Seppo, Willi und Yvi: Warum wir Longboard fahren

Lorraine Kihl

Zwar schneit es noch nicht: Es wird aber kälter, und der lange Herbst scheint endgültig vorbei. Und um uns von ihm zu verabschieden, stellen wir euch in den nächsten Tagen noch schnell die Freiburger Longboardszene vor. Heute: Warum fährt man überhaupt Longboard? Seppo, Willi und Yvi geben Auskunft.

Seppo



Seppo ärgert sich darüber, dass Longboarden den Ruf hat, ein gefährlicher Sport zu sein. Es ist schwer, den 24-jährigen, hyperaktiven Physiotherapeuten einzufangen. Mit Begeisterung spricht er aber dann über seine Leidenschaft.


Letztes Jahr kamen drei Leute vom Layback-Team für Trainingspläne zu mir, weil sie an einem Bobbahnrennen in Deutschland teilnehmen wollten. Einer von ihnen verletzte sich dabei, woraufhin ich ihn längere Zeit behandelte. Irgendwann sagte er: Hey, komm mal mit, ich zeige dir das Longboarden. Nach einer Woche habe ich ein Brett gekauft. Ansteckend.

Was mir sofort gefallen hat, ist, dass man so schnell Fortschritte macht. Du probierst was ein paar Mal aus, es klappt und macht Riesenspaß! Und du willst mehr. Es ist gut, dass es in Freiburg einen Longboardstammtisch gibt: So lernst du mit den Profis.

In der Orthopädie kommen alle 20 Minuten wildfremde Menschen zu mir, weil sie Schmerzen haben. Schmerzen. Den ganzen Tag lang. Da bin ich froh, wenn ich mal den Kopf frei bekomme. Und das geht am besten mit 'nem Longboard. Einmal kam ein alter Patient zu mir in die Praxis, ein Philosoph, der mir etwas vom Meditieren erzählte. Und genau das ist es, was ich beim Longboarden erfahre: Es macht mir den Kopf frei.

Solche Gefühle hatte ich teilweise auch schon bei anderen Sportarten - beim Mountainbiken oder Klettern. Aber die Leute waren nicht dieselben wie beim Longboarden. Es ist wahrscheinlich eine Frage der Mentalität: nette, unkomplizierte Menschen, mit denen ich mittlerweile echt gut befreundet bin.

Wir fahren immer geschützt Longboard. Natürlich habe ich mich trotzdem schon ein paar Mal verletzt, aber es waren meistens nur Schürfwunden. Man muss am nächsten Tag halt noch arbeiten gehen können. Schmerztabletten ...

Die meisten Leute treiben Sport, um fit auszusehen und können nicht nachvollziehen, was daran so spaßig sein soll, einen Berg herunterzufahren. Ich mache Sport aus Spaß. Joggen? Nee! Vergiss es! Ist zum Kotzen!

Willi



Willi bemüht sich, mir konkret und vollständig zu antworten. Das Thema Longboarden liegt dem 26-jährigen Deutsch-Franzosen am Herzen. Kein Wunder, seit ein paar Monaten ist aus einer Leidenschaft eine Vollzeitbeschäftigung geworden: Willi produziert nun selber Bretter.

Ich fahre seit zwei Jahren Longboard. Damals wohnte ich noch in der Bretagne in Westfrankreich und suchte einen Ersatz fürs Snowboarden. In Freiburg entdeckte ich dann den Longboardstammtisch und mit ihm eine andere Art zu fahren. Dort lernte ich auch Longboader vom Layback-Shop kennen und fuhr mit ihnen den ganzen letzten Winter hindurch - egal ob es regnete oder schneite.

Skateboard fahre ich seit meiner Kindheit. Mein erstes Snowboard habe ich gebaut, als ich neun war: Ich schraubte zwei Skier an einem alten Brett fest, und zwei Riemen für meine Füße. So was habe ich ständig gebastelt.

Ich bin ausgebildeter Fräser, und als im Juli ein Platz in der Werkstatt vom Layback frei wurde, habe ich sie übernommen. Ich wollte schon immer einen Beruf finden, der nicht nur Broterwerb ist, sondern der mir auch Spaß macht. Keine Arbeit hatte mich bisher zufrieden gestellt, weswegen ich auch bereit war, für meine Leidenschaft – und für wenig Geld - zu arbeiten. Manchmal basteln wir Bretter, die mit klassischen Longboards nicht mehr viel zu tun haben, die aber witzig aussehen. Und mit denen fahren wir dann.

Beim Longboarden geht es auch um Freundschaft. Ohne den Longboardstammtisch hätte ich es vielleicht nicht geschafft, mich in Deutschland zu integrieren und wäre nach ein paar Monaten nach Frankreich zurückgekehrt.

Was mir am Longboarden außerdem gefällt: Die Szene unterliegt noch nicht der Sportindustrie und Werbung, wie es etwa beim Snowboarden der Fall ist. Du musst dich an keine Trends anpassen. Einfach ein Brett, ein Paar Sneakers - und das ist es dann. Vielleicht ändert sich das in zehn Jahren, aber ich glaube, dass im Vergleich zum Snowboarden immer der Spaß wichtiger sein wird als die Konkurrenz.

Longboarden ... Schon ab zehn Stundenkilometern vertiefst du dich in das Schwingen deiner Beine, in das Rollen. Allein schon, sich so zu bewegen, ist zauberhaft. Egal, wie besorgt oder glücklich: Du bist einfach in einer anderen Welt. Das Adrenalin ist da das Sahnehäubchen. Beim Sport brauche ich immer ein Brett oder ein Fahrrad, etwas, um meine Hände oder meine Füße zu beschäftigen - wie ein Spielzeug. Das ist es vielleicht, das Longboarden: Die Suche nach einer einfachen Freude, nach dem Leichtsinn, dem wir als Kinder nachgingen.

Yvi



Die Longboardszene zählt wenige Frauen. "Vielleicht schüchtert sie ein, dass Longboarden angeblich ein Männerding ist“, mutmaßt Yvi. Die 23-jährige Soziologiestudentin hat sich von solchen Vorurteilen aber nicht abschrecken lassen. Sie verbringt ihre ganze Zeit in der Uni, im Layback-Shop, wo sie arbeitet, und auf dem Brett.

Ich habe das Longboarden durch einen Freund entdeckt. Am Anfang habe ich es einfach als Fortbewegungsmittel benutzt und bin einfache Strecken wie die Himmelreich-Tour gefahren. Ich bin auch schon mit zwei Freunden in Holland gewesen, wo wir berucksackt lange Strecken gefahren sind. Das war allerdings ziemlich anstrengend, da Holland bekanntlich ziemlich flach ist. Fazit: Nie wieder!

Mit dem Sliden und Curven habe ich erst nach einem halben Jahr angefangen. Inzwischen ist mir das Longboarden so wichtig geworden, dass ich mir schon Sorgen darüber mache, im Winter nicht mehr fahren zu können. Ich brauche einen Ersatz, und ich bin ganz schlecht darin, mich selbst zu beschäftigen. Wenn ich zu Hause bin, kann ich mich zum Beispiel nicht einfach hinsetzen und ein Buch lesen. Ich brauche Action!

Am Longboarden mag ich auch die Gemeinschaft. Früher hätte ich mich mit Freunden auf einen Kaffee getroffen, was nett ist. Aber dass wir mit der Clique immer unterwegs sind, dass wir spontan in den Schwarzwald fahren, andere Ecke von Freiburg sehen, finde ich super.

Das Brettgefühl. Als ich mich noch nicht daran gewöhnt hatte, fühlte es sich so an: Oh, mein Gott, ein Steinchen! Aber dann: Begeisterung! Ich merke, dass langsam der ganze Körper mitspielt. Ich habe früher Ballett getanzt und finde beim Longboarden dieses Körpergefühl wieder. Es ist schwer zu erklären ... so unbeschwert: der Eindruck, mit dem Brett eins zu sein.

Manchmal singe ich auch beim Fahren. Sehr schief. Es ist wie beim Autofahren: Du bist allein und entspannt, fühlst dich frei und fängst an zu singen. Vor ein paar Wochen sind wir ziemlich lang in den Bergen unterwegs gewesen. Die anderen haben meinen Ohrwurm erst in der Gondel mitbekommen: Johnny Cash, 'Come on, get rhythm'.

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[Aufgezeichnet von Lorraine Kihl]