"Shore, Stein, Papier": Die YouTube-Memoiren eines Ex-Junkies

Marius Notter

Ein Ex-Junkie sitzt am Küchentisch und erzählt Geschichten: von Heroin, Prostitution und Schlägereien. Jeden Mittwoch erinnert er sich auf dem YouTube-Kanal "zqnce" an die Drogenszene Hannovers in den 90ern. Und das macht süchtig - von der ersten Konsumeinheit an:



Lautes Alufolienknistern ertönt, ein skizzierter Totenschädel mit Zigarette im Mund dreht sich ins Bild, dann tauchen drei Wörter über dem Schädel auf: "Shore, Stein, Papier". Eine weitere Folge des YouTube-Podcasts beginnt.


Menschen, die der Welt ihre Probleme per YouTube aufzwingen, gibt es zu Genüge. Die Youtube-Serie "Shore, Stein, Papier" hat es aber in sich. Hier erzählt ein Ex-Junkie seine Geschichte. Mit Witz, Sarkasmus, pechschwarzem Humor, Melancholie und Ernsthaftigkeit.

Aufgewachsen im schwäbischen Sindelfingen, Scheidung der Eltern, Umzug nach Hannover zum neuen Freund der Mutter mit 13. Das Verhältnis zum Stiefvater ist von Anfang an gestört. Als Deutsche Städte in den 80er und 90er Jahren von Heroin aus Afghanistan und anderen arabischen Ländern praktisch überschwemmt werden, ist er auf der Suche nach Halt und Geborgenheit. Shore, so wird Heroin in der Drogenszene genannt, gibt ihm die Wärme die er gesucht hat.



"Wenn du einmal süchtig bist, bist du immer süchtig. Du lernst nur, es zu kontrollieren und damit zu leben", sagt der anonyme Ex-Junkie, während er am Küchentisch sitzt und eine Zigarette raucht. So ähnlich ist es mit dem YouTube-Kanal "zqnce", auf dem jeden Mittwoch eine neue Folge des Podcasts erscheint. Suchtfaktor: 100 Prozent. Man bleibt auf "Shore, Stein, Papier" hängen wie auf Drogen. Einmal angeklickt, kommt man nicht mehr davon los.

Von Einbrüchen auf Rohypnol, einer Prostituierten, die für ihn und seine Freunde anschaffen geht, LSD-Trips, aber auch dem knallharten JVA-Leben und der Mutter, die ihren Sohn nicht im Knast besuchen will: Der anonyme Junkie hat extrem viel erlebt, und er gibt es vor der Kamera an knapp 36.000 Abonnenten weiter, die mittlerweile schon mehr wollen als nur einen Youtube-Podcast:

"Der Mann muss (bitte, bitte, bitte) ein Buch schreiben, einen 100-stündigen Film machen, eine Serie anfangen mit diesen Folgen (im Fernsehen), bitte ...", schreibt YouTube-User GamesDynamix unter Folge 34. Ist das im digitalen Zeitalter vielleicht die Art, seine Memoiren zu verfassen? Inhaltsstoff für einen entsprechenden Wälzer hätte der einstige Drogensüchtige zu Genüge: Sein Podcast umfässt mittlerweile 71 Folgen, die jeweils zwischen zwei und 22 Minuten dauern.

"Wenn der Affe anklopft, klopft er an!" So erklärt der Erzähler von "Shore, Stein, Papier" auftretende Entzugserscheinungen, und genau das unterscheidet dieses Format von einer Doku, die nachts um halb zwölf auf einem öffentlich-rechtlichen TV-Sender ausgestrahlt wird.

Shore, Stein, Papier #2: Das erste Mal Shore rauchen



Quelle: YouTube


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