Sex an Karneval ist wie Backen ohne Mehl

Dirk Philippi

Wenn dem besten Freund die Freundin fremdgeht, dann bleibt das nicht ohne Konsequenzen für einen selbst. Da hat man dann gefälligst hinzufahren, zu dem Freund, in eine andere Stadt, und ihn zu bergen – ob er will oder nicht. Vom misslichen Versuch einen Trauernden oder zumindest Teile von ihm wieder aufzurichten.



Tim und ich stehen mit Marek mitten in Köln, können den ‚Grill am Ring’ riechen und müssen uns entscheiden. Rein in den Club und Schmerzen töten oder heim und versuchen, einen untröstlichen Freund zu trösten. Eine neue Frau soll Marek retten. So viel steht fest!


Weitere Artikel: Es war Karneval in Köln, die Straßen voll und die Menschen um uns herum noch viel voller. Sie hatten sich rote Papprunkeln in die Visage geflantscht und den Kollektiv-Schlüpfer über die Rüben gezogen. „Ole, wir fahr´n in Puff nach Barcelona (…)“ – Na dann, viel Spaß! Während sich die Dauerwellendekadenz Phantasie- Alkoholika („Sockenqualmer“, „Schlüpferstürmer“ u.a.) in den Hals schüttete und man mit ihrem Blut ohne Probleme ein Mofa hätte antreiben können, drohte unser Plan noch in letzter Sekunde zu scheitern.



Mareks Freundin, die übrigens auch Tims und meine Freundin war, also nicht so richtig, eben eine gute Freundin, herrje, ihr wisst, was ich meine, also Maren hatte ihn vor 28 Tagen verlassen, und das für einen ausgewiesenen „Ich mach in Medien“-Volltrottel. Mal ehrlich, das wünscht man nicht einmal seinem dicksten Pickel. Abgemeldet für eine Yuppie-Nachgeburt, welch Trennungs-GAU! Nun, unser allseits geliebtes Ma-Ma-Paar war jedenfalls Geschichte. Und seit dem Tag, als Maren Marek vom Volltrottel gebeichtet hatte, schwankte unser Freund nun zwischen der Entscheidung, in ein Michael-Douglas-Kostüm zu schlüpfen und „Falling Down“ nachzuspielen oder an Unterernährung und Verlust der Tränenflüssigkeit einzugehen. Es war definitiv an der Zeit, ihn aus dem Loch wieder rauszuholen, in das sie ihn geworfen hatte. So sind wir, ganz Mann, dorthin gefahren, wo Männer noch als solche gesucht und gefunden werden, dort, wo der „Erwin der Heidi von hinten an die Titten fasst“ (ja, es sind die Titten und nicht die Schultern!).

Schon den ganzen Tag hat Marek gespürt, was wir mit ihm vorhaben und sich geziert wie ein Neuntklässler vor dem Schulgottesdienst. Man kann es ihm ja nicht einmal verdenken, dass er auf seinen Grundrechten für Verlassene pochte: drei Wochen mit einer Kiste Pennerglück ins Bett verkriechen, Johnny Cash in Endlosschleife hören und nachts willkürlich Leute anrufen und ein langes "WARUM?" in den Hörer schreien, das hat seinen ganz eigenen Charme. Außerdem kann sich ein Betrogener in alle zur Verfügung stehenden Beine und Arme flüchten und bei ungenügender Bettreife der Arm-Bein-Konstruktionen mit gebrochener Stimme ein bedrücktes "Du, sorry, aber ich bin einfach noch nicht so weit" verkünden.



Nun aber stehen wir in unseren 70er-Jahre-Porno-Klamotten in der Warteschlange vor dem „Alten Wartesaal“ und sind fest entschlossen mit Marek zurück ins echte Leben zu gehen. „Och, die Musik da drinnen klingt aber langweilig. Und 10.- Euro? Das ist aber echt mal voll teuer!“, klingt Marek wie ein abgeknicktes Gänseblümchen, doch wir bleiben hart, schließlich wollen auch wir unseren Spaß. „Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn später einmal, warum nicht jetzt?“, kontere ich seine Flennerei, während Tim zahlt - für drei.

Eine knappe Stunde ist vergangen, da lehne ich läufig an der Bar, neben mir eine geflügelte Elfe, eingerahmt von einem bestrapsten Cowboy und einem Kamel ohne Höcker. Dort, wo zuvor noch mein Magen war, tobt mittlerweile ein tollwütiges Wiesel. Die Stimmung ist so heiß, dass meine Wangen aussehen wie ein Erdbeerfeld. Marek und Tim habe ich gleich hinter der Garderobe aus den Augen verloren und bislang nicht wieder gesehen. Mein Sehnerv huldigt allein der Elfe, die mit jedem Hüftschwung ihre Flügel schwingen lässt.

Wir quatschen. Wir quatschen über Freiburg, die Uni, Köln und die Zukunft. Wir quatschen übers Verlassenwerden, Karneval und Berufsaussichten. Wir quatschen und flirten – so denke ich jedenfalls, als Tim plötzlich auftaucht: „Hey, was geht? Wo steckt Marek?“ Ich habe keine Ahnung, stelle aber höflich meine Gesprächspartnerin vor: „Tim, das ist eine Elfe, Elfe, das ist Tim!“ „Schöne Flügel“, schleimt Tim sich ein, und sie fragt: „Sag mal, Dein Kumpel hier, quatscht der immer so viel oder kann der nicht küssen?“ - Danke. Vielen Dank! - Ich hasse Karneval, ich hasse hübsch Bützchen geben und ich hasse es, dass die Elfe alles durchschaut hat. Natürlich lässt sich ihr Stolz ein folgendes 10-minütiges Zungenkuss-Attentat nicht entgehen, und als mir der Schlampenengel drei Mal herzhaft in die Zunge beißt, flüchte ich zur Tanzfläche.



Um mich herum lauter Buntes. Köpfe mit aufgestellten Haaren und nackte Bäuche mit Gänsehaut. Geschminkte Gesichter, die schwitzen und Falten werfen. Humor-Henker mit diabolisch dreizackigen Witzableitern, Zombies der Heiterkeit und flach feuernde Spaßhaubitzen, die aus ihren miefigen Gräbern aufgestiegen sind, um uns in ihr Reich zu schunkeln. Aber wo ist Marek?

„Sex mit jemand, den man liebt, ist wie ein Trip ins Universum, der andere Sex wie ein Ausflug an den Baggersee – auch nicht übel“, hatte er selbst stets seine Lieblings-Kolumnistin zitiert, und ganz in diesem Sinne schien unser Plan aufgegangen zu sein. Ich sehe Marek dort, hinter den Boxen, auf einem Hocker. Auf ihm, das Gesicht ihm zugewandt, ein unverkleidetes, weil bis auf leichte Wäsche beinahe unbekleidetes Mädchen, ihre eine Hand in seiner Hose, die andere wie ein Rodeoreiter gen Himmel gestreckt. Marek sieht aus wie lange nicht mehr und nicht, dass ich ihm nicht neidlos ein Nobelpreisträgerinnen- Unterwäschemodel gönnen würde, aber ich fange an, mich vor unserem Plan zu ekeln.

Tim, der mit einer dunkelhäutigen Transe im Marylin-Monroe-Dress flirtet (angeblich hat er das mit der Transe, blau wie er war, nicht bemerkt, so beteuert er zumindest heute noch), kann ich als Hilfe vergessen. Mein „Wir müssen raus hier!“ beantwortet er jedenfalls mit einem „OK, und bring uns noch zwei ‚Sex on the Beach!’“ So sehr ich mich selbst zu Beginn noch nach Honig in Bauchnabeln und Zuckerwatte auf Kusslippen gesehnt hatte, so deutlich sehe ich jetzt alles: All die volltrunkenen Mädels haben eine erotische Ausstrahlung, die nicht einmal reicht, um eine Tischlampe zu betreiben, während die Jungs sie betrachten wie Grundschüler ihre Geburtstagsgeschenke. Alles ist beliebig hier. Alles. Nicht einmal hübsch. Nur beliebig.



Natürlich, war es unsere Idee. Wir hatten für Marek Sex im Vorbeigehen vorgesehen, wie Small Talk oder eine Runde am Flipper. Karnevals-Sex - wie Backen ohne Mehl. Abwechslung statt Auswechslung, Lust statt Last und Treiben statt Tränen. Aber das hier war widerlich und Marek tat mir jetzt noch viel mehr leid als zuvor. Doch ist er jetzt hin? Gerade als ich ihn suchen will, klopft er mir auf die Schulter: „Danke Dir, aber lass uns verschwinden, Amigo!“

Im Taxi ist es so lange ruhig bis das Funkenmariechen auf dem Fahrersitz das Radio anwirft: „Mia fällt oin Oi aus meine Hos, die Jecke, die sind wieder los!“ – Marek lacht und ich lache mit und gemeinsam schütteln wir unsere Köpfe. „Das ist nichts für uns, das ist nicht einmal echt!“, sage ich und Marek nickt – zum ersten Mal wieder zufrieden.

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