Leute in der Stadt

Shahak Shapira will über Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit aufklären

Nina Witwicki

„Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen: Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde“ heißt das Buch von Shahak Shapira. Darin beschreibt der 28-Jährige Israeli sein Leben in Berlin und seine Erfahrungen mit Antisemitismus.

Vor 14 Jahren kam er mit Mutter und Bruder nach Deutschland, genauer gesagt in das kleine Dorf Laucha in Sachsen-Anhalt. "Ich weiß noch genau, wie es war, in Laucha anzukommen", schmunzelt Shapira, "wir hielten mit dem Auto an einer Bahnschranke und neben uns war ein Mann auf dem Fahrrad, der ein Hakenkreuz aufs Bein tätowiert hatte." Eine schöne Begrüßung in Deutschland nennt er das ironisch. In seinem Buch erzählt Shapira mal ernst mal humorvoll oder provokativ, wie er in Deutschland aufwuchs. Einer seiner Großväter überlebte die Shoah, der andere fiel bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 einem palästinensischen Attentäter zum Opfer. Und er erzählt von der Silvesternacht 2015, die sein Leben veränderte.


In besagter Nacht war Shahak Shapira mit Freunden in Berlin unterwegs, in einer U-Bahn schrie eine Gruppe antisemitische Parolen: "Fuck Israel! Fuck Juden!" Der junge Schriftsteller wehrte sich, wurde beleidigt und verprügelt. "Die Presse berichtete über die Geschehnisse, und weil ich kein Opfer, keine Galionsfigur für Antisemitismus sein wollte, ging ich an die Öffentlichkeit", sagt Shapira. Antisemitismus existiere noch heute, man solle sich an den Holocaust erinnern, denn die Gesellschaft habe bis heute noch nicht genug daraus gelernt. Irgendwann wieder nach Israel zurückzukehren hält Shapira für fast ausgeschlossen, denn dort habe er keine Zukunft, er überlege sogar, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen: "Das hätte nur pragmatische Gründe, beispielsweise, um Bundespräsident werden zu können. Jude bleibe ich ja trotzdem." Nach Israel zurückzukehren, um vor möglichen Anfeindungen zu fliehen, hält er für absurd, denn schließlich hätten seine Vorfahren dafür gekämpft, dass Juden heute überall leben könnten.

"Ich würde gerne mehr mit meinem Buch touren, Musik und Stand-up machen und junge Menschen erreichen, um über Antisemitismus aufzuklären", sagt Shapira. Sein Buch habe keine konkrete Botschaft und es gehe auch nicht um das Judentum, denn er selbst sei alles andere als religiös: "Jeder wird seine eigene Botschaft aus dem Buch lesen." Shahak Shapira hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Durch ihn könne der Leser erkennen, so Shapira, dass Fremdenfeindlichkeit und folglich auch Antisemitismus viel zu sehr zum Alltagsleben gehören. Im Zuge der Aktionstage gegen Antisemitismus initiiert vom Referat gegen Antisemitismus an der Freiburger Uni, der Amadeu Antonio Stiftung und der Freiburger Hochschulgruppe von Amnesty International diskutierte Shapira kürzlich mit dem badischen Landesrabbiner Moshe Flomenmann und der Islamwissenschaftlerin Carmen Matussek über "Alltagsantisemitismus" in Deutschland. Sein Schlusswort dort: "Man sollte Menschen vorurteilsfrei begegnen, sich solidarisch zeigen und gegen Rassismus einstehen, auch wenn man nicht selbst betroffen ist."

Aktionstage gegen Antisemitismus: Thomas van der Osten-Sacken hält am 10. November um 20 Uhr im KG I der Uni, Hörsaal 1098, den Vortrag "Antisemitismus im migrantischen Milieu".