Seniorinnenverführer

David Weigend

Die sieben Kastelruther Spatzen dominieren seit ihrem 1990er-Hit "Tränen passen nicht zu dir" den Markt des volkstümlichen Schlagers. Sie haben vermutlich mehr Kronen (der Volksmusik) in ihren Landhäusern liegen als dereinst die Könige von Württemberg. Gestern abend machten die verträumten Südtiroler mit den abgeschnittenen Wollkrawatten die Rothausarena zum "Atlantis der Berge". 2100 betagte Zuschauer zogen begeistert mit.



Fackeln, Funkenfontänen, dann treten sieben Paar Kosakenstiefel auf die rosa ausgeleuchtete Bühne. Mit "Jedes Abendrot ist ein Gebet" eröffnet Sänger Norbert Rier den Gig mit einem typischen Spatzen-Singalong der Marke "Gotteslob meets Bergdoktor". Rosa leuchtet auch der Zwiebelturm im stilisierten Alpendorf auf der Pappmachédeko im Hintergrund. Später kommt noch Hühnergegacker vom Band dazu. Willkommen in einer Welt, in der man noch glaubt, dass "Träume wahr werden und Reden Silber ist, aber Singen Gold!"


Das Bandmotto, zugleich Titel des aktuellen Albums, trifft auf Frontmann Rier tatsächlich zu. Andere Vertreter des Genres glänzen in ihren Ansagen mit hölzerner Souveränität und hundertmal geprobten Gags. Nicht so Rier. Er verheddert sich gern in seiner eng gestrickten Gedankenwelt zwischen "Themen, die auch im Alter vorkommen" und Naturesoterik à la "Tränen der Sonne".



Ins Leere laufende Songankündigungen Riers werden oft nur durch ein trockenes Lachen von Schlagzeuger Rüdiger Hemmelmann gerettet. Verständlich also, dass Saxophonist Valentin Silbernagl in den Spielpausen mit seinen Fingern ungeduldig auf seinen Saxophonklappen herumklappert.



Die 2100 angereisten Fans stört das wenig und an die Fotoregelung des Veranstalters ("Nur während der ersten drei Lieder und ohne Blitz!") halten sich die vogelwilden Seniorinnen in Landhausmode erst recht nicht. Selbst, als das Konzert weit voran geschritten ist, trauen sie sich noch bis vor die Bühne, um abzudrücken und nehmen in ihrem Spatzentaumel selbst das Risiko in Kauf, den Sitzplatz am Rückweg nicht mehr zu finden. "Mein Herz schlägt hoch auf meinem Weg hinab ins Tal", trällern die Spatzen dazu passend.



Beim Kastelruther Classic "Der alte Herrgottschnitzer" kommt man sich vor, als ob unter einem die Berliner U-Bahn durchdonnert, dabei sind es doch bloß die aufgeregt trippelnden Wanderstiefel des Hintermanns, der die Stuhlbeine des vor ihm Sitzenden als perkussives Instrument benutzt.

Wer Blut geleckt hat bei diesem Konzert, der wird sicher auch mitfahren bei der 4. Kastelruther Spatzen Kreuzfahrt auf der MSC Sinfonia, am Shirtstand kräftig beworben. Im Prospekt abgebildet sind unvergessliche Vorgeschmäckle, etwa Gitarrist Kurt Dasser, der in der schiffseigenen Spatzendisco dieselbe Rockaxt schwingt wie auf der Bühne der Rothausarena. Rot markiert ist der Hinweis: "Deutsch sprechender Arzt an Bord".