Seniorenstudium an der PH: "In Geschichtsseminaren sind wir als Zeitzeugen beliebt"

Claudia Füßler

Seit 25 Jahren lernen an der Pädagogischen Hochschule (PH) auch sogenannte Seniorenstudenten, zurzeit 600 an der Zahl. Was sind das für Leute, die sich da unters die Studierenden mischen? Claudia Füßler hat mit dem "normalen" Studenten Uwe Schäfer (32), der im sechsten Semester Mathe und Physik auf Grundschullehramt studiert, und zwei Seniorenstudentinnen gesprochen.



Die Psychotherapeutin Margot Olschewski (54) besucht vor allem Germanistikseminare. Die 75-jährige Beate Czibulinski hat sich den Schwerpunkt Geschichte ausgesucht.


Herr Schäfer, Sie studieren, um später einmal als Lehrer arbeiten zu können. Was aber war Ihre Motivation, Frau Olschewski, Frau Czibulinski?

Margot Olschewski: Mir geht es darum, mal etwas anderes zu machen als den eigenen Beruf. Instrument lernen, Sprachen lernen – das hatte ich alles schon. Jetzt genieße ich die späte Freiheit und bilde mich ganz nach Lust und Laune fort.

Beate Czibulinski:
Ich hatte jahrzehntelang das Haus voll mit Kindern, Enkeln und deren Schulfreunden. Statt mich ausschließlich um andere zu kümmern, tue ich mir nun selbst was Gutes. Das klappt mit dem Seniorenstudium deshalb so gut, weil es mich gleichzeitig an die Hand nimmt und fordert.

Lernen alt und jung unterschiedlich?

Czibulinski: Ja, auf jeden Fall. Wir haben ja keinen Druck mehr, irgendwelche Prüfungen bestehen zu müssen. Andererseits ist da natürlich auch ein gewisser Ehrgeiz, nach dem Motto: Das kann ich auch noch.

Olschewski: Lernen hängt ja auch von der Motivation ab. Da sind wir Seniorstudenten teilweise motivierter, weil wir nur das machen, was wir wollen. Ein richtiges Studium wäre für mich schon wieder Stress. Lieber belege ich ein Seminar und genieße jeden Roman, den ich lese.

Uwe Schäfer: Einspruch! Wir sind doch auch motiviert.

Olschewski:
Sicher, aber dennoch gibt es Sachen, die ihr zum Beispiel für einen bestimmten Schein belegen müsst. Bei mir gibt’s keine Pflicht mehr, ich gehe nur zu dem, was mich wirklich interessiert.

Wie sieht das Lernen konkret aus?

Schäfer: Also ich nutze vor allem die E-Learning-Plattform. Die Materialien für uns werden ja fast überhaupt nicht mehr kopiert, sondern nur noch online gestellt.

Olschewski: Echt? Das gibt’s bei uns nicht, oder?

Czibulinski: Doch, doch, das gibt es. Aber es ist nicht so verbreitet, weil viele Ältere ja noch mit Papier lernen. Ich weiß noch, wie ich mit 68 Jahren angefangen habe mit diesen komischen Computern. Da muss man sich ja mal eingewöhnen.

Olschewski: Das stimmt. Ich lerne aber auch mit einem Mix: Manches im Internet, da schaue ich gerne mal nach zu einem bestimmten Thema. Und dann eben klassisch mit Büchern und Ausdrucken.

Schäfer: In der Bibliothek lerne ich natürlich auch viel.

Czibulinski:
Da ist mir übrigens aufgefallen, dass die Semesterapparate fast verschwunden sind. Als ich angefangen habe, gab es davon noch jede Menge.

Fällt das Lernen mit einer größeren Portion Lebenserfahrung leichter?

Olschewski: Nein, das glaube ich nicht. Obwohl man schon dazu neigt zu denken, man wüsste nach einmaligem Hören Bescheid. Aber natürlich brauchen wir die Wiederholung genauso wie Jüngere.

Schäfer: Ich denke nicht, dass das von großer Bedeutung ist. Viel wichtiger ist doch, dass Seniorstudierende das Neue in einen ganz anderen Kontext einordnen können, in Geschichte zum Beispiel.

Czibulinski:
Oh ja – in Geschichtsseminaren sind wir sehr beliebt als Zeitzeugen.



Was bedeutet Studentenleben für Sie abseits der Vorlesungen und Seminare?

Schäfer (Bild oben links): Naja, ganz so exzessiv, wie sich das mancher ausmalt, ist es nicht. Das Studium ist viel verschulter geworden. Aber klar, man trifft sich mit Leuten, geht zusammen weg, feiert mal eine Party.

Olschewski (Bild oben Mitte): Ich fühle mich da eigentlich recht gut integriert. Ich bin oft in der Bibliothek und esse täglich in der Mensa. Da trifft man natürlich immer wieder Leute. Nur der Feieranteil, der ist sicher zurückgegangen.

Czibulinski (Bild oben rechts): Ein echtes Studentenleben gibt es bei mir nicht, das Seniorenstudium muss neben meinem „echten“ Leben herlaufen. Und ganz ehrlich: Aus dem Partyalter sind wir raus. Mein Mann ist immerhin 83.

Stimmt es, dass Seniorstudenten lieber vorne sitzen?

Czibulinski: Na klar. Das liegt schlicht daran, dass man schlechter hört und es ablenkt, wenn um einen rum geflüstert und ins Handy getippt wird.

Olschewski: Und an der nachlassenden Sehstärke.

Czibulinski: Die Abneigung gegen das Vornesitzen bei den jungen Leuten kommt ja noch aus der Schule: Wer sitzt schon gerne in der ersten Reihe?

Schäfer: Na die Streber.

Czibulinski: Eben. Aber im Ernst, das hat bei uns vor allem physische Gründe.

Gibt es keinerlei Unsicherheiten im Umgang miteinander?

Czibulinski: Nein, wieso denn?

Olschewski: Naja, manchmal überlege ich mir schon, was wohl die jungen Leute von uns denken. Ob die vielleicht genervt sind von uns. Seid ihr genervt?

Schäfer: Also ich persönlich nicht. Und im Gespräch mit Kommilitonen ist das auch kein Thema. Nein, ich denke nicht. Das vermischt sich doch recht gut.

Olschewski: Und genau dieses Mittendrinsein erinnert mich an meine eigene Studienzeit, ich fühle mich wieder jung.

Czibulinski: Tatsächlich? Ich habe eindeutig den Großmutterstatus, das muss man akzeptieren. Aber ich bin immer wieder angetan davon, wie höflich mir die jungen Studenten an der PH gegenübertreten.

Mehr dazu:

PH Freiburg: Seniorenstudium

Das Seniorenstudium an der Pädagogischen Hochschule steht jedem ab 45 Jahren offen. Für eine Pauschale von 100 Euro pro Semester können beliebig viele Veranstaltungen besucht werden, eine Einzelveranstaltung kostet 60 Euro, die Ringvorlesung 40 Euro.'

[Dieser Text erschien heute ebenfalls auf der "Frisch gepresst"-Seite der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung. Fotos: PH, Kunz]