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Sexuelle Übergriffe gibt es auch bei schwulen Männern

Dita Whip

Sexuelle Übergriffe sind nicht selten – auch bei schwulen Männern nicht. fudder-Kolumnistin Dita Whip hat solche Übergriffe selbst schon erlebt – und mahnt jeden, sein eigenes Verhalten stets kritisch zu hinterfragen.

Als ich auf die Toilette gehe, folgt mir ein Mann. Nichts Besonderes… wäre da nicht das Detail, dass er mir innerhalb von 30 Sekunden seinen Penis entgegenstreckt, meine Hand nimmt und an sein Genital drückt. Zehn Minuten zuvor, an der Bar, fragt er mich, ob ich "Lust habe, mich mal richtig fett ficken zu lassen". Meine Antwort war ein extrem deutliches "Nein".


Nun bin ich persönlich eher robust und habe dem Herren, mit sanft satanischem Druck auf die Weichteile, und gezieltem Drücken gegen die Wand, klar gemacht, dass mein Interesse an seinen angekündigten 22 Zentimeter doch eher so null Zentimeter weit geht. Auch wenn mir persönlich das Ganze nicht viel ausgemacht hat (Innerlich tot zu sein hat auch seine Vorteile!), denke ich seitdem oft darüber nach, dass es anderen sicherlich nicht so einfach fällt, eine solche Situation mal so eben abzutun. Ich habe also meinen Freundeskreis befragt. Wer hat schon einmal eine Art sexuellen Übergriffes erlebt? Die Antworten zeigen: Das Problem ist verdammt ernst.

Kavaliersdelikte- verboten, und trotzdem toleriert

Ich erfahre von verschiedenen Übergriffen auf verschiedenen Ebenen: hochgezogene T-Shirts, ungewollten Streicheleien, Kniffe in den Hintern, klammernde Umarmungen von hinten. Einer meiner befragten Freunde sieht diese Art der Belästigung schon als "normal" und "kaum noch erwähnenswert"; Kavaliersdelikte, verboten und trotzdem toleriert. In der Steigerung höre ich viel von ungebetenen Küssen, Griffen in den Schritt und verbalen Belästigungen unter anderem in der Straßenbahn. Die (ungefähre) Aussage: "Ich bin ein dominanter Ficker, der es dir richtig besorgen kann!" habe ich bei der Recherche zu diesem Text nicht nur einmal erzählt bekommen. Die letzte Kategorie an Vorfällen kann ich nur als sexuelle Nötigung bezeichnen. Ich höre von Griffen in die Unterhose (vorn oder hinten) oder der Griff an den Penis am Pissoir. Ein Freund benutzt deshalb seit einer Weile fast nur noch die Toilettenkabinen, "allein schon, um den Blicken auszuweichen".

In einer Toilettenkabine wurde ein weiterer Freund von gleich zwei Männern auf einmal bedrängt, während ein Bekannter sich beim Gang auf eine öffentliche Toilette in der festen Umarmung eines Fremden fand, welcher ihm in den Schritt griff und ihm ins Ohr flüsterte: "Du willst es doch auch!".

Ein "Nein" hat beiden nicht weiter geholfen, ein "Nein" hat keinem der Leute geholfen mit denen ich gesprochen habe. Zwar haben sich beide aus den Situationen wieder befreien können, allerdings nur mit Gewalt. Das sollte auch klar zeigen: Nicht jeder kann sich in solch einem Fall gleich gut verteidigen, nicht jeder kann sich in einer solchen Situation darauf verlassen, groß, kräftig und gleichzeitig auch noch selbstbewusst genug zu sein, um sich zu wehren.

Normalzustand des Abnormalen

Weshalb ist es bei schwulen Männern ein scheinbarer Normalzustand, andere sexuell zu belästigen und ihre Intimsphäre wie auch körperliche Selbstbestimmung zu verletzen? Haben jahrelange soziale Repression, der Paragraph 175 und das gezwungenermaßen versteckte Ausleben von schwuler Sexualität so starke Schäden in der kollektiven "Normalität" von Schwulen hinterlassen? Liegt es daran, dass es sich hier schlicht um eine schwule Variante von toxischer Maskulinität handelt? Liegt es daran, dass wir in einer "rape culture" leben? Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung! Vielleicht ist es alles von dem, vielleicht aber auch nichts. Die Realität – das wird jetzt so widerlich käsig und abgedroschen klingen - liegt irgendwo dazwischen.

Fakt ist, dass wir nicht wirklich über das Problem der Übergriffe schwuler Männer untereinander reden. Dank "Me Too", "Aufschrei" und anderen Aktionen, sprechen wir zunehmend über das sexualisierte Gewaltproblem, das Frauen alltäglich erleben müssen. Wir sensibilisieren uns langsam, was die Probleme von Trans*Personen mit sexualisierter Gewalt und Übergriffen betrifft. Doch schon bei heterosexuellen Männern wird der Diskurs dünn, bei homosexuellen Männern ist er so gut wie nicht existent.

Die Situation des Problems ist: Komplex!

Die wahre Komplexität des Problems zeigt sich erst, wenn man als Person in der Betrachtung nach innen geht – und es unangenehm wird. Es gibt kein klassisches Trennen von Täter und Opfer in einer "schlecht durchleuchteten" Sache. Was keiner gern zugeben mag: Täter kann jeder werden. Ein Griff an den Hintern, ein hochgezogenes T-Shirt oder der Griff in den Schritt – manch einer hat sich selbst schon eines Kavaliersdeliktes schuldig gemacht. Ironischerweise mit dem Wissen, das es falsch ist. Um der Komplexität die Krone aufzusetzen, bleibt nur noch zu erwähnen, dass nur weil man selber schon Opfer war, man nicht davor gefeit ist, selbst Täter zu werden.

Nach meiner Meinung ist das mit einer der Gründe, weshalb die Thematik nicht offen besprochen wird. Welches Opfer, was zugleich auch Täter sein kann, will schon ein Thema besprechen, welches die klassischen Problematiken von Grenzüberschreitung, Scham, Ideen von Männlichkeit und queere Sexualität vereint? Es ist ein schieres Pulverfass der Komplexität.

Am Ende bleibt mir das Wissen, dass es ganz klare Muster gibt. Ich habe 20 homo- oder bisexuelle Männer aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis befragt, ob sie selbst schon einmal sexuelle Übergriffe erdulden mussten. Ganze 17 haben solche schon erlebt, also 85 Prozent. Eine Zahl, die klar macht, das zwingend etwas passieren muss. Zwischen eigener Naivität und kalter Realität kann ich nur fordern, dass wir alle weniger Täter sein müssen, dadurch weniger Menschen zu Opfern werden und diese wiederum selbst keine Täter werden.

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