnte die Kripo die Frau ermitteln. Es handelt sich bei der Zeugin um eine junge Koreanerin, die an diesem Abend in der Stadt gefeiert hatte. Beim Aussteigen in Littenweiler habe Hussein K. die Frau angesprochen, so ein Kripobeamter, der die Zeugin vernommen hat. Die Frau sei dann in ein Taxi gestiegen und mit diesem davon gefahren.

"Für mich hat es den Eindruck, dass der Blick des Angeklagten nahezu die ganze Zeit auf den Körper der Zeugin gerichtet ist", sagt Oberstaatsanwalt Eckart Berger nach Betrachten der Bilder. "Ja, das ist richtig", bestätigt der Kripomann. Verteidiger Sebastian Glathe fragt nach, ob die Zeugin sich selbst wiedererkannt habe. Diese Frage kann der Kripomann nicht beantworten.

10.23 Uhr

Eine kurze Verhandlungspause hat das Gericht genutzt, um Videomonitore aufbauen zu lassen. Dort wird nun, vom Sachbearbeiter der Kripo erläutert, das gesamte Video aus der Straßenbahn abgespielt. Die Fahrt begann um 2 Uhr nachts am Bertoldsbrunnen. Es ist zu sehen, wie die Zeugin, die vorhin ausgesagt hat, recht schnell wieder aufsteht und den Platz neben dem Angeklagten verlässt. Hussein K. führt daraufhin, auch das zeigen die Bilder, offensichtlich mehrere Gespräche am Handy.

9.40 Uhr

Richterin Kathrin Schenk fragt bei der Zeugin nach, ob ihr schon vor dem Einstieg in der Straßenbahn etwas aufgefallen sei. "Ich glaube, dass ich da schon beobachtet worden bin. Das könnte der Angeklagte gewesen sein."

"Es war einfach nicht normal." Zeugin über Begegnung mit Hussein K. in der Tram
Verteidiger Sebastian Glathe will wissen, ob sie sich an die Person aus der Bahn konkret erinnere. Das verneint sie. Sie habe sich die Person auch deswegen nicht gemerkt, weil sie dem Geschehen keine besonders große Bedeutung beimessen wollte, sagt sie. "Ist diese Person anwesend?" Die Zeugin antwortete, dass sie bei der Vernehmung Fotos des Angeklagten gesehen hätte. Ohne diese Fotos hätte sie die Frage nicht beantworten können, erklärt sie. Angesprochen auf den von ihr beschriebenen obszönen Blick, meinte sie: "Es war einfach nicht normal."

Die Szenen aus der Straßenbahn sind auch auf einem Überwachungsvideo der Freiburger Verkehrs-AG (VAG) dokumentiert. Das Video wird am Richtertisch den Prozessbeteiligten, der Zeugin und dem Angeklagten vorgeführt. Dabei geht es vor allem um den Moment, als die Frau auf einen anderen Platz wechselte.

Bilder aus dem Video waren im Zuge der Ermittlungen in der Badischen Zeitung veröffentlicht worden - daraufhin hatte sich die Zeugin bei den Ermittlern gemeldet.

9.37 Uhr

Als erste Zeugin hat das Gericht am Dienstagvormittag eine 39 Jahre alte Freiburgerin befragt. Sie ist dem Angeklagten in der Tatnacht, der Nacht zum 16.Oktober 2016, in der Straßenbahn Richtung Littenweiler begegnet. "Ich erinnere mich daran, dass da eine Person war, die mich bedrängte und die mich störte, vor allem in der Art, wie sie mich ansah", sagt sie.

Es sei ein sehr intensiver Blick gewesen. "Auf die Art und Weise, wie mich dieser Junge ansah, bemerkte ich, dass er auf der Suche nach einer Frau war." Sie habe sich von ihm entfernt, weil sie ein schlechtes Gefühl hatte, ihm nahe zu sein.

Mit ihm gesprochen habe sie nicht und er auch nicht mit ihr. Er habe aber wohl einmal versucht, ihr etwas zu sagen: "Es war nur ein einziges Wort." Welches Wort es war, daran konnte sie sich nicht erinnern. Es könnte etwas wie "schön" gewesen sein, erklärte sie auf Nachfrage der Richterin. Sie habe jedenfalls bemerkt, dass er nicht richtig Deutsch konnte. Der Blick, mit der sie Hussein K. angeschaut habe, sei sehr obszön und aggressiv gewesen. Normalerweise sei sie solchem Verhalten gegenüber tolerant - aber hier sei eine Grenze überschritten gewesen. Er habe von oben nach unten angeschaut und das mehrmals.

Der Siebte Verhandlungstag

Am Landgericht Freiburg wird der Prozess gegen Hussein K. mit weiteren Vernehmungen von Zeugen fortgesetzt. Aussagen wird am Dienstagvormittag unter anderem der Pflegevater des Angeklagten, ein Kinderarzt afghanischer Abstammung. Und das Gericht wird auch eine Zeugin hören, deren Hussein K. am Abend vor der Tat unangenehm aufgefallen ist.

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