Sicherheit fürs Quartier: Türsteher plant Zivil-Patrouille

David Weigend

37 Verdächtige, 215 Straftaten: Die Überfallserie von kriminellen Jugendlichen in Freiburg reißt nicht ab. Der Brennpunkt verlagert sich vom Stühlinger Kirchplatz auf die Ostseite der Bahnlinie. Dort wollen Türsteher nun für Ordnung sorgen.



Zweifellos ist es der Polizei gelungen, durch erhöhte Präsenz am Stühlinger Kirchplatz das zuletzt verlorengegangene Sicherheitsgefühl der Bürger einigermaßen wiederherzustellen. Allerdings ist das Problem noch lange nicht gelöst, es wurde vielmehr verdrängt. Denn weiterhin sorgt eine Jugendbande nordafrikanischen Ursprungs mit Raubüberfällen für reichlich Unruhe im Freiburger Nachtleben. Allerdings scheinen sich die Diebe nun mit den Falschen anzulegen. Denn die Männer aus dem Crash-Keller sind nicht gerade für ihr Angsthasen-Image bekannt.


30 Vorfälle an zwei Wochenenden

"Die Scherereien mit den Überfällen gingen bei uns vor etwa zwei Wochen los", sagt Daniel Mattuscheck, seit vielen Jahren Türsteher der Discothek Crash an der Schnewlinstraße. Clubbesucher wurden auf dem Heimweg von der berüchtigten Jugendbande ausgeraubt. "An den vergangenen beiden Wochenenden gab es bei uns im Viertel um die 30 Vorfälle", sagt Mattuscheck. Zielgruppe der Täter sind angetrunkene Nachtschwärmer, die aus Lokalitäten wie Jazzhaus, Kiez, Crash, Drifters oder Eimer heimwärts steuern. Eine Masche der Täter: einer liegt am Boden und simuliert eine Notsituation. Ein Radfahrer hält an und bückt sich, um zu helfen. Von hinten zieht ihm ein zweiter Täter den Geldbeutel aus der Tasche. "Meist treten die Jungs zu dritt oder zu viert auf", sagt Mattuscheck. "Sie sind schnell und wirken gut organisiert. Und in Sachen Gewalt haben sie keine Hemmschwelle."

Attacke mit Zimmermannshammer

Das hat der erfahrene Kampfsportler vergangenen Samstag am eigenen Leib erfahren (fudder berichtete). "Gegen 2.30 Uhr merkten wir, dass drei Jugendliche Gäste vor unserem Club angehen und ausrauben wollten. Wir griffen ein und wollten sie festhalten, bis die Polizei kommt." Die drei Aggressoren wehrten sich massiv, warfen mit Flaschen, kratzten und bissen. Einer attackierte den Türsteher mit einem Zimmermannshammer. Mattuscheck überwältige ihn und übergab ihn der Polizei.

Die kennt den Übeltäter schon bestens, muss ihn offenbar aber aus juristischen Gründen immer wieder laufen lassen. "Die Jungs von der Bande sagen, sie seien erst 14 und könnten sich nicht ausweisen." Auch die entscheidende Frage nach den Hintermännern ist bislang ungeklärt. Denn die Vermutung liegt nahe, dass die jungen Täter nur Handlanger sind, deren Chefs noch ganz andere Strippen ziehen.

Fragen wie diese beschäftigen die Sicherheitsleute vom Crash weniger. "Wir haben auch nicht die Zeit dazu, die Aufgaben der Kripo zu lösen." Die Kärrnerarbeit der Türsteher ist gefährlich genug. Vor zwei Wochen verfolgte ein Crash-Türsteher einen Handtaschendieb und wurde dabei von einem Auto angefahren.

Verunsicherung im Quartier

Es scheint sich inzwischen nicht mehr nur um das Problem eines Clubs zu handeln, sondern um die Verunsicherung eines ganzen Viertels. "Anwohner, darunter viele Alt-68er und Gastronomen, fühlen sich nicht mehr sicher und fragten uns, ob wir da nicht gemeinsam was tun können", sagt Mattuscheck.

Auch er findet: "Das Maß ist voll. Wir wollen uns diese Bedrohungslage vor der Haustüre nicht gefallenlassen." Und er legt Wert darauf, dass die Aktion nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun habe. Im Gegenteil: Auch unter den Security-Männern und Gastronomen im Quartiersumfeld haben einige arabische Wurzeln.

Es könne nicht angehen, dass eine Bande von kriminellen Underdogs das Freiburger Nachtleben aus den Angeln hebt und Gäste davor abschreckt, bestimmte Clubs zu besuchen. Deshalb will Mattuscheck am Freitag, 23. Mai, ab 22 Uhr mit 20 bis 30 Leuten im Quartier Präsenz zeigen, um die Sicherheit der Nachtschwärmer und Anwohner im Grün zu gewährleisten und die Täter abzuschrecken. "Natürlich sind wir unbewaffnet und handeln im Rahmen des Gesetzes", so Mattuscheck. Aber wenn es hart auf hart komme, werde die Gruppe eingreifen.

37 Verdächtige, 215 Straftaten

Unter dem Aktendeckel UMF ("Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge") ermittelt die Polizei aktuell in 215 Fällen gegen 37 Verdächtige. Vergangene Woche waren es noch 32 Verdächtige und 197 Delikte. Für die Polizei und die Stadt handelt es sich bekanntlich um ein heikles Thema. Polizeisprecherin Laura Riske sagt zu der geplanten Zivil-Patrouille: "Natürlich begrüßen wir aufmerksame Bürger. Bei verdächtigen Wahrnehmungen sollte aber sofort die Polizei verständigt werden."

Riske betont, dass der Polizei keine Verdichtung von Straftaten "im Grün" bekannt ist. Was daran liegen könnte, dass Delikte nicht gemeldet wurden und eine dementsprechende Dunkelziffer existiert. Mattuscheck findet, die Polizei sei bemüht, das Problem in den Griff zu kriegen, habe aber ein Kapazitätsproblem. "Wir wollen jedenfalls nicht abwarten, bis noch was Schlimmeres passiert."

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