Sex, drugs and Second Life

Christoph Müller-Stoffels

Das zweite Leben gleicht immer mehr dem ersten. Kaum in der neuen Welt, gibt sich unser Autor Christoph schon einem totalen Lotterleben hin. Heute berichtet er von überdimensionalen Joints, Cybersex und einer Sado-Maso-Schule.



"Geh nach Hyles," hat Al gesagt, den ich vor der Zentrale der Nachrichtenagentur Reuters getroffen habe. "Dort findest du Hilfe und viele Leute." Der in Kalifornien lebende Schwede bietet mir noch seine Freundschaft an, ehe er sich ausloggt. "Bei mir ist es vier Uhr morgens. Eigentlich wollte ich gar nicht so lange bleiben." Das ist wohl tatsächlich ein Problem. Es gibt viel zu sehen, viel zu lernen in der neuen Welt. Da kann einen schon mal das Zeitgefühl an der Nase herumführen.


Ich gebe "Hyles" in die Suchmaske ein und teleportiere mich dorthin. Tatsächlich ist einiges los hier. In einem Pavillon direkt am Meer sitzen ein paar Leute zusammen und reden. Spanisch. Englisch. Deutsch. Es ist sicherlich nicht schlecht, mehr als nur eine Sprache zu können, auch in der virtuellen Welt. Und sei es nur, einen Joint zu erbitten, den ich auch tatsächlich bekomme. Genau genommen sogar dreimal, weil ich es erst nicht auf die Reihe kriege, die riesenhafte Tüte in den Mund zu stecken. Eine veränderte Wahrnehmung bemerke ich nicht. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich nicht inhaliert habe. Ein Fuchs mit Rose im Mund offeriert mir einen Tango. Als ich annehmen will, gibt er zu, auch nicht zu wissen, wie das gehen soll.

Die meisten Bewohner, die ich bislang getroffen habe, sind neu hier. Dabei will ich doch die erfahrenen treffen, die, die mir etwas beibringen können. Ich fliege etwas ziellos durch die Gegend und lande vor einem Gittertor, das den Eingang zu einem Hof markiert. Drinnen sehe ich einen Käfig, in dem ein Bewohner steht. Als ich neugierig näher trete, bemerke ich große Plakate, auf denen leicht bis gar nicht bekleidete Frauen absoluten Gehorsam anbieten oder einfordern, ganz nach Wahl.

Eine Frau mit auffälliger Frisur und einem grünen Etwas, das entfernt an ein Kleid erinnert, tritt zu mir und erklärt, ich sei in einer SM-Schule gelandet. Na super! Wie lange sie denn schon ein zweites Leben führt, will ich wissen. Drei Monate. Ich gebe mich beeindruckt. Ein blaues Fenster informiert mich, dass Syles, so ihr Name, mir etwas geben will. "Here you have nipples and a cunt," informiert sie mich über den Chat. "I weared them for such a long time, and I think you could use them." Etwas irritiert bedanke ich mich. Eine Veränderung nehme ich auch jetzt nicht wahr. Vielleicht kann ich im Haus etwas damit anfangen.

Die SM-Schule wirkt schlicht. Im Erdgeschoss scheint sie ein normales Wohnhaus zu sein. An einer Wand steht die Aufforderung, sie zu berühren. Schemen einer Person sind zu erkennen. Drei verschiedene Knöpfe, die man nach einander drücken kann, lassen Textzeilen erscheinen, die darüber informieren, welchen Erregungsgrad die Schemen-Frau erreicht. "Her nipples are getting harder." Das ist also Cybersex? Gelangweilt gehe ich die Treppe hinauf in den ersten Stock.

Durch eine Toilette hindurch gelange ich in einen großen Raum. Auch hier steht ein Käfig. Daneben hat sich ein Bewohner auf was auch immer schnallen lassen und scheint darauf zu warten, dass jemand auf sein Spielchen eingeht. Ich klicke einen Knopf und kann ihn begatten. Außer, dass mein Avatar die Hüften hin und her schiebt, passiert nichts. "Yeahe," übermittelt mir Vins via Chat. Ihm scheint es zu gefallen. Mir nicht. Ich lasse ihn hängen und gehe wieder raus, nicht, ohne vorher die Toilette ausprobiert zu haben. Allerdings scheint es meinem Avatar völlig egal zu sein, ob seine Blase voll oder leer ist. Auf dem Hof lässt sich ein Bewohner inzwischen von einem kleinwüchsigen Avatar erziehen.

Nach kurzem Flug lande ich bei schönen Villen. Hochzeiten werden hier veranstaltet. Jedenfalls behauptet das eine Tafel. Also kann man hier auch heiraten. Auf dem Weg hierher habe ich auch zwei Bewohner knutschen sehen. Ob echte Menschen wohl so ihren Mangel an Zärtlichkeiten kompensieren? Auf einer schönen Bank vor einem Kamin liegend gebe ich mich den Gedanken hin. Morgen suche ich mir einen Job, denke ich, ehe ich sanft entschlummere.